Sportsoldaten: «Sonst haben wir bald DDR-Verhältnisse»
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Sportsoldaten«Sonst haben wir bald DDR-Verhältnisse»

Ueli Maurer ist stolz auf seine Sportsoldaten – und hätte gerne mehr davon. Doch ein SVP-Parteikollege mahnt zur Vorsicht. Und für die SP wäre der Sport bei der Bildung besser aufgehoben.

von
Simon Hehli

Die Schweiz lässt sich die künftig «beste Armee der Welt» einiges kosten: derzeit über vier Milliarden Franken im Jahr. Zumindest in einem Bereich ist Ueli Maurers Truppe aber noch weit von der internationalen Spitze entfernt. Nur gerade ein Bruchteil des Budgets, rund 650 000 Franken, fliesst in die Löhne der 18 Sportsoldaten. Deutschland etwa leistet sich 40-mal so viele Uniformierte, die dem Staat Ruhm und Medaillen einbringen sollen. Obwohl die Schweiz mit der viel kleineren Kelle anrichtet, stellt sich die Frage: Ist die Förderung von Spitzenathleten wirklich eine Aufgabe des Staates?

Ja, findet Christoph Lauener, Sprecher des Bundesamtes für Sport (Baspo). Parlament und Bundesrat sähen im neuen Sportförderungsgesetz, das am 1. Oktober in Kraft tritt, explizit die Förderung des Spitzensportes vor. Die Anstellung von Zeitsoldaten helfe – wie die Spitzensport-RS und die Wiederholungskurse – mit, die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Sports zu steigern.

Ähnlich sehen das die Leser von 20 Minuten Online. Von den über 800 Teilnehmern der Umfrage spricht sich nur ein Viertel gegen die Sportsoldaten aus. Rund 40 Prozent wollen sogar die Stellen für die Vorzeigeathleten auf 36 verdoppeln, wie das Verteidigungsminister Maurer vorschwebt. Das freut Christof Kaufmann, den Mediensprecher von Swiss Olympic. «Wir wären froh, wenn die Armee noch mehr Sportler unterstützen würde, damit wir in dieser Hinsicht den Rückstand auf unsere Nachbarländer verringern könnten.»

Selbst Armeekritiker für Sportengagement

Ganz anderer Meinung ist Stefan Dietiker, Sekretär der Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA): «Ich sehe nicht ein, warum man so etwas Schönes wie den Sport militarisiert.» Roger Federer und praktisch die ganze Fussball-Nati, die alle keinen Militärdienst geleistet hätten, seien Beweis genug, dass es keine Sportförderung durch die Armee brauche. «Sport ist etwas Ziviles und sollte auch zivil gefördert werden.»

Doch mit dieser Haltung steht Dietiker in der Politik ziemlich alleine da. Selbst GSoA-Vordenker und Grünen-Vizepräsident Jo Lang findet: «Solange es eine Armee gibt, habe ich nichts gegen dieses Engagement zugunsten des Sports. Das ist wenigstens etwas Sinnvolles.» FDP-Nationalrat Walter Müller, Mitglied der sicherheitspolitischen Kommission (SiK), sieht die Spitzensportler als Botschafter des Landes: «Wenn Sie Olympia- oder WM-Medaillen gewinnen, sind wir doch alle stolz.» Deshalb unterstützt er Maurers Ausbaupläne. «Bisher machen wir ja im Vergleich zum Ausland nicht übermässig viel für den Sport.»

«Keine DDR-Verhältnisse!»

Zur Vorsicht mahnt Maurers Parteikollege Hans Fehr. «Es darf nie so weit kommen, dass wir Verhältnisse wie in der DDR oder der Sowjetunion bekommen, wo mit allen Mitteln Medaillen erzwungen wurden.» Neidisch auf die grosszügige staatliche Förderung im heutigen Deutschland oder in Österreich zu schielen, bringe nichts. Erstens sei der Schweizer Sport mit dem «beispielslosen Vereinswesen» anders aufgebaut als in unseren Nachbarländern.

Und zweitens sei es schlecht, den Athleten alles auf dem Silbertablett zu servieren, sagt der SVP-Nationalrat: «Das führt zu Trägheit. Ein Sportler muss aber leiden können, um Spitzenleistungen zu erbringen.» Mit einer Verdoppelung der Sportsoldaten-Stellen kann Fehr trotzdem leben. «Solange es nicht plötzlich 100 oder 200 sind, meinetwegen.» Die Sportsoldaten müssten jedoch künftig einen Teil ihrer Zeit als Instruktoren dem Nachwuchs zur Verfügung stellen, fordert er.

Gehört Sport zur Bildung?

Einen anderen Weg schlägt SiK-Präsidentin Chantal Galladé vor. Für die SP-Nationalrätin, deren zweites Steckenpferd die Bildungspolitik ist, steht ausser Frage, dass der Staat sowohl den Breiten- wie auch den Spitzensport fördern muss. Nur bestreitet sie, dass das Aufgabe der Armee ist. «Eine Eiskunstläuferin profitiert kaum, wenn sie zuerst in die Rekrutenschule muss, um überhaupt Chancen auf eine staatliche Unterstützung zu bekommen.» Die Armee solle sich besser auf ihre Kernkompetenz, die Sicherheit, beschränken.

Galladé möchte langfristig dem VBS das «S» für Sport stibitzen und diesen in die neue geschaffene Bildungsabteilung im Volkswirtschaftsdepartement versetzen. Das hat in ihren Augen den Vorteil, dass der Staat die Sportprofis besser mit Weiterbildungsmöglichkeiten für die Zeit nach der Karriere versorgen kann. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann würde sich die Hände reiben, wenn er auch noch den Sport einverleiben könnte – doch kampflos wird Ueli Maurer seine Vorzeigeathleten nicht ziehen lassen.

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