ÖV in der Ukraine: Sowjet-Relikte und Korea-Superzüge
Aktualisiert

ÖV in der UkraineSowjet-Relikte und Korea-Superzüge

Der öffentliche Verkehr in der Ukraine sei schlecht, hiess es vor der EM. Unser Sportchef hat alle möglichen Fortbewegungsmittel getestet - mit erstaunlichem Ergebnis.

von
Reto Fehr
Donezk

Stinkende Taxis, unpünktliche Züge, verlotterte Trams - man erwartet nichts Gutes von den Verkehrsmitteln in der Ukraine. Schliesslich wird da von Fahrten abgeraten und dort der Service schlechtgeredet. Höchste Zeit, die Probe aufs Exempel zu machen. Wie gut oder wie schlecht fährt es sich wirklich im EM-Gastgeberland?

Flugzeug

Die benutzten Flughäfen Warschau, Posen und Kiew sind modern und bieten alles.

Bleibendes Erlebnis: Trotz fünf besetzten Schaltern fast zwei Stunden anstehen, um den verpassten Anschlussflug umzubuchen.

Kosten: Ziemlich früh gebuchter Hin- und Rückflug billig (je ca. 200 Fr.), kurzfristiger Flug von Posen via Warschau nach Kiew ziemlich teuer (500 Fr.)

Fazit: Alles wie auf anderen europäischen Flughäfen.

Zug:

Automatische Glasschiebetüren, überall WiFi, verstellbare und bequeme Sessel, Steckdosen, Tischchen, Fussstützen und Kopfhörer: Nein, ich sitze nicht im neusten Zug Japans, sondern in der Eisenbahn zwischen Kiew und Charkow. Es fehlt schlicht an nichts. Der Zug fährt pünktlich ab und während ich meine unendliche Beinfreiheit geniesse, erklärt das Informations-TV alles rund um den Zug. Die LED-Anzeige sagt: Draussen ist es 25 Grad, drinnen 21 und wir fahren gerade mit 159 km/h Richtung Osten.

Fitnesscenter im Hidropark

Auf dem zweiten Teilstück nach Donezk werden in der 2. Klasse auf den TV-Bildschirmen zwei Filme gezeigt - leider auf Ukrainisch. Aber anderen Mitfahrenden nach müssen diese ziemlich witzig sein. Es ist eine unerwartet schöne Überraschung. Wie viel habe ich vor meiner Reise über diese Strecke gelesen. Die Züge seien alt, die Gleise nicht fertig, buchen könne man nicht im Voraus und sowieso sei es extrem schwierig, einen Platz im Zug zu ergattern. Selbst Einheimische sagten kurz vor der EM noch: «Keine Ahnung, wie das funktionieren soll.» Doch wenige Tage vor dem EM-Start trafen die hypermodernen Fahrzeuge aus Südkorea ein.

Holländische Party

Einige Kyrillisch-Kenntnisse vorausgesetzt, war das Buchen des Zugs via Internet kein Problem. Den Voucher tausche ich am dafür vorgesehen Schalter (fast 24 Stunden offen) am Hauptbahnhof von Kiew ins Ticket um. Übers Internet bestellen: Mein Couchsurfing-Gastgeber Igor und seine Freunde haben davon noch nie gehört. Das sei alles für die Euro neu gemacht worden.

Fanzone in Kiew

Bleibendes Erlebnis: Im Zug von Kiew nach Charkow übergibt sich ein Holländer sechs Reihen weiter vorne beim Einsteigen. Unter anderem begräbt er mit der Sauce sein Ticket - seine Kollegen finden es unglaublich witzig, die Kondukteurin überhaupt nicht und zwei Security-Typen begleiten den Trunkenbold aufs WC. Dort bleibt er die ganzen fünf Stunden lang. Die Sauerei wird derweil sofort geputzt.

Kosten: Die Fahrt von Kiew nach Charkow ist in der 1. Klasse, aber der Preis mit rund 40 Franken ein Schnäppchen für eine fünfstündige Fahrt. Einheimische sehen dies anders: Für sie ist das neue Superding ein Fluch, denn wie mir gesagt wird, hat die Bahngesellschaft gleichzeitig den beliebten und günstigen Nachtzug gestrichen. Auf der Fahrt von Charkow nach Donezk löse ich die 2. Klasse für rund 10 Franken - auch hier ein Zugerlebnis, wie es selbst moderne Schweizer Züge kaum bieten können.

Fazit: Unerwartet hoher Komfort. Sehr pünktlich, aber leider ein Informationschaos im Voraus und bei der Ticketbeschaffung. Meine Sitznachbarn auf der Fahrt nach Donezk erzählen, dass sie zuvor bis Charkow mit dem oben erwähnten Nachtzug kamen. Den gibts also doch noch.

Metro

Hypermoderne Technikwunder sucht man im Stadtverkehr vergebens. Die Metros in der Ukraine sind heruntergekommen wie in vielen Metropolen der Welt, aber genauso einfach zu verstehen. Das Streckennetz ist kompakt und gut beschriftet.

Bleibendes Erlebnis: Vom Campingplatz in Charkow zur Metrostation ists ungefähr ein Kilometer. Ich frage einen Passanten, ob er mir den Weg zeigen kann - er begleitet mich gleich zur Station und hilft mir beim Ticket lösen.

Kosten: Mit zwei Hrywnja (rund 25 Rappen) pro Fahrt preiswert.

Fazit: Für die Euro wurden die Stationen in Kiew nummeriert und zusätzlich mit unserem Alphabet beschriftet. In allen Städten erfolgen die Durchsagen auch auf Englisch. Hier geht man nicht verloren und kommt schnell und bequem zum Ziel.

Stadtbus

In Kiew sind sie gelb, in Charkow grün und in Donezk gelb oder weiss. Alle sind sie uralt, stickig und lottern. Fahrpläne sehe ich keine, das Busnetz ist im ersten Moment undurchschaubar. Englischkenntnisse sind beim Personal nicht vorhanden. Auf dem Weg vom Campingplatz ins Stadtzentrum von Charkow verfahre ich mich zweimal - dann gebe ich auf und steige aufs Tram um.

Bleibendes Erlebnis: In Donezk muss ich bis zur Endstation der einen Linie und dort umsteigen. Dabei hilft mir ein Mitfahrer trotz null Englischkenntnissen. Er fragt sich für mich an der Haltestelle nach dem richtigen Anschlussbus um.

Kosten: Pro Fahrt zwei bis drei Hrywnja (rund 40 Rappen). Allerdings schenkt mir der erste Chauffeur das Ticket, als er merkt, dass ich Ausländer bin. Ansonsten legen die Fahrgäste ihre Geldscheine einfach auf eine Ablage neben dem Fahrer oder reichen sie von ganz hinten nach vorne. Würde jemand nicht bezahlen, der Fahrer würde es nicht merken. Ich glaube aber, keiner fährt schwarz.

Fazit: Spannendes Erlebnis, aber für Fan- oder Touristentransport nicht optimal, da nicht gleich verständlich und meist überfüllt.

Tram

Das nächste Sowjet-Relikt, das die Gegend unsicher macht. Wie überall im Lokalverkehr sind Englischkenntnisse bei praktisch niemandem vorhanden. Auch hier fehlt ein Fahrplan. Aber die Leute helfen mit Hand und Fuss oder begleiten mich gleich zum richtigen Tram - Hilfsbereitschaft wird auch in der Ukraine gross geschrieben.

Bleibendes Erlebnis: Unglaublich alte und rostige Gefährte. So stelle ich mir den Transport während der Sowjet-Zeit vor.

Kosten: Für nur 1,50 Hrywnja (20 Rappen) gibts eine Fahrt.

Fazit: Übersichtlicher als der Busverkehr, Grenzfall für Touristen.

Taxi

Potenziell ist jedes Gefährt mit vier Rädern und einem freien Platz ein Taxi, alle wollen während der Euro etwas Geld machen. Die Fahrer haben irgendwie alle zu viel Formel 1 geschaut: Sie rasen und drängeln in ihren teilweise alten Autos oft gefährlich. Englischkenntnisse sind selten.

Bleibendes Erlebnis: Einmal steige ich bei einem ein, der seine Frau am Bahnhof abholt und mit mir gerade noch ein Geschäft machen kann.

Kosten: Verhältnismässig teuer. Rund 100 Hrywnja (12 Franken) für ca. 20 Minuten Fahrt. Oft muss man hart verhandeln, um einen (vermutlich) guten Preis herauszuholen.

Fazit: Für mich die gefährlichste Transportvariante, aber natürlich praktisch.

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