Recht auf Ferien: Sozialhilfe soll Reisegeld für Arme bezahlen
Aktualisiert

Recht auf FerienSozialhilfe soll Reisegeld für Arme bezahlen

Eine deutsche Politikerin will Sozialhilfebezügern die Ferien bezahlen. Das wünscht man sich auch in der Schweiz. Probleme gibt es aber bei der Umsetzung.

von
Florian Meier
Die deutsche Linken-Chefin Katja Kipping will Sozialhilfebezügern jährlich 500 Euro Reisegeld bezahlen. Diese Idee findet auch in der Schweiz Anklang. (Symbolbild)

Die deutsche Linken-Chefin Katja Kipping will Sozialhilfebezügern jährlich 500 Euro Reisegeld bezahlen. Diese Idee findet auch in der Schweiz Anklang. (Symbolbild)

«Es muss ein Recht auf Urlaub geben.» Mit diesem Satz begründet die deutsche Linken-Chefin Katja Kipping ihre Forderung nach einem Feriengeld für alle. Menschen, die von der Sozialhilfe abhängig sind, sollen jährlich einen Gutschein im Wert von 500 Euro bekommen. Dies würde reichen, um zwei Wochen Ferien in einer Jugendherberge bezahlen zu können. Ausserdem sollen die Kinder von Bedürftigen mindestens einmal im Jahr ein Ferienlager besuchen können. Dies meldet Focus online.

Bea Heim, Nationalrätin der SP (SO), könnte sich ein solches Recht auf Ferien auch für die Schweiz vorstellen. «Armut trifft oft Familien. Vor allem viele Alleinerziehende sind trotz Erwerbsarbeit auf Sozialhilfe angewiesen. Für sie ist es besonders schwierig, sich einmal eine Auszeit zu nehmen und den Kindern Erlebnisse und Zeit für Gemeinsamkeiten zu bieten.» Dass ein gewisses Reisegeld in das Sozialhilfebudget eingerechnet wird, findet sie deshalb sinnvoll. «Wir sprechen hier nicht von Luxusferien in der Karibik. Aber ein paar Tage in die Berge zu reisen, sollte möglich sein.» Das Ganze über die Abgabe von Gutscheinen zu regeln, findet sie aber nicht die geeignete Lösung. Viel einfacher sei es, wenn die Familie innerhalb des finanziellen Rahmens ihre Ferien wählt.

Ferien gehören nicht zum Grundbedarf

Auch Ulrike Seifart von der Caritas ist vom Vorschlag aus Deutschland angetan. «Arm zu sein, ist Stress pur.» Man lebe ständig am Existenzminimum und wisse nicht, wie die nächsten Rechnungen bezahlt werden sollen. «Dazu kommt, dass solche Leute meist in ungünstigen Wohnlagen wie verkehrsreichen Strassen wohnen, wo die Erholung ohnehin viel zu kurz kommt.» Ein längerer Ausflug könne da Wunder wirken. Bedenken äussert Seifart bei der Umsetzung. Man müsse derzeit dafür kämpfen, dass die Sozialleistungen nicht gekürzt werden. «Im gleichen Atemzug eine Erhöhung zu fordern, wäre kaum möglich.»

Therese Frösch von der Schweizerischen Komission für Sozialhilfe (SKOS) betont, dass es nicht die Aufgabe des Staates ist, Bedürftigen jedes Jahr eine Reise zu bezahlen. «Die Sozialhilfe soll jedem Menschen das Existenzminimum garantieren.» Dazu gehören Dinge wie ein Dach über dem Kopf oder genügend zu essen - nicht aber, dass man in den Ferien verreisen kann.

Sozialhilfeempfängerin reiste nach Marokko

Allerdings gibt es schon jetzt die Möglichkeit, dass die Sozialhilfe in Spezialfällen für Reisekosten aufkommt. «Ich erinnere mich an eine Mutter, die über Jahre auf unsere Unterstützung angewiesen war. Als wir merkten, dass sie an ihre Grenzen kommt, haben wir ihr eine günstige Ferienwohnung an einem Ort in den Bergen bezahlt», sagt Ernst Schedler von den sozialen Diensten Winterthur. Solche Fälle seien aber die Ausnahme und daher sehr selten.

Dass Sozialhilfebezüger überhaupt verreisen können, sorgt immer wieder für Gesprächsstoff. Eine alleinerziehende Mutter aus Brugg AG verreiste beispielsweise mit ihren drei Kindern nach Marokko in die Badeferien. Die Frau lebt von der Sozialhilfe, konnte aber nicht erklären, woher sie das Geld für die Reise hatte. Jürg Schönenberger, Leiter der Sozialen Dienste Brugg, hatte mit diesem Fall zu tun. Dass Sozialhilfebezüger Geld fürs Reisen erhalten sollen, kann er nicht verstehen. «Wir verlangen von diesen Leuten nur, dass sie sich je nach Situation um eine Arbeitsstelle bemühen. Als Gegenleistung bekommen sie von uns den gesamten Lebensunterhalt finanziert. Ich sehe nicht ein, warum wir jetzt auch noch für Reisekosten aufkommen sollen.»

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