Aktualisiert 06.02.2008 11:58

«Sozialpolitische Schrittmacherin wurde betriebsblind»

Dass der Rücktritt der Zürcher Stadträtin Monika Stocker unvermeidbar war, darüber herrscht in den meisten Zeitungen Einigkeit. Hart ins Gericht gingen manche Medien mit sich selber.

Die einen werten dies als Chance für einen Neuanfang im Zürcher Sozialamt, die anderen bedauern die Umstände des Abgangs.

Für die «Neue Zürcher Zeitung» steht fest, dass Stocker nicht unter dem Druck der Medienkampagne zurückgetreten ist. Zu Fall gebracht habe sie ihre eigene Uneinsichtigkeit, schreibt die «NZZ».

Sie selbst habe durch ihr Verhalten der Kritik immer wieder neue Nahrung geliefert. Gleichzeitig erinnert die «NZZ» daran, dass Stocker in der Zürcher Sozialhilfe einiges bewegt habe. Diese Errungenschaften müssten bewahrt werden, doch sei jetzt ein Neuanfang nötig.

Auch der «Tages-Anzeiger» wertet Stockers Rücktritt als Chance für einen Neubeginn. Allerdings betont auch er, dass Stocker in der Sozialhilfe und der Drogenpolitik Pionierarbeit geleistet habe. Doch machten Erfolg und Macht einsam. Sie «immunisieren dagegen, aus Fehlern zu lernen.»

«Stocker hätte gar nicht so viel anders machen müssen», schreibt der «Bund». Wäre sie bereit gewesen, Details in Organisation und Praxis zu überdenken und die Sozialinspektoren rechtzeitig ihre Arbeit tun lassen, «wäre der Wind in den Segeln der Gegner schwächer gewesen.»

Für die «Basler Zeitung» wirft Stockers Rücktritt auch ein bedenkliches Licht auf die mediale und politische Kultur der grössten Schweizer Stadt.

Nicht harte Fakten hätten die Stadträtin zu Fall gebracht, bilanziert die Basler Zeitung». Von der Missbrauchs-Kampagne der «Weltwoche» sei «ein einziger klarer Fehler» übrig geblieben. Trotzdem sei Stocker von der «SVP-nahen Weltwoche-Mannschaft regelrecht niedergeköppelt» worden, «bis ihr Herz sie mahnte, den Rückzug anzutreten.»

Zu lange um Missbrauch foutiert

Lange habe Stocker den Meldungen aus ihrem Departement wenig Bedeutung beigemessen, findet die «Neue Luzerner Zeitung». «Zu lange zweifelsohne foutierte sie sich auch um den Missbrauch von Fürsorgegeldern.» Ihr Rücktritt ermögliche zwar keinen Neuanfang im Fürsorgebereich, lege aber den Weg aus einer verfahrenen Situation frei.

Der «Blick» schreibt von einem «Rücktritt der Blauäugigkeit». Die Sozialvorsteherin sei davon ausgegangen, «dass die allermeisten Menschen, die bei den Sozialämtern anklopfen, erstens grundehrlich sind und zweitens nichts lieber wollen als arbeiten.» So viel Treuherzigkeit, schreibt der «Blick», habe in die Sackgasse führen müssen.

Der Winterthurer «Landbote» hätte Stocker einen rühmlicheren Rücktritt gegönnt. In ihrem Amt habe sie vieles angerissen, «das heute nationale Gültigkeit hat». Als «Gesinnungstäterin» habe sie ihre Aufgabe aber allzu einseitig als «Dienst an den sozial Benachteiligten» verstanden, Kritik habe sie kaum annnehmen können.

Sozialpolitische Schrittmacherin

«Stockers sture Kritikunfähigkeit» habe ihrem höchsten politischen Anliegen, der sozialen Gerechtigkeit, am meisten geschadet, schreibt auch die «Zürcher Landzeitung». Vom Abgang der Stadträtin profitierten deshalb alle. Nun könne der Zürcher Stadtrat wieder unbelastet vom medialen Hickhack um die Sozialvorsteherin arbeiten.

«Die sozialpolitische Schrittmacherin wurde, so scheint es, mit den Jahren zusehends betriebsblind», heisst es in der «Limmattaler Zeitung». Dem Thema Sozialhilfemissbrauch habe sich die innovative Sozialpolitikerin viel zu lange und konsequent verschlossen. «Stockers Abgang könnte für alle Politiker in Regierungsämtern eine Warnung sein.»

(sda)

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