12.06.2020 02:55

«Frauen gehen unter»

SP-Frauen rufen zum Boykott von reinen Männer-Diskussionsrunden auf

Die SP-Frauen wollen Veranstaltungen boykottieren, an denen nur Männer als Experten oder Redner auftreten. Selbst für einige Frauen ist ein Boykott aber der falsche Weg.

von
Claudius Seemann, Daniel Graf, Daniel Krähenbühl
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Am 14. Juni 2019 demonstrierten Hunderttausende Frauen für mehr Gleichstellung und bessere Chancen im Arbeitsmarkt. Laut den SP-Frauen hat sich seither aber viel zu wenig getan.

Am 14. Juni 2019 demonstrierten Hunderttausende Frauen für mehr Gleichstellung und bessere Chancen im Arbeitsmarkt. Laut den SP-Frauen hat sich seither aber viel zu wenig getan.

KEYSTONE
 In einer Medienmitteilung kündigen sie deshalb an, künftig Veranstaltungen zu boykottieren, an denen nur Männer als Experten oder Redner eingeladen sind.

In einer Medienmitteilung kündigen sie deshalb an, künftig Veranstaltungen zu boykottieren, an denen nur Männer als Experten oder Redner eingeladen sind.

SP-Frauen
Tamara Funiciello, Co-Präsidentin der SP-Frauen, sagt: «Bei sieben von neun Einladungen, die ich in den letzten Tagen für Informationsveranstaltungen erhalten habe, waren ausschliesslich Männer als Experten eingeladen. Das ist nicht akzeptabel.»

Tamara Funiciello, Co-Präsidentin der SP-Frauen, sagt: «Bei sieben von neun Einladungen, die ich in den letzten Tagen für Informationsveranstaltungen erhalten habe, waren ausschliesslich Männer als Experten eingeladen. Das ist nicht akzeptabel.»

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Darum gehts

  • Die SP-Frauen rufen dazu auf, Veranstaltungen zu boykottieren, an denen nur Männer als Experten oder Redner eingeladen sind.
  • SP-Nationalrätin Tamara Funiciello sieht die Veranstalter in der Pflicht: «Sie sollten sich für ihre Veranstaltungen vielleicht etwas mehr Zeit nehmen, um eine Frau als Expertin einzuladen.»
  • «Wenn man will, dass mehr Frauen in Experten- und Spitzenpositionen an Diskussionsrunden teilnehmen, muss man dafür sorgen, dass mehr Frauen in Experten- und Spitzenpositionen befördert werden», sagt FDP-Nationalrätin Doris Fiala.
  • Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Zürich, begrüsst das Engagement. Ein Boykott sei aber erst als Ultima Ratio zu empfehlen.

Am 14. Juni 2019 demonstrierten Hunderttausende Frauen für mehr Gleichstellung und bessere Chancen im Arbeitsmarkt. Laut den SP-Frauen hat sich seither aber viel zu wenig getan. In einer Medienmitteilung kündigen sie deshalb an, künftig Veranstaltungen zu boykottieren, an denen nur Männer als Experten oder Redner eingeladen sind.

Tamara Funiciello, Co-Präsidentin der SP-Frauen, sagt: «Bei sieben von neun Einladungen, die ich in den letzten Tagen für Informationsveranstaltungen erhalten habe, waren ausschliesslich Männer als Experten eingeladen. Das ist nicht akzeptabel.» Die SP-Nationalrätin sieht die Veranstalter in der Pflicht: «Sie sollten mehr mitdenken und sich für ihre Veranstaltungen vielleicht etwas mehr Zeit nehmen, um eine Frau als Expertin einzuladen.»

«Es braucht mehr Frauen in Experten- und Spitzenpositionen»

Wenn Frauen kaum an Panels mitdiskutieren, können sie laut Funiciello auch kein persönliches Netzwerk aufbauen. «So werden sie auch künftig nicht eingeladen und sie gehen in der Vielzahl an Veranstaltungen unter.» Ziel ist es laut Funiciello, mit der Aktion auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. «Frauen müssen sichtbar sein und gehört werden.»

Für FDP-Nationalrätin Doris Fiala ist es nicht überraschend, dass an Podien und Infoveranstaltungen deutlich mehr Männer auftreten als Frauen: «Wenn man will, dass mehr Frauen in Experten- und Spitzenpositionen an Diskussionsrunden teilnehmen, muss man dafür sorgen, dass mehr Frauen in Experten- und Spitzenpositionen befördert werden.»

«Ein Boykott ist der falsche Weg»

«Hinzu kommt, dass Frauen durch familiäre, berufliche und etwa politische Verpflichtungen eine Mehrfachbelastung aufweisen, die sie davon abhalten, Leitungsfunktionen zu übernehmen», sagt Fiala. Ein Boykott von reinen Männerrunden sei daher für sie der falsche Weg. «Wir müssen hingehen und uns Gehör verschaffen – damit wir fragen können, wieso keine Frauen eingeladen wurden.»

Auch FDP-Nationalrätin Christa Markwalder hält ein Boykott für keine gute Idee: «Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen darauf achten, dass Podien ausgeglichen besetzt sind.» Selbst bei von ihr organisierten Anlässen, die an Frauen gerichtet sind, lade sie Männer ein. «Statt einem Boykott von reinen Männerpodien wäre ein Dialog aber besser geeignet.»

«Wer wirklich eine Expertin sucht, findet auch eine»

Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Zürich, begrüsst das Engagement: «Reine Männerrunden sind schon seit der Einführung des Frauenstimmrechts nicht mehr zeitgemäss.» Bevor die Männerrunden boykottiert werden, plädiert Trachsel aber dafür, sie mit Frauen zu «überfluten»: «Frauen sollen sich aktiv melden, Kolleginnen als Expertinnen vorschlagen, reagieren, wenn sie Einladungen zu reinen Männerrunden erhalten.» Erst wenn das nichts bringe, sei ein Boykott der nächste Schritt.

Trachsel gibt zu bedenken, dass Frauen sich weniger schnell als Experten betiteln als ihre männlichen Kollegen. «Hier brauchte es von den Veranstaltenden etwas mehr Unterstützung, etwa, indem man den angefragten Frauen vorab mitteilt, welche Fragen gestellt werden», sagt Trachsel. Sie ist überzeugt: «Wer wirklich eine Frau als Expertin zu einem Themengebiet sucht, findet auch eine – ob eine Bauingenieurin oder eine Robotikexpertin spielt dabei keine Rolle.»

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