Aktualisiert 10.07.2018 08:58

Heimat-Debatte

SP greift mit «linkem Patriotismus» die SVP an

Die SVP prägt den Diskurs darüber, was die Schweiz ausmacht. Jetzt will auch die Linke einen Heimatbegriff definieren – und streitet sich bereits.

von
P. Michel
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Der SP-Nationalrat Beat Jans will den Rechten den Heimatbegriff streitig machen. Dazu veröffentlicht er 2019 das Buch «Heimat für Linke». Er selbst sei stolz auf die Schweiz und «irgendwie Patriot», sagt Jans.

Der SP-Nationalrat Beat Jans will den Rechten den Heimatbegriff streitig machen. Dazu veröffentlicht er 2019 das Buch «Heimat für Linke». Er selbst sei stolz auf die Schweiz und «irgendwie Patriot», sagt Jans.

Keystone/Georgios Kefalas
Als Gegenpol zur «Rütli-Schweiz» stellt er folgende Schweizer Werte. Die direkte Demokratie («eine gewaltige Errungenschaft»)...

Als Gegenpol zur «Rütli-Schweiz» stellt er folgende Schweizer Werte. Die direkte Demokratie («eine gewaltige Errungenschaft»)...

Keystone/Gian Ehrenzeller
... die humanitäre Tradition («macht unser Land aus»)...

... die humanitäre Tradition («macht unser Land aus»)...

Keystone/Jean-christophe Bott

Schüler lernen den Schweizerpsalm, das Schweizerwappen trägt ein christliches Kreuz, die Volkskultur ist der «elitären Subventionskultur» überlegen: In ihrem neuen Parteiprogramm 2019–2023, das einen Fokus auf die «Heimat» legt, umschreibt die die SVP klar, was für sie die Schweiz ausmacht. Im Entwurf, der 20 Minuten vorliegt, heisst es: «Patriotismus ist ein positives Gefühl. Wir dürfen stolz und dankbar sein, in der Schweiz leben zu dürfen.» Auch die Ursprungsmythen der Schweiz werden bemüht: «Wilhelm Tell steht für das Recht auf Widerstand, Arnold von Winkelried für das eidgenössische Prinzip ‹Einer für alle, alle für einen›.»

Der Deutungshoheit bei der Definition, was die Schweiz ausmacht, will SP-Nationalrat Beat Jans nun einen linken Patriotismus gegenüberstellen, wie die «Aargauer Zeitung» schreibt. Dazu lanciert er das Buch «Heimat für Linke», das im Wahljahr 2019 erscheinen soll. Er selbst sei stolz auf die Schweiz und sei «irgendwie Patriot», sagt Jans.

Auch Linke sollen sich als Patrioten bekennen

Die «Rütli-Schweiz» der SVP greift Jans mit folgenden Punkten an: direkte Demokratie («eine gewaltige Errungenschaft»), die humanitäre Tradition («macht unser Land aus»), Service public («die SBB gehört uns allen») und der Genossenschafts-Gedanke («Gewinne gehen nicht einfach an Private»). Die praktisch gleichen Werte schlug auch schon SP-Ständerätin Anita Fetz für einen linken Patriotismus vor, statt «an der Schweiz zu leiden». Es müsse möglich sein, sich als Linke mit Schweizer-Kreuz-T-Shirt als Patriotin zu outen. «Es war ein kapitaler Fehler vor lauter ‹politischer Korrektheit› nicht mehr vom Volk, unserer Heimat und den schweizerischen Werten zu reden. Herzen und Meinungen von Menschen kann man nicht mit politisch korrekten, intellektuellen Analysen erreichen.»

Parteikollege Fabian Molina findet es wichtig, den Heimatbegriff nicht den Rechten zu überlassen. «Unsere Wähler erwarten von links auch konkrete Vorstellungen davon, wie das Zusammenleben in der Schweiz funktionieren soll – und dazu gehören auch Antworten darauf, was für uns die Schweiz ausmacht.» Hier könne die SP sicher noch besser klarmachen, welche Werte die Schweiz aus linker Sicht definierten.

Juso übt Kritik an Patriotismus-Konzept

Doch bereits bei der Frage, ob es überhaupt einen linken Patriotismus braucht, ist die Partei gespalten: Kritik kommt etwa von der Jungpartei Juso. «Ein linker Patriotismus ist nicht zielführend», sagt Juso-Vizepräsident Lewin Lempert zu 20 Minuten. Er verstehe zwar, dass man auch aus linker Sicht auf Errungenschaften wie die direkte Demokratie verweisen und deren Bedeutung für die Schweiz hervorheben könne. «Aber gerade das Beispiel direkte Demokratie zeigt: Das war unter anderem ein Import aus der Zeit Napoleons und keine reine Schweizer Erfindung.»

Ein linker Patriotismus, der seinerseits sogenannte urschweizerische Dinge propagiere, die es gar nicht gebe, nehme wieder Ausgrenzungen vor. Deshalb glaube er nicht, dass damit die Menschen für linke Ideen mobilisiert werden könnten. Um dem Rechtspopulismus beizukommen, schlägt Lempert vor: «Statt selbst in nationalistische Kategorien zu verfallen, sollten wir mit Gemeinsamkeiten entlang der gesellschaftlichen Bruchlinien mobilisieren: Arbeiter gegen Konzerne, Normal- und Geringverdienerinnen gegen Superreiche.»

«Linke hat gestörtes Verhältnis zur Heimat»

Peter Keller, SVP-Nationalrat und Autor des neuen Parteiprogramms, freut sich, dass sich die SP des Themas Heimat annimmt. «Nachdem die Linke lange alles Schweizerische verteufelt hat, scheint auch sie zu merken, dass im Patriotismus auch Positives steckt.» Keller betont, die SVP habe den Heimatbegriff nicht besetzt, sondern sich lediglich ständig dazu bekannt, während die SP ein gestörtes Verhältnis zur Heimat pflege. «Oft schaute man von links verächtlich auf Traditionen, die Volkskultur oder die Schweizer Geschichte herab», sagt Keller.

Das unterscheidet Patriotismus von Nationalismus

Der Duden definiert Patriotismus als «begeisterte Liebe zum Vaterland», als Synonyme sind «Heimatliebe» oder «Nationalgefühl» aufgeführt. Patriotismus ist jedoch nicht gleich Nationalismus: Patrioten identifizieren sich mit Landsleuten und dem Land, stellen die eigene Nation aber nicht über andere, indem sie diese abwerten. In der Schweiz entstand der Patriotismus nach der Bundesstaatsgründung 1848. Er erreichte einen Höhepunkt während der Geistigen Landesverteidigung im Zweiten Weltkrieg.

Verfängt der linke Heimatbegriff?

Tarik Abou-Chadi, Assistenzprofessor für Direkte Demokratie und Politische Partizipation an der Universität Zürich und Forscher am Zentrum für Demokratie in Aarau, hat Zweifel. «Identität durch Heimat ist einfach viel mehr diffus als etwa Identität durch Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse.» Linke Politik basiere aber auf der Feststellung solcher Unterschiede und dem Wunsch diese zu verändern. Zudem funktioniere linke «Heimatpolitik» nie ohne ein Mindestmass an Nationalismus, Folklore oder traditionellen Patriotismus. «Es gibt auch keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass die Besetzung solcher Themen sozialdemokratischen Parteien hilft, Wähler von rechtspopulistischen Parteien zurückzugewinnen», sagt Abou-Chadi.

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