Aktualisiert 02.09.2016 06:27

Im Tessin verhaftet

SP-Politikerin schmuggelt Migranten über Grenze

Eine Tessiner SP-Grossrätin hat minderjährige afrikanische Migranten aus Italien über die Schweizer Grenze gebracht. Sie wurde heute Morgen verhaftet.

von
lüs/ann
Die Tessiner SP-Grossrätin Lisa Bosia Mirra.

Die Tessiner SP-Grossrätin Lisa Bosia Mirra.

Keystone

Eine Tessiner Grossrätin ist in Stabio TI am Donnerstagmorgen festgenommen worden, weil sie Migranten über die Grenze brachte. Dies teilt die Staatsanwaltschaft Tessin mit. Bei der Verhafteten handelt es sich um die SP-Frau Lisa Bosia Mirra, wie Tio.ch berichtet. Bosia Mirra ist die Gründerin der Tessiner Flüchtlingshilfeorganisation Firdaus.

Die 43-jährige Politikerin aus dem Mendrisiotto sass am Steuer eines Autos mit Tessiner Kennzeichen. Hinter ihr fuhr ein Van mit Berner Nummern, in dem ein 53-jähriger Schweizer aus dem Kanton Bern sass. In diesem Fahrzeug befanden sich laut der Staatsanwaltschaft vier minderjährige Migranten aus Afrika. Nachdem die Autos die Schweizer Grenze überquert hatten, wurden sie bei San Pietro di Stabio von der Grenzwache gestoppt und Bosia Mirra sowie der 53-jährige Berner verhaftet.

Eigene Hilfsorganisation gegründet

Gegen die beiden läuft nun eine Untersuchung, in die die Kantonspolizei Tessin, die Grenzwache und das Fedpol involviert sind. Vorgeworfen wird der Politikerin und ihrem Begleiter die Unterstützung illegaler Einreisen.

Bosia Mirra engagiert sich schon seit langem für Flüchtlinge. Im Oktober 2015 hat sie aber ihre eigene Hilfsorganisation, die Associazione Firdaus gegründet. Auslöser dafür waren Berichte über die katastrophalen Lage an der serbisch-kroatischen Grenze bei Berkasovo im Oktober 2015.

Fast täglich für Flüchtlinge unterwegs

Damals warteten dort Tausende Migranten. Es gab nicht genug Medikamente, Kleider oder Zelte. Auf Facebook schrieb Bosia Mirra damals «ich schäme mich, ich schäme mich, es reicht!». Doch sie beliess es nicht beim Post. Mit Hilfe von Aufrufen in den sozialen Medien schaffte sie es innert 10 Tagen 80 Kubikmeter Materialspenden zusammenzutragen und mittels Lastwagen nach Serbien zu bringen.

Mit der Verlagerung der Flüchtlingsproblematik vor die eigene Grenze ist die Tessinerin, die mittlerweile Grossrätin der SP ist, fast täglich für die Flüchtlinge in Como unterwegs. Sie erntet dafür aber nicht nur Applaus. Vor allem von rechter Seite wird sie scharf kritisiert. So wird ihr vorgeworfen, sie wolle die Schweizer Grenzen für Flüchtlinge öffnen und schwärze die Schweizer Grenzwächter bei jeder Gelegenheit an.

Kritiker in den eigenen Reihen

Auch in den Reihen der SP hat sie nicht nur Freunde, weil sie oft kein Blatt vor den Mund nimmt und auch nicht davor zurückschreckt, die eigenen Leute zu brüskieren. Doch das beirrt Bosia Mirra nicht. «Flüchtlingen zu helfen ist eine persönliche Angelegenheit, kein Job», sagt sie.

Ex-Staatsanwalt nimmt Lisa Bosia Mirra in Schutz

Der frühere Tessiner Staatsanwalt Paolo Bernasconi sagte dem «Tages-Anzeiger», dass die SP-Kantonsrätin Lisa Bosia Mirra nicht verhaftet, sondern lediglich verhört wurde. «Die Tessiner Staatsanwaltschaft wird nun abklären müssen, ob es sich um eine illegale Einreise der afrikanischen Migranten gemäss Ausländergesetz handelt und ob Bosia Mirra dazu Gehilfenschaft geleistet hat», sagt Bernasconi zu der Zeitung.

Er betont: «Man darf Lisa Bosia Mirra nicht als Menschenschlepperin abstempeln. Es war kein Menschenschmuggel, das wissen wir.» Laut Bernasconi ist Mirra so etwas wie die «Mutter Teresa von Como» und habe aus rein humanitären Gründen gehandelt.

Weiter verweist der Ex-Staatsanwalt auf einen Fall aus dem Jahre 1974. Gegen einen protestantischen Pfarrer aus dem Tessin wurde damals eine Strafanzeige eingereicht, weil er gestanden hatte, 400 chilenische Flüchtlinge bei der illegalen Einreise in die Schweiz geholfen zu haben. «Die Tessiner Staatsanwaltschaft stellte das Strafverfahren ein, weil der Geistliche aus humanitären Gründen geholfen hatte», so Bernasconi. Auch in den letzten Wochen habe die Staatsanwaltschaft aus den gleichen Gründen eingereichten Anzeigen keine Folge geleistet.

(Übernommen von Tagesanzeiger/Newsnet, bearbeitet von 20 Minuten.)

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