Aktualisiert 24.05.2015 07:08

Wahlen in Spanien

«Spanien hätte von der Schweiz lernen sollen»

Die Kommunalwahlen am Sonntag werden in Katalonien mit Hochspannung erwartet. Warum, erklärt der Vertreter der katalanischen Regierung in der Schweiz, Martí Anglada.

von
K. Leuthold
Viele Katalanen befürworten die Unabhängigkeit von Spanien. Die Wahlen vom Sonntag gelten daher als Stimmungsbarometer für die Parlamentswahlen vom 27. September.

Viele Katalanen befürworten die Unabhängigkeit von Spanien. Die Wahlen vom Sonntag gelten daher als Stimmungsbarometer für die Parlamentswahlen vom 27. September.

Am Sonntag finden in Katalonien Kommunalwahlen statt. Die letzten Umfragen zeigen einen deutlichen Trend zum Erfolg der Protestpartei Ciudadanos («Bürger»).

Die Partei wurde in Barcelona gegründet und spricht sich für eine liberale Wirtschaftspolitik aus. Sie kämpft gegen Korruption und Bürokratie — aber auch gegen die Unabhängigkeit der Region Katalonien. Zu diesem Thema positioniert sich Ciudadanos äusserst extremistisch: Sie will den Katalanen sogar verbieten, über deren Autonomie abzustimmen.

20 Minuten sprach mit dem Vertreter der katalanischen Regierung in Frankreich und der Schweiz, Martí Anglada, über den eindringlichen Wunsch eines Teils der katalanischen Gesellschaft, sich von Spanien zu trennen.

Herr Anglada, warum will Katalonien die Unabhängigkeit?

Es ist eine kulturelle Frage. Katalonien hat eine eigene Kultur und Sprache, die im aktuellen politischen Rahmen in Spanien nicht genug Anerkennung finden. Die Unabhängigkeit würde uns erlauben, unsere Kultur vor den zentralisierenden Angriffen zu beschützen.

Ein weiterer Grund ist die Kluft zwischen Katalonien und der Regierung in Madrid. Nachdem im Jahr 2010 das Verfassungsgericht unser Autonomiestatut von 2006 als verfassungswidrig eingestuft hatte, wurde das Vertrauen gebrochen. Unsere Hoffnung, dass wir einen katalanischen Staat innerhalb des spanischen Staates haben können, starb mit diesem Urteil.

Was unterscheidet Katalanen von Spaniern?

Wir sind sehr verschieden. Der Spanier verwaltet gerne. Wir Katalanen hingegen sind Händler. Wir haben eine ganz andere Vision, was Macht angeht.

Warum zögert sich der Unabhängigkeitsprozess hinaus?

Wir müssten zuerst überhaupt wissen, wie viele Katalanen sich für die Unabhängigkeit aussprechen. Aber das wissen wir nicht, weil Madrid uns das Recht verweigert, ein Referendum durchzuführen.

Warum sind die Wahlen am Sonntag so wichtig für die Katalanen?

Auf der einen Seite steht die bisher regierende Partei Convergencia i Unió und Esquerra Republicana de Catalunya, die die Unabhängigkeit befürworten. Auf der anderen Seite stehen zwei neue politischen Kräfte wie Podemos und Ciudadanos und die beiden grossen Parteien Partido Popular PP und die Sozialistische Arbeiterpartei PSOE, die sich klar gegen die Unabhängigkeit der Region aussprechen. Diese Wahlen gelten also als Stimmungsbarometer für die Parlamentswahlen vom 27. September.

Dann soll Katalonien ein neues Parlament wählen. Wie sieht es dort aus?

Die Wahlen vom 27. September werden einen plebiszitären Charakter haben. Das heisst, dort werden wir sehen, wie viele Politiker aus Parteien stammen, die sich klar für die Unabhängigkeit aussprechen und wie viele, die dagegen sind.

Und wie geht es dann weiter?

Im Fall, dass im Parlament eine Mehrheit von Befürwortern sitzt, werden wir mit Madrid und mit Brüssel über den Zeitplan und die Bedingungen für die Gründung eines neuen Staates verhandeln. In 18 Monaten dürfte der ganze Prozess abgeschlossen sein.

Wie steht Katalonien zur EU?

Katalonien war schon immer pro EU. Auch nach der Trennung von Spanien wird die Europäische Union unser wichtigster Partner sein, zusammen mit der Schweiz. Die Beziehungen mit der Schweiz sind sehr stark. Die grössten Schweizer Unternehmen sind bei uns vertreten. Über 50 Prozent der kommerziellen Verbindungen führen wir mit der Schweiz. Das wollen wir so behalten.

Ist die Schweiz ein Vorbild für die Katalanen?

Ganz klar. Sie ist ein Beispiel für direkte Demokratie und Integration. Hätte doch nur die spanische Regierung ein wenig daraus gelernt, wie man mit diversen Kulturen umgeht und diese respektiert.

Martí Anglada i Birulés, Vertreter der katalanischen Regierung in Frankreich und in der Schweiz

Geboren 1949 in Girona, absolvierte Martí Anglada sein Studium der Rechtswissenschaften und Journalistik an der Universitat Autònoma de Barcelona.

Von 1976 bis 1983 war er als Journalist und Korrespondent für «La Vanguardia»

in Italien und Grossbritannien tätig. Im Januar 1984 schloss er sich dem Team des neugegründeten katalanischen Fernsehens (TVC) an. Danach war Anglada der erste Korrespondent von TVC in Madrid und in Washington DC.

Später wurde er Leiter der Auslandsredaktion und Korrespondent in Brüssel und in Berlin (2009-2011). Für sein europäisches Engagement wurde er mit dem Preis Ernest Udina 2011 vom Verein der Europäischen Journalisten in Katalonien (APEC) ausgezeichnet.

Im September 2014 hat die katalanische Regierung Martí Anglada zum Vertreter in Frankreich und der Schweiz ernannt.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.