02.07.2020 10:03

Fehler von damals nicht wiederholen

Spanische Grippe zeigt, wie wichtig Masken im Kampf gegen das Virus sind

Eine Maskenpflicht im ÖV könnte ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein. Ein Blick zurück zeigt, dass es möglicherweise noch mehr braucht, um eine zweite Welle abzuwehren.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Der Verzicht auf einen Mund-Nasen-Schutz kann Leben kosten. Das zeigt der Blick zurück auf die Spanische Grippe. Doch falsch getragen, bringen die Masken ebenfalls nichts.

Der Verzicht auf einen Mund-Nasen-Schutz kann Leben kosten. Das zeigt der Blick zurück auf die Spanische Grippe. Doch falsch getragen, bringen die Masken ebenfalls nichts.

Foto: Getty Images
So wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) die Hygienemaske bei einem Pressetermin Ende März 2020 trug, bringt sie nichts. Das ist auch ihm mittlerweile bewusst. Doch es gibt auch weniger offensichtliche Dinge, die man beim Tragen einer Maske beachten sollte.

So wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) die Hygienemaske bei einem Pressetermin Ende März 2020 trug, bringt sie nichts. Das ist auch ihm mittlerweile bewusst. Doch es gibt auch weniger offensichtliche Dinge, die man beim Tragen einer Maske beachten sollte.

KEYSTONE
Welche das sind, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO auf ihren Seiten zusammengefasst.

Welche das sind, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO auf ihren Seiten zusammengefasst.

WHO

Darum gehts

  • Die Spanische Grippe, an der Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu 40 Millionen Menschen starben, stützt die Forderungen der Kantonsärztinnen und -ärzte, die Maskenpflicht auszuweiten.
  • Damals gab es zwar eine Maskenpflicht, doch die wurde in San Francisco zu früh aufgehoben, und die zweite Welle traf die Stadt mit voller Wucht.
  • Das zeigt: Zu frühe Lockerungen und der Verzicht auf eine Maskenpflicht in Begegnungszonen können unter Umständen eine zweite, noch heftigere Pandemiewelle provozieren.

Die vom Bundesrat beschlossene Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr geht den dem obersten Kantonsarzt zu wenig weit. Er wünscht sich die Pflicht auch in den Läden und Clubs, kurz: im öffentlichen Raum. Dass ein so umfassendes Obligatorium tatsächlich das Zeug hat, eine zweite Pandemiewelle zu verhindern, zeigt ein Blick auf die Spanische Grippe.

Die Influenza-Pandemie, der in den Jahren 1918/19 weltweit zwischen 20 und 40 Millionen Menschen zum Opfer fielen, liegt zwar schon über 100 Jahre zurück. Doch ein Teil der damals ergriffenen Massnahmen ist auch heute wieder aktuell: Das Auf-Abstand-Gehen etwa, aber auch das Tragen von Masken sowie die Debatten darüber und der Widerstand dagegen ähneln sich.

«Verheerend, mit noch mehr Opfern»

Der Vergleich zeigt, wohin das führen kann: Während die Abkehr vom Social Distancing in Philadelphia zu einem sprunghaften Anstieg der Toten in der US-Stadt führte (siehe nächste Box), sorgte die voreilige Abkehr der Mundschutzpflicht in San Francisco für eine Verschlimmerung der Situation (siehe übernächste Box).

Spanische Grippe
Spanische Grippe

Die flache Kurve zeigt den Verlauf in St. Louis, die steile die von Philadelphia.

Twitter/Florian Krammer

Lehre aus der Vergangenheit

Um der Spanischen Grippe Herr zu werden, schränkten einige Städte das soziale Leben in weiten Teilen ein und bekamen das Virus so in den Griff. In Gegenden, in denen dies nicht passierte, breitete sich das Virus dagegen weiter aus und tötete zahlreiche Menschen. Besonders gut ist das am Beispiel der US-Städte St. Louis und Philadelphia zu sehen: Während Erstere frühzeitig Quarantänemassnahmen vornahm und einigermassen ungeschoren davonkam, stieg in Letzterer die Zahl der Toten sprunghaft an. Dort hatte man trotz des um sich greifenden Virus noch eine Parade stattfinden lassen.

«Die Menschen warfen die Masken voller Freude in die Luft oder verbrannten sie. Doch damit ermöglichten sie erst recht eine zweite Welle. Und diese war noch verheerender, mit noch mehr Opfern als die erste», so Stephen Morse von der New Yorker Columbia University zu SRF News.

Fall San Francisco könnte sich wiederholen

Der Fall San Francisco könnte sich laut dem Epidemiologen heute wiederholen – zum Beispiel, wenn «wir auf einen Schlag alle Massnahmen aufheben würden», wie Heiner C. Bucher, Direktor des Instituts für klinische Epidemiologie und Biostatistik Basel und Chefarzt am Universitätsspital Basel, im Interview mit «20 Minuten» sagte. Dann, so der Fachmann, sei eine zweite Welle unvermeidbar.

Laut Forschern der ETH Zürich wäre eine zweite Pandemiewelle zwar langsamer. Doch sie könnte deutlich mehr Leben kosten als die erste. Je nach Verlauf könnte sie allein in der Schweiz bis zu 5000 Todesopfer fordern.

So kam es zur zweiten Welle

Zunächst galt die Maskenpflicht in San Francisco für Coiffeure.

Zunächst galt die Maskenpflicht in San Francisco für Coiffeure.

Foto: Getty Images

Insgesamt verzeichnete San Francisco zwischen September 1918 und Januar 1919 mehr als 50’000 Fälle der Spanischen Grippe, 3500 Menschen starben daran. So reagierten die Verantwortlichen:

18. Oktober 1918: Die Stadtverwaltung von San Francisco verpflichtet Coiffeure zum Mundschutz, tags darauf betrifft es auch Verkäufer, Bank- und Hotelangestellte und andere Berufe mit direktem Kundenkontakt.

21. Oktober 1918: Die Gesundheitsbehörde empfiehlt nun allen Bürgern von San Francisco, Masken in der Öffentlichkeit zu tragen. Doch nicht alle halten sich daran.

25. Oktober 1918: Die Stadtverwaltung verhängt eine Maskenpflicht für alle.

16. November 1918: Weil die Zahl der Grippekranken von über 2000 auf 600 gefallen war, werden die Beschränkungen gelockert.

Dezember 1918: Zu Beginn des Monats werden bereits 722 Neuinfektionen gemeldet, in der Woche darauf sind es 1500. Doch aus wirtschaftlichen Gründen zögern die Verantwortlichen, neue Verordnungen zu erlassen.

10. Januar 1919: Im Schnitt werden nun pro Tag 600 neue Fälle gemeldet, täglich sterben 25 Menschen an dem Virus.

17. Januar 1919: Es wird erneut eine Maskenpflicht verhängt. Es formt sich die rund 2000 Mann starke «Anti-Masken-Liga».

25. Januar 1919: Mit nur 35 Neuinfektionen verzeichnet San Francisco ein neues Tief.

1. Februar 1919: Die Maskenpflicht wird aufgehoben.

Kaum noch Neuinfektionen im einstigen Corona-Hotspot

Das Beispiel aus den USA zeigt weiter, wie sinnvoll Mundschutze beim Eindämmen einer viralen Pandemie sein können. Dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelte, sondern auch heute zusätzlich zu den entsprechenden Hygienemassnahmen und dem Abstandhalten dazu beitragen kann, die Infektionszahlen zu senken und niedrig zu halten, zeigt der Blick ins deutsche Jena.

Die thüringische Stadt war die erste in Deutschland, in der Anfang April die Maskenpflicht eingeführt wurde, und wandelte sich in der Folge vom Hotspot zur beinahe Corona-freien Zone, die sie dank weitreichendem und anhaltendem Obligatorium auch heute noch ist (siehe Grafik). Bestätigt wird das auch durch eine Studie von Forschern der Universität Mainz (kann hier als PDF heruntergeladen werden).

Entwicklung der Erkrankungen in Jena: Rot sind die bestätigten Fälle, blau die aktiven Fälle.

Entwicklung der Erkrankungen in Jena: Rot sind die bestätigten Fälle, blau die aktiven Fälle.

Gesundheit.Jena.de/Michael Böhme

Schutzmasken schützen andere – und auch den Träger

Auch die Taskforce des Bundes spricht sich für das Tragen von Masken aus. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht kommt sie zum Schluss, dass das Tragen einer Maske die Übertragungsrate im öffentlichen Raum bis zu 80 Prozent senken kann.

Die Taskforce bezieht sich mit ihrem Bericht auf eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in der verschiedene Studien mit mehr als 25’000 Teilnehmern ausgewertet wurden. Demnach senke man mit dem Tragen das Risiko, andere anzustecken, und werde auch selbst weniger gefährdet. Die Experten schrieben in einem aktuellen Bericht: «Jemand, der eine Maske trägt, senkt nicht nur das Risiko, andere anzustecken, sondern ist auch selbst weniger gefährdet.»

Welche Maske sollte es sein?

Nicht nur Hygienemasken können helfen, die beim Atmen, Sprechen, Lachen, Niesen und Husten ausgestossenen Tröpfchen zurückzuhalten. Auch Stoffmasken, selbst genäht oder gekauft, können ihren Teil dazu beitragen, wie etwa Benjamin Cowling von der Universität Hongkong der Nachrichtenagentur Reuters sagte: «Meiner Meinung nach dürften auch Stoff- oder Baumwollmasken schützen, wenn auch etwas weniger als eine richtig getragene chirurgische Maske.»

Tipps für den Maskenkauf

Was macht eine gute Community-Maske aus? Dieser Frage sind Empa-Forscher im Auftrag des Bundes nachgegangen.

Ergebnis: «Eine gute Stoffmaske ist angenehm zu tragen und lässt den Träger auch bei längerem Tragen gut atmen», erklärt Materialwissenschaftler Simon Annaheim. «Gleichzeitig muss sie so dicht sein, dass sie die von einer anderen Person beim Husten oder Niesen ausgestossenen und bis zu 40 Stundenkilometer schnellen Tröpfchen abhält.» Zudem müsse sie die von einem selbst freigesetzten Aerosole zurückhalten können, um andere zu schützen.

Weil der Laie das kaum erkennen kann, haben die Empa-Forscher zusammen mit dem Schweizer Prüf- und Zertifizierungsunternehmen Testex ein Label lanciert, das «Orientierung auf dem Markt der Textilmasken und die Sicherheit eines Schutzes nach den Empfehlungen der Swiss National Covid-19 Science Task Force bietet».

Auch ein Blick auf die WHO-Empfehlung, nach der Community-Masken aus einer wasserabweisenden, einer filternden und einer wasseraufsaugenden Schicht bestehen sollten, kann laut Annaheim hilfreich sein: «Bietet ein Hersteller drei Schichten an, ist das ein Zeichen dafür, dass er sich Gedanken über die Sicherheit seines Produkts gemacht hat.»

Dieser Artikel erschien in einer ersten Version am 11. Mai 2020. Er wurde nach den neusten Entwicklungen aktualisiert.

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142 Kommentare
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anton frei

03.07.2020, 05:16

Wie Lockt man ein Maskenhasser dazu, eine Maske zu Tragen? Ganz einfach würde der Bund / Kontone eine Finanzielle Prämie versprächen,. würden sich alle drum reisen! bei selbsttragender Kosten,. nob,. das geht zu weit! ich steig auf Auto? Ist ja viel Günstiger,. oder!!! Ihr seid die schlauesten unter uns, ohne euch wäre das Land längst unter gegangen!!! Danke das es gibt! Da hab ich wenigstens was zu Lachen ;)

Schlaf kindlein schlaf

02.07.2020, 14:03

Dieser Artikel war vor 2 Monaten schon im Umlauf aber Berset & Co hats nicht interessiert.

Ralph

02.07.2020, 14:02

Auf fairmask.ch findet man gute Masken zu fairem Preis!