Aktualisiert 14.09.2019 09:22

Autoausstellung Frankfurt

Spannungshoch im Stimmungstief

An der IAA wehrt sich die Auto-Industrie gegen den Bedeutungsverlust. Doch mehrere Serienmodelle mit Elektroantrieb zeugen vom Wandel in der Branche.

von
Thomas Geiger
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IAA Frankfurt 2019Land Rover New Defender 110

IAA Frankfurt 2019Land Rover New Defender 110

Thomas Geiger
IAA Frankfurt 2019Land Rover New Defender

IAA Frankfurt 2019Land Rover New Defender

Thomas Geiger
IAA Frankfurt 2019VW ID.3

IAA Frankfurt 2019VW ID.3

Thomas Geiger

Nur die Hälfte der Hallen geöffnet, viele grosse Hersteller gar nicht präsent, auf dem Messegelände nur wenige Fachbesucher statt der üblichen Menschenmassen und vor den Toren Demonstranten – die IAA in Frankfurt hat schon bessere Jahre gesehen. Doch die Autobranche stellt sich neu auf: SUV-Kritik hin, CO2-Richtlinien her und allen Umsatzsorgen und Gewinnwarnungen zum Trotz erzeugt sie mitten im Stimmungstief ein Spannungshoch. Denn nach Jahren der Ankündigungen wird jetzt endlich geliefert – die Hersteller starten im grossen Stil auf die Electric Avenue.

Allen voran fährt in diesem Jahr der VW-Konzern, der nun endlich auch Serienprodukte präsentiert statt nur abgehobene Ausblicke. Nicht nur, dass die Muttermarke mit dem ID.3 endlich selbst ein kompaktes Elektroauto mit einem Basispreis von etwa 32'000 Franken an den Start bringt – auch viele Tochtermarken sind inzwischen in der Startblöcken beim Thema E-Mobilität.

Porsche lanciert den vor vier Jahren als Mission E angekündigten Taycan und bietet den Gutbetuchten endlich eine Alternative zu dem inzwischen etwas in die Jahre gekommenen Tesla Model S. Seat zeigt den elektrischen Winzling Mii und Skoda den baugleichen Citigo, die sportlichen Spanier von Cupra rücken die seriennahe Studie Tavascan als elektrisches SUV-Coupé ins Rampenlicht. Audi überrascht mit dem AI-Trail: Was aussieht wie ein Mondauto soll nicht weniger als der Quattro der Zukunft sein, den sich umweltbewusste und naturverbundene Kunden immer dann ausleihen sollen, wenn sie mal ein Wochenende im Grünen verbringen wollen.

EQS – die erste elektrische Alternative zur S-Klasse

Auch Mercedes-Benz blickt ein Stück weiter den Electric Boulevard hinunter, bewahrt dabei aber deutlich mehr Bodenhaftung: Wenn auch die Vision EQS mit ihrer mehr als fünf Meter langen, weit überspannten Karosserie und den holografischen LED-Elementen auch futuristisch aussehen mag, so soll daraus doch in weniger als zwei Jahren die elektrische Alternative zur S-Klasse werden. Und wer so lange nicht warten will, der kann sich schon jetzt mit einem Update des fortan ausschliesslich elektrisch angetriebenen Smart oder mit dem EQV als erster Grossraumlimousine mit Batterieantrieb anfreunden.

Neu an der Ladesäule sind zudem der Opel Corsa, der in der jüngsten Auflage erstmals auch mit Stecker angeboten wird, der Mini E, der nach all der vielen Vorarbeit für BMW endlich selbst einen Akku bekommt, sowie der coole Kleinwagen Honda e, mit dem der erste japanische Hersteller ernsthaft mitmischt im Segment der reinen Stromer – und das zu Preisen ab 43'100 Franken für das Topmodell Advance.

Auch China stromert (umwelt-)freundlich nach Frankfurt

Unter den Japanern mag der Honda der erste sein, doch aus Asien sind noch mehr Stromer nach Frankfurt gekommen – allen voran aus China. So hat Byton den lange erwarteten M-Byte enthüllt und damit die letzte Scheibe von einer schier endlosen PR-Salami geschnitten. Wey nähert sich mit zwei weiteren SUV der Serienreife, Aiways gewährt einen Blick auf den U5, der ähnlich viel können soll wie ein Mercedes EQC und dabei nur die Hälfte kosten, und die Luxusmarke Honqi zeigt mit einem elektrischen Supersportwagen sowie einem riesigen SUV die ersten Entwürfe aus ihrem neuen Designstudio in München.

So ganz frei machen können sich die Hersteller von der alten Antriebs-Welt allerdings noch nicht. Das gilt im Kleinen für Autos wie den neuen Hyundai i10 oder die konventionelle Ausgabe des Opel Corsa, das gilt für SUV wie den neuen BMW X6 und für die überfällige Neuauflage des Land Rover Defender, der optisch ein wenig an ein Playmobil erinnert, digital up-to-date ist und künftig sogar als Plug-In-Hybrid kommt.

Zum Auftakt allerdings gibt's Diesel und Benzinmotoren mit 200 bis 400 PS, alle mit 8-Gang-Automatik. Aber auch für die nach wie vor sehr beliebten Power-Varianten herkömmlicher Modelle wie dem Audi RS6 mit 600 PS oder dem BMW M8 Gran Coupé mit 625 PS fällt der Abschied von der Verbrenner-Welt noch schwer.

Der Sian – Lambo's Hypercar mit Hybridantrieb

Und das gilt erst recht am oberen Ende der Skala: Während die nicht minder exaltierte Schwestermarke Lamborghini mit dem Sian ihr erstes Hypercar mit Hybridantrieb zeigt und zumindest eine Kleinserie davon in den Handel bringt, rüstet Bugatti den Chiron weiter auf und bringt den fast 500 km/h schnellen Rekordwagen mit 1600 statt 1500 PS auf die Strasse.

Der Schaden für die Umwelt wird sich jedoch trotz eines Vollgasverbrauchs im dreistelligen Bereich in engen Grenzen halten: Denn erstens werden Bugattis traditionell pro Jahr nur wenige hundert Kilometer gefahren und zweitens wollen die Franzosen von ihrem Rekordrenner nur 30 Exemplare bauen.

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