Aktualisiert 11.11.2011 14:02

Lektionen streichen

Sparen auf Kosten der Primarschüler

Die Volksschule in Bern muss sparen. Jetzt soll die Anzahl der Lektionen vor allem bei den Zweit- und Sechstklässlern gekürzt werden.

An Berns Volksschulen sollen jährlich zehn Millionen Franken eingespart werden.

An Berns Volksschulen sollen jährlich zehn Millionen Franken eingespart werden.

Die Zweit- bis Sechstklässler im deutschsprachigen Teil des Kantons Bern sollen künftig eine Lektion weniger Unterricht haben. Mit dieser Massnahme will Erziehungsdirektor Bernhard Pulver die Sparvorgabe der Regierung für die Volksschule umsetzen.

Der Regierungsrat hatte im Sommer ein Entlastungspaket von insgesamt 277 Millionen Franken präsentiert; allein zehn Millionen Franken sollten jährlich durch die Reduktion der Lektionenzahl an der Volksschule gespart werden.

Dass dies zum Abbau von mehr als 100 Vollzeitstellen führen wird, machte die Regierung schon im Sommer klar. Wo genau gestrichen werden soll, ist aber erst seit diesem Freitag bekannt: Die Erziehungsdirektion hat ihren Vorschlag in die Konsultation bei den betroffenen Kreisen geschickt.

Betroffen ist demnach nur der deutschsprachige Kantonsteil. Dort soll im zweiten bis vierten Schuljahr je eine Lektion im technischen und textilen Gestalten gestrichen werden. Im fünften und sechsten Schuljahr ist der Abbau von je einer Lektion im Fach Natur, Mensch, Mitwelt (NMM) vorgesehen.

Pulver wollte «dort sparen, wo es am wenigsten Schaden anrichtet», wie er auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda sagte. Beim Lehrplan 21 zeichne sich ja ab, dass künftig mehr Mathematik unterrichtet werden solle. Der Abbau in den Bereichen Gestaltung und NMM trage also einer wahrscheinlichen Entwicklung Rechnung.

Schonung für Sekundarschüler und Romands

Nicht sinnvoll wäre für Pulver eine Lektion auf der Sekundarstufe I (7. bis 9. Schuljahr). Schliesslich gehe der Lehrplan 21 in den meisten Fächern von derselben oder gar von einer höheren Lektionenzahl aus.

Auch im französischsprachigen Kantonsteil will Pulver einen Abbau vermeiden. Dort könnten nur acht Prozent des Sparvolumens realisiert werden. Ausserdem sei die Lektionentafel gerade erst derjenigen des Plan d'études romand angeglichen worden. Ein weiterer Eingriff brächte «enormen Schaden bei relativ wenig Ertrag».

Eine Kürzung des fakultativen Unterrichts hat Pulver ebenfalls verworfen. Denn damit würde seiner Meinung nach ein Unterrichtsangebot eingeschränkt, mit dem sich die Schulen oft ein eigenes Profil gäben.

Kein Streichkonzert bei Verwaltung

Das gesamte Sparpaket der Regierung kommt im November in den Grossen Rat. Das Parlament wird in diesem Zusammenhang auch über mehrere Vorstösse zum Lektionenabbau an der Volksschule befinden. Der Regierungsrat beharrt auf seinen Plänen, wie aus den am Freitag publizierten Antworten auf die Vorstösse hervorgeht.

So ist er gegen eine Motion von Daniel Kast (CVP/Bern), der einen Teil der zehn Millionen anderswo sparen möchte. Kast schlägt unter anderem vor, dass die Erziehungsdirektion selber den Gürtel enger schnallt und dass auf die kantonale Mitfinanzierung der Basisstufe verzichtet wird.

Pulver lehnt dies ab. Die Verwaltung habe bei früheren Sparpaketen bereits bluten müssen. Weitere pauschale Kürzungen seien ohne konkreten Aufgabenabbau nicht möglich.

An der Mitfinanzierung der Basisstufe hält er im Einklang mit der Regierung ebenfalls fest - unter anderem, weil alle Unterrichtskosten in Kindergarten und Volksschule im Rahmen der Lastenverteilung gleich finanziert werden sollen. Die Praxisänderung in nur einem Segment würde «kaum verstanden». (sda)

Berner Lehrer empört über geplantes «Streichkonzert»

Mit scharfer Kritik haben die bernischen Lehrerinnen und Lehrer auf den geplanten Abbau von Lektionen reagiert: «Unverständlich, unsinnig und verantwortungslos» sei «das Streichkonzert an der Volksschule», teilte der Berufsverband LEBE am Freitag mit.

Ein Abbau von Lektionen sei «grundsätzlich falsch». Das werde der Verband auch in der Konsultation betonen und deshalb keine Vorschläge machen, wie die Sparvorgabe anderweitig erreicht werden könnte. Denn für eine Diskussion über «wichtige» und «weniger wichtige» Fächer sei LEBE nicht zu haben.

Von den Sparmassnahmen des Kantons würden zwar vor allem die Schülerinnen und Schüler getroffen. Doch auch die Lehrpersonen würden in ihrer Lebens- und Arbeitsqualität eingeschränkt. Sie müssten mit grösseren Klassen, sinkenden Pensen, persönlichen Lohneinbussen oder gar mit der Entlassung rechnen. (sda)

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