Spass bremsen
Aktualisiert

Spass bremsen

Einen eigenen Wagen zu
besitzen, ist in der Stadt eine
teure Einschränkung der Mobilität. Warum ist es in Zürich bloss so schwierig, Freude am Auto zu haben?

Mike ist Velokurier und manchmal DJ und wohnt mit seiner Freundin seit drei Jahren im Zürcher Kreis 4. Nichts unterscheidet ihn von anderen kammfrisurigen Stadtzürchern. Ausser sein dunkles Geheimnis: ein schwarzer Maserati Biturbo Coupé 2.5 E, Jahrgang 1987, der unter einer weissen Schutzhülle in einer Tiefgarage im Kreis 6 steht. «Fast niemand weiss von meinem Baby. Mein Maserati ist wie eine heimliche Liebe», sagt Mike, dessen Augen funkeln, wenn er vom 188 PS starken Doppelturbomotor seines Edelitalieners schwärmt. Nur selten fährt er ihn. Zur Fortbewegung benützt Mike eines seiner Bikes. «Würde ich mit dem Auto zum Tschutten auf die Josefswiese fahren, hielten mich meine Freunde bestimmt für einen SVP-Wähler.»

Auch der 35-jährige Grafiker Peter Knecht kann seine Autopassion nicht öffentlich ausleben: «Seit ich denken kann, will ich einen Porsche 911. Diesen Traum habe ich mir vor zwei Jahren erfüllt – obwohl es in Zürich überhaupt keinen Spass macht, einen solchen Sportwagen zu besitzen.» Damit meint Knecht die verkehrsberuhigenden Bodenwellen, die den Stossdämpfern schaden und die Schweller zerkratzen, die 77 Rotlicht- und Radarkästen in der Stadt Zürich sowie die 133 zivilen Parkbussenangestellten, die auf Kosten der Autofahrer die Stadtkasse füllen. Letztes Jahr waren es fast 57 Millionen Franken. Umgerechnet bezahlte damit jeder Stadtzürcher Ordnungsbussen in der Höhe von 160 Franken. Das ist trauriger Schweizer Rekord. «Wer weiss, vielleicht sogar Weltrekord?», rätselt Peter. Er selbst fährt meistens Tram und lässt seinen 11er in der blauen Zone stehen. Auf dem Armaturenbrett liegt seine Park-Karte, die ihn jedes Jahr über 200 Franken kostet.

Das kann José kaum glauben. José ist ein mexikanischer Ingenieur, den Melanie im Urlaub kennen lernte, und der jetzt hier einen Job sucht. Melanie hat ihm gerade zu erklären versucht, dass man das Auto nicht einfach vor dem Haus stehen lassen darf, sondern eine Blaue-Zone-Karte kaufen muss. Oder die Parkscheibe einstellen, eineinhalb Stunden lang. Danach muss das Auto sofort weggefahren werden, ansonsten drohen 40 Franken Busse. José lacht und meint, dass Strassengangs in Lateinamerika auf ähnliche Weise Autofahrer erpressen. Allerdings für weniger Geld.

José rät Melanie, ihren alten Nissan Micra zu verkaufen, da die Regierung anscheinend nicht will, dass die Leute Auto fahren. Doch Melanie schüttelt den Kopf: «Mis Trückli verkaufe ich nie. Das Auto bedeutet für mich Freiheit und Mobilität.» Jetzt schüttelt José den Kopf. Mobil sind in Zürich nämlich alle ausser die Autofahrer. Vorwärts gehts nur mühsam, und freie Parkplätze gibts sowieso keine. Ausser in den Parkhäusern: 9 Stunden im Parkhaus Hohe Promenade kosten 40 Franken, so viel wie eine Busse.

Warum sind die Zürcher bloss so autofeindlich, obwohl es nur wenige Orte mit höherer Dichte an Luxuskarossen gibt? Eher wird über die sexuellen Neigungen gesprochen als über die Leidenschaft für ein Auto. Aber dass die 8 Ferraris, 16 Range Rovers, 2 Bentleys, 6 Maseratis, 12 Jaguars, 21 Mercedes, 22 BMWs und 18 Porsches, die an einem schönen Sonntag innerhalb von 10 Minuten am Bellevue gezählt wurden, keine Zufallserscheinungen sind, liegt auf der Hand. Was ist der Grund dafür, dass über Autos nicht gesprochen wird, ausser im negativen Sinn, wenn über gewissenlose Raser und Alkohol am Steuer geflucht wird?

Der Mexikaner José liefert eine Erklärung: «Da habt ihr alles und tut so, als gehöre es euch gar nicht. Es gibt kein Volk auf der Welt, das sich so sehr für seine Erfolge schämt wie die Schweizer.» Mit Ausnahme von Jürg Marquard vielleicht, der sich für gar nichts schämt – erst recht nicht für seinen Rolls Royce.

Jürg Zentner

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