Freie Arbeitsplatz-Wahl: «Spass mit Kollegen hat man keinen mehr»
Aktualisiert

Freie Arbeitsplatz-Wahl«Spass mit Kollegen hat man keinen mehr»

In vielen Schweizer Firmen haben die Angestellten keinen eigenen Arbeitsplatz mehr. Nicht alle Mitarbeiter sind begeistert.

von
V. Blank
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Blick in ein Büro des Versicherers Zurich mit geteilten Arbeitsplätzen.

Blick in ein Büro des Versicherers Zurich mit geteilten Arbeitsplätzen.

Zurich
Auch die Swisscom setzt auf die flexible Arbeitsplatzwahl, genauso wie ...

Auch die Swisscom setzt auf die flexible Arbeitsplatzwahl, genauso wie ...

Keystone/Gaetan Bally
... auch die Post.

... auch die Post.

Keystone/Marcel Bieri

Der Morgen im Büro: Man geht zu seinem lieb gewonnenen Platz am Fenster, schaltet den Computer an und rückt das Familienfoto zurecht. So könnte es laufen – tut es aber in vielen Schweizer Firmen nicht mehr. Statt auf fix zugeteilte Arbeitsplätze setzen sie auf Desk Sharing oder Dynamic Working. Will heissen: Die Mitarbeiter müssen sich jeden Tag ein neues Plätzli zum Arbeiten suchen.

«Dieses System verbreitet sich in der Schweiz rasant, vor allem im wissensintensiven Sektor», sagt Barbara Josef zu 20 Minuten. Sie ist Expertin für neue Arbeitsformen und Mitinhaberin der Beratungsfirma 5to9. In einem Tweet beschreibt sie die Entwicklung mit Humor:

Stress, wenn alles besetzt ist

Ein Unternehmen, das auf geteilte Arbeitsplätze setzt, ist die Post. «Am Hauptsitz in Bern können die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz oder alternative Arbeitsorte täglich frei wählen», sagt Sprecherin Jacqueline Bühlmann. Dabei gibt es weniger Plätze als Mitarbeiter: Bei der Post fallen auf einen Angestellten 0,85 Arbeitsplätze.

Diese Rate ist laut dem Unternehmen sinnvoll: Man habe die Erfahrung gemacht, dass persönliche Arbeitsplätze aufgrund häufiger Abwesenheiten unterbenutzt seien. Die Verknappung kann aber auch zu morgendlichem Stress bei den Angestellten führen: Manchmal werde bemängelt, dass man bei guter Belegung des Büros gelegentlich einige Minuten suchen muss, um den passenden Arbeitsplatz zu finden, heisst es bei Microsoft Schweiz. Dort haben über 90 Prozent der Mitarbeiter keinen persönlichen Platz mehr.

«Man reisst keine Witze mehr»

20-Minuten-Leser Bernhard S.* arbeitet in der Telekombranche und hat schon seit fünf Jahren keinen persönlichen Arbeitsplatz mehr. Grundsätzlich hat er sich daran gewöhnt, im Büro immer wieder woanders zu sitzen. «Mein Büro schleppe ich jetzt einfach im Rucksack herum.» Was er aber vermisse, seien die zwischenmenschlichen Kontakte: «So zu arbeiten, ist sehr anonym – manchmal kommt es mir vor wie am Bahnhof.» Früher habe man am Arbeitsplatz auch einmal einen Witz reissen oder die Kollegen hochnehmen können – bei der freien Arbeitsplatzwahl gehe der Spass mit den Kollegen verloren.

Die Firmen hingegen wollen nicht viel von negativen Aspekten des neuen Arbeitens hören. «Durchwegs positiv» seien die Rückmeldungen der Mitarbeiter, die sich ihren Arbeitsplatz selber aussuchen, heisst es etwa bei der Swisscom. Die Post schreibt: «Die Mehrheit ist von der neuen Arbeitsumgebung begeistert.»

Laut den befragten Unternehmen kommt man mit der neuen Arbeitsform einem Bedürfnis der Mitarbeiter entgegen. «Wir bietet ihnen so jene Arbeitsumgebung, in der sie am besten arbeiten können», sagt Zurich-Sprecherin Nathalie Vidal. Beim Versicherer verfügt jedes Team über einen fix zugewiesenen Bereich mit Arbeitsplätzen, wo die Angestellten jeden Tag ihren Arbeitsplatz wählen können.

Geteilte Plätze sind billiger

Doch den Firmen geht es nicht nur um ihre Mitarbeiter, sondern auch ums Finanzielle: Geteilte Arbeitsplätze sind billiger. Man gehe davon aus, dass sich rund 30 Prozent der Infrastrukturkosten mit geteilten Flächen sparen lassen, sagt Expertin Josef. Für sie überwiegen aber nicht die Kostenaspekte, sondern die positiven Seiten der neuen Arbeitsplatzwahl: «Wenn eine Firma das neue Konzept konsequent lebt, bringt es für alle Mitarbeiter Vorteile.» Beispielsweise zwinge es niemandem starre Präsenzzeiten im Büro auf, die nicht mit anderen Prioritäten im Leben vereinbar sind.

*Name der Redaktion bekannt

Müssen Sie sich im Büro jeden Tag einen neuen Platz suchen? Hatten Sie dabei schon lustige, kuriose oder negative Erlebnisse? Melden Sie sich über untenstehendes Formular.

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