Cuches letzte Fahrt: «Speediers» grandiose Abschieds-Show
Aktualisiert

Cuches letzte Fahrt«Speediers» grandiose Abschieds-Show

Getreu dem Motto seines Sponsors konnte es Didier Cuche heute nicht besser als die anderen, aber länger. In einem Nostalgie-Anzug und auf alten Holzlatten sagte er der Ski-Welt adieu.

von
Ralf Meile

Didier Cuche über seine letzte Fahrt im Weltcup-Zirkus mit speziellem Dress. (Video: 20 Minuten Online)

Eine Ski-Karriere lang kämpfte Didier Cuche stets bis zur Ziellinie um jede Hundertstelsekunde. Doch in seinem 369. und allerletzten Weltcuprennen liess es der Neuenburger gemächlich angehen: Der 37-Jährige trat in einem Nostalgie-Anzug zum 2. Lauf des Riesenslaloms von Schladming an. Zeit und Resultat waren zum Abschied nebensächlich.

Kollegen wie der Norweger Aksel-Lund Svindal oder der Amerikaner Ted Ligety liessen es sich nicht nehmen, Cuche zum Starthaus hinaus zu schreien. Im Steinzeit-Look winkte dieser fröhlich in die Kamera, bevor er sich auf die Piste stürzte. Nach wenigen Schwüngen stoppte er bei FIS-Renndirektor Günter Hujara, umarmte ihn und überreichte ihm eine spezielle Cuche-Startnummer. Dass die beiden in der Vergangenheit nicht immer ein Herz und eine Seele waren, schien in diesem Moment vergessen.

Showman auf Holzlatten

Unterwegs bedankte sich Didier Cuche bei Trainern und Torrichtern für ihren Einsatz – und er musste sich auch einmal kurz in den Schnee legen. Mit den altertümlichen Holzlatten an den Füssen war die Fahrt aber eher ein Krampf denn ein Vergnügen. «Ich versuchte die Kurven anzudriften wie mit normalem Material. Das ging aber nicht. So musste ich herumrutschen und bis zum nächsten grossen Schneehaufen warten, dass ich das nächste Tor erwischte», so Cuche nach seiner letzten Fahrt. Dass er sich mit einem solchen Outfit verabschiedete, war ein Spontan-Entscheid. «Ich wusste lange nicht, ob ich einfach normal fahre und im zweiten Lauf irgendwo abschwinge, um mich zu verabschieden. Ich erfuhr diese Woche aber, dass in der Nähe ein Museum ist und ein Vertreter meiner Skifirma organisierte mir diese altertümlichen Klamotten. Es hat jedenfalls Spass gemacht.» Ganz der Showman, der er auch ist, liess er es sich jedoch nicht nehmen, noch einmal einige Torstangen mit letztem Körpereinsatz zu attackieren.

Cuche-Abschied

Im Schladminger Zielstadion vor den begeisterten Fans wurde der 37-Jährige von seinem Fanclub mit Champagner erwartet. Und selbstverständlich zelebrierte Cuche vor den begeisterten Zuschauern auch ein letztes Mal seinen berühmten Ski-Salto – Holzlatten hin, Holzlatten her.

Der «Cuche Spezial»

Hommage der Konkurrenten

Auch Didier Cuches Gegner trugen ihren Teil zur Abschieds-Show bei. Im Ziel versuchte sich beinahe jeder am Ski-Salto. Doch kaum einem gelang er so wie dem Meister. Als «ganz speziell und sehr emotional» bezeichnete Cuche diese «Ehrung» durch die anderen Athleten.

Cuche ging sein Abschied nahe. «Schon bei der Streckenbesichtigung vor dem Rennen hatte ich Mühe, mich zu konzentrieren», gab er nach dem 1. Lauf im Schweizer Fernsehen zu. «Ich war am Start in einer ganz anderen Verfassung als sonst.»

Vom Pechvogel zum Superstar

Mit Didier Cuche verliert die Ski-Schweiz einen ihrer populärsten Fahrer aller Zeiten und einen der erfolgreichsten der letzten Jahre. Beide Fakten stehen in direktem Zusammenhang.

Denn seine Beliebtheit gründet in Niederlagen. Wie oft verpasste er den Sieg oder das Podest um wenige Hundertstelsekunden? «Nöd scho wieder, dä arm Cheib», jammerten Daumen drückende Hausfrauen vor dem Fernseher und drückten dem charismatischen Glatzkopf beim nächsten Rennen dafür umso fester die Daumen. 2011 wählten sie ihn gar zum «Schweizer des Jahres».

Das Timing für den Absprung

Dabei machte es bei Cuche «klick». In ihm wuchs nach teils schweren Verletzungen die Erkenntnis, dass auch ein zweiter oder dritter Platz ein gutes Ergebnis sein kann. Er wurde entspannter – und fand so nach Jahren des verbissenen Kampfes sein persönliches Erfolgsrezept. Gepaart mit dem nach wie vor vorhandenen, gewaltigen Ehrgeiz sorgte die neu entdeckte Lockerheit für Triumphe en masse. 21 Weltcuprennen gewann er, darunter fünf Mal den Abfahrtsklassiker von Kitzbühel. 2009 krönte er sich in Val d'Isère zum Super-G-Weltmeister.

Cuche scheint den perfekten Moment für den Rücktritt gefunden zu haben. Er gehörte auch mit seinen 37 Jahren noch zu den besten Skifahrern der Welt. In seiner letzten Saison kämpfte er bis zuletzt um die Siege in der Abfahrts- und der Super-G-Disziplinenwertung und er gewann noch einmal vier Rennen.

Längst eine Legende

Sein grimmiges Zähnefletschen im Starthaus. Sein energisches Abstossen, mit kräftigen Hieben in den Schnee, als ob seine Stöcke ein Metzgerbeil wären und der Berg ein Tier, das er erlegen muss. Seine unerreichte Eleganz bei Sprüngen, wenn er noch in der Luft schon wieder die perfekte Hockeposition einnehmen konnte. Seine Power in den Oberschenkeln, die Co-Kommentator Hans Knauss im ORF in der Schlussphase einer jeden Abfahrt mit «Schmalz hat er, der Fleischhauer» hochleben liess. Und natürlich sein Ski-Salto, die spektakulärste Variante, sein Arbeitsgerät abzuschnallen.

Das alles ist Cuches Vermächtnis. Es sind die Erinnerungen, die oft länger haften bleiben als die Resultate.

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