Jesuiten: Speerspitze der Kirche, Stosstrupp des Papstes
Aktualisiert

JesuitenSpeerspitze der Kirche, Stosstrupp des Papstes

Der neue Papst kommt aus den Reihen der Jesuiten, dem Eliteorden der katholischen Kirche. In der Schweiz war die «Gesellschaft Jesu» bis 1973 verboten. Ein Rückblick.

von
D. Huber
Der heilige Ignatius von Loyola mit dem Wahlspruch der Jesuiten: Ad maiorem Dei gloriam («Zur grösseren Ehre Gottes»). (Bild: PD)

Der heilige Ignatius von Loyola mit dem Wahlspruch der Jesuiten: Ad maiorem Dei gloriam («Zur grösseren Ehre Gottes»). (Bild: PD)

Es war eine der schlimmsten Krisen der katholischen Kirche: Seit der deutsche Augustinermönch Martin Luther 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablass in die Welt gesetzt hatte, breitete sich die Reformation wie ein Lauffeuer über Europa aus. Hilflos musste Rom mit ansehen, wie Stadt um Stadt, Provinz um Provinz sich dem neuen Glauben zuwandte.

«Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!», heisst es bei Hölderlin. In der wohl grössten Herausforderung seines Machtanspruchs erwuchs dem Papsttum eine neue Waffe gegen die Protestanten: Am 15. August 1534 gründete ein ehemaliger baskischer Ritter in Paris mit einigen Freunden die Societas Jesu («Gesellschaft Jesu»). Ignatius von Loyola und seine Mitstreiter suchten die innere Erneuerung der Kirche und ihrer Geistlichen; ihr neuer Orden wurde zum wichtigsten Instrument der Gegenreformation.

Der grösste Männerorden der Kirche

1540 erkannte Papst Paul III. die Gemeinschaft als Orden an. 1556, beim Tod des Gründers, zählte die Societas Jesu bereits 1000 Ordensbrüder. Heute ist die «Gesellschaft Jesu» mit rund 17'600 Mitgliedern in 125 Ländern der grösste Männerorden der Kirche. Die Jesuiten tragen keine Ordenskleider und behalten ihren bürgerlichen Namen (hinter den sie allerdings ein «SJ» – für Societas Jesu – stellen). Sie leben trotz ihrer strikten Hierarchie und Disziplin nicht zurückgezogen im Kloster, sondern allein oder in kleinen Gemeinschaften.

Der Orden, der als intellektuelle Speerspitze der Kirche gilt, stellt hohe Ansprüche an seine Mitglieder, die einem besonderen Bildungsideal genügen müssen. In einem zwei Jahre dauernden Noviziat, das mit den drei klassischen Gelübden des Gehorsams, der Ehelosigkeit und der Armut abgeschlossen wird, entscheidet sich der Kandidat, ob er Jesuitenbruder oder Priester werden will. Priesteramtskandidaten studieren dann als sogenannte Scholastiker Philosophie und Theologie. Nach etwa zehn Jahren folgt schliesslich das Tertiat und der Ordensbruder legt das letzte und vierte Gelübde ab, durch das er sich zu besonderem Gehorsam gegenüber dem Papst verpflichtet. Der deutsche Begriff «Kadavergehorsam» wurde nicht zufällig im Hinblick auf die Jesuiten geprägt.

Innenschau und Hinwendung zur Welt

Der Erforschung des Inneren, der Suche nach einem persönlichen Weg zu Gott dienen «Geistliche Übungen», 30-tägige Exerzitien nach dem Vorbild des heiligen Ignatius, der seine spirituellen Erfahrungen in einem «Exerzitienbüchlein» für andere nachvollziehbar zu machen suchte. Diese protestantisch anmutende Betonung der Innerlichkeit wird indes durch eine sehr katholische Hinwendung zur Welt ergänzt: Der Jesuit soll ein contemplativus in actione sein, dessen meditative Innenschau und äussere Tätigkeit sich wechselseitig ergänzen.

Und tatsächlich mischten die Jesuiten als Stosstrupp des Papstes, dem sie durch ihr Gelübde unbedingten Gehorsam schuldeten, in der Politik kräftig mit. An den Höfen von Wien, München, Paris, Madrid und Lissabon wirkten Jesuiten als Beichtväter. Sie waren der Motor der Gegenreformation, denen es beispielsweise gelang, das für Rom schon fast verlorene Polen zu rekatholisieren. Daneben waren sie die Hauptstütze der katholischen Mission in Asien, Indien und Amerika, wobei sie – um ihren Glauben unter den Einheimischen erfolgreich zu verbreiten – deren Sprache und Kultur studierten. Dies führte notgedrungen zu Konflikten mit den weltlichen Kolonisatoren. In Paraguay existierte mit den sogenannten Jesuitenreduktionen sogar ein «Jesuitenstaat�», in dem es den Indios besser erging als im restlichen spanischen Kolonialgebiet.

Finstere Gegner der Aufklärung

In Europa machte die unbedingte Papsttreue die Jesuiten dagegen unweigerlich zu Parteigängern der Reaktion, in denen die Aufklärung einen ihrer härtesten Gegner sah. Es entstand das Bild des finsteren, romhörigen Ränkeschmieds, der im Geheimen böse Fäden spinnt. 1759 wurde die «Gesellschaft Jesu» in Portugal verboten. Unter starkem politischem Druck musste Papst Clemens XIV. den Orden 1773 sogar ganz aufheben. Erst 1814 wurde er wieder zugelassen. Während des Kulturkampfs mussten die Jesuiten 1872 auch Deutschland verlassen.

In der Schweiz gerieten die «Soldaten Gottes» in die Auseinandersetzung zwischen liberalen und konservativen Ständen, die im Sonderbundskrieg vom November 1847 gipfelte. Die ultramontane Regierung Luzerns hatte die Jesuiten an die höheren Lehranstalten berufen, was sogar in gemässigten katholischen Kreisen auf Widerstand stiess. Für Liberale und Protestanten war es schlicht eine Provokation, die mit – erfolglosen – Freischarenzügen beantwortet wurde.

Ausweisung aus der Schweiz

1847 beschloss die eidgenössische Tagsatzung neben der Auflösung des Sonderbunds auch die Ausweisung der Jesuiten. Nach dem Sieg gegen den Sonderbund und der Gründung des Bundesstaates wurde das Jesuitenverbot in die Verfassung geschrieben. 1874 wurde es bei der Totalrevision der Bundesverfassung noch verschärft: Fortan durften auch einzelne Ordensbrüder nicht mehr in der Schweiz tätig sein. Mit dem Abflauen des Kulturkampfs verlor die konfessionelle Frage jedoch stark an emotionalem Gehalt. 1955 verlangte der konservative Ständerat Ludwig von Moos die Streichung des Jesuitenverbots. Erst 1973 aber entfernten Volk und Stände das Verbot aus der Verfassung.

Im 20. Jahrhundert hatte sich das Image des Ordens ohnehin gewandelt: Mittlerweile galten die Jesuiten eher als fortschrittlich und reformorientiert, wenn auch immer der Gehorsam gegenüber dem Papst bestimmend blieb. Weil sie sich für eine auch politisch wirksamere Armutsbekämpfung einsetzte, verlor die «Gesellschaft Jesu» unter den konservativen Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. innerkirchlich an Gewicht. Nun steht aber mit Papst Franziskus seit dem 13. März 2013 erstmals einer der «Soldaten Gottes» an der Spitze der Kirche. Noch ist völlig offen, was dies für den Orden und für die Kirche bedeutet.

Video: «Te Deum - Himmel auf Erden - Die Gründung der Jesuiten»

(Quelle: Youtube/researcharchive)

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