Metermagazin - Spektakuläre Klangkulisse mitten in der Natur
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MetermagazinSpektakuläre Klangkulisse mitten in der Natur

Die Open-Air-Konzerthalle sieht aus wie ein Felsbrocken und liegt in einem Tal ausserhalb Pekings.

von
Carina Iten
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Die «Chapel of Sound» umgibt eine geheimnisvolle Atmosphäre, die den Besucher oder die Besucherin anzieht, sobald er oder sie sich dem Gebäude nähert. Dies gilt auch für die Art und Weise, wie die Menschen mit dem Raum interagieren. Ob als Ort der Reflexion oder als Veranstaltungsort für grosse Konzerte - das Bauwerk kann auf viele verschiedene Arten erlebt werden.

Die «Chapel of Sound» umgibt eine geheimnisvolle Atmosphäre, die den Besucher oder die Besucherin anzieht, sobald er oder sie sich dem Gebäude nähert. Dies gilt auch für die Art und Weise, wie die Menschen mit dem Raum interagieren. Ob als Ort der Reflexion oder als Veranstaltungsort für grosse Konzerte - das Bauwerk kann auf viele verschiedene Arten erlebt werden.

Zhu Runzi
«Wir wollten, dass die Definition des Raums nicht so absolut ist, sondern Möglichkeiten zulässt. Ob allein oder in Gemeinschaft, ob Musik oder Naturgeräusche, ob man in den Sternenhimmel blickt oder mit sich selbst in Kontakt tritt - die Interpretation der Nutzung ist offen», erklärt Architekt Huang Wenjing.

«Wir wollten, dass die Definition des Raums nicht so absolut ist, sondern Möglichkeiten zulässt. Ob allein oder in Gemeinschaft, ob Musik oder Naturgeräusche, ob man in den Sternenhimmel blickt oder mit sich selbst in Kontakt tritt - die Interpretation der Nutzung ist offen», erklärt Architekt Huang Wenjing.

Jonathan Leijonhu
Die Architekten sagen selbst, sie wollten mit der «Chapel of Sound» etwas anderes, aber vor allem etwas Sinnvolles schaffen.

Die Architekten sagen selbst, sie wollten mit der «Chapel of Sound» etwas anderes, aber vor allem etwas Sinnvolles schaffen.

Jonathan Leijonhu

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In einem Gebirgstal rund zwei Autostunden vom Zentrum Pekings entfernt liegt dieser mysteriöse Felsbrocken – die «Chapel of Sound». Eine monolithische Open-Air-Konzerthalle mit Blick auf die Ruinen der Grossen Mauer aus der Ming-Dynastie, entworfen vom Pekinger Architekturbüro OPEN. Das halboffene Amphitheater umfasst eine Bühne im Freien, eine Aussichtsplattform sowie einen grünen Raum.

Die Architekten wollten nicht nur die ungewohnte und berührende Erfahrung von Musik inmitten der Natur einfangen, sondern auch einen Ort schaffen, wo Menschen zur Ruhe kommen und den Klängen der Natur lauschen können. Wenn keine Aufführung stattfindet, ist die Konzerthalle ein ruhiger Ort der Kontemplation mit atemberaubendem Blick auf den Himmel und die umliegende Landschaft. Im Interview erklären die Architekten, wieso solche Kraftorte für unsere Gesellschaft immer wichtiger werden und was Musik mit Architektur verbindet.

Wie kam es zu diesem besonderen Projekt?

Open Architects: Wir hatten mit Aranya, dem Auftraggeber, bereits beim UCCA Dune Art Museum zusammengearbeitet. Der Bau einer Konzerthalle ist Teil eines Plans der lokalen Regierung zur Wiederbelebung dieser abgelegenen ländlichen Gegend an der Grenze zu Peking. Wir hatten das Glück, dass uns der Bauherr genügend Freiheiten liess und uns umfassend unterstützte.

Die «Chapel of Sound» fügt sich harmonisch in die Landschaft ein. Was waren die Herausforderungen bei ihrer Konzeption?

OA: Wir haben hier buchstäblich bei Null angefangen - es gibt ein kleines Dorf in diesem Tal, aber die meisten Bewohner sind weggezogen, um in den Städten ein besseres Leben zu führen, und die Strassen, die zum Gelände führen, waren rudimentär, als das Projekt begann. Die abgelegene Lage der Baustelle und die schwierigen Bedingungen machten es auch für die Bauunternehmen schwierig. Wir mussten unsere Arbeitsgewohnheiten den Umständen anpassen und geduldig sein.

Was war Ihre Absicht bei diesem Projekt?

OA: Wir wurden vom Kunden gebeten, eine Konzerthalle für den Aussenbereich zu entwerfen. Abgesehen von diesen wenigen Worten war das anfängliche Briefing fast völlig offen und der Umfang des Projekts wurde erst im Laufe der Planung klar. Da sich das Gebäude in der Nähe eines Abschnitts der Chinesischen Mauer befinden würde, wollten wir dieses historische Wahrzeichen respektieren und die Landschaft, in der das Gebäude stehen würde, verstärken. Wir erkannten schnell, dass jeder Versuch, die Architektur in die umliegende Berglandschaft einzubetten, das bestehende fragile Gleichgewicht zwischen der Topografie und dem Ökosystem zerstören würde. Stattdessen beschlossen wir, diese Qualität in ein besonderes Gebäude zu übersetzen, etwas, das wie ein prähistorischer Felsbrocken wirken könnte, der auf mysteriöse Weise hier gelandet ist und den Boden mit minimalen Fussspuren berührt. Es musste ein besonderer Ort sein. Ein Ort, an dem die Menschen Musik in einem akustischen Raum inmitten der Natur erleben können; ein Ort, an dem die Menschen sich versammeln oder Zeit allein zur Kontemplation verbringen können.

Woher kam die Inspiration dazu?

OA: Inspiration kommt für uns aus vielen Richtungen, die Natur ist die wichtigste. Gesteine haben uns schon immer fasziniert; wir sammeln überall, wo wir hinkommen, einheimische Exemplare, und so haben wir uns natürlich auch von den Gesteinen und geologischen Formationen vor Ort inspirieren lassen. Die Geologie an den Berghängen ist besonders charakteristisch, da sich hier Sedimentschichten ablagerten, die von dem Gletscher stammen, der sich einst durch das Tal bewegte. Ausserdem stiessen wir bei unseren Recherchen auf Szenen von Konzerten in natürlichen Höhlen, die uns tief berührten, weil wir sahen, wie die Natur die Musik aufnimmt und verstärkt und wie die von Menschen geschaffene Kunst mit der unermesslich mächtigen Natur verbunden ist.

Die Verbindung zur Natur war Ihnen sehr wichtig, welche Bedürfnisse muss nachhaltige und zeitgenössische Architektur für Sie erfüllen?

OA: Ein Teil unseres Strebens war es, sinnvolle Verbindungen zwischen Architektur, Kultur und Natur herzustellen; gleichzeitig müssen wir verantwortungsvoll bauen. Wir haben häufig über die Auswirkungen des Bauens auf die Umwelt gesprochen, insbesondere wenn zu schnell und zu viel gebaut wird. Obwohl uns fast alle Möglichkeiten zum Bauen offen stehen, müssen wir uns in bewusster Selbstbeschränkung und Selbstdisziplin üben, denn die eskalierende Umweltkrise ist real. Ironischerweise haben wir durch unsere Zusammenarbeit mit den besten Ingenieuren die fortschrittlichsten Gebäudetechnologien kennengelernt, die heute zur Verfügung stehen, und wir haben das Gefühl, dass es manchmal am effektivsten ist, unser menschliches Verlangen nach Komfort einfach ein wenig zurückzuschrauben, denn ein paar Grad höhere oder niedrigere Temperaturen zu ertragen, kann tatsächlich eine grosse Menge Energie sparen. Bescheidenheit ist heute ein knappes Gut, aber für uns äusserst wichtig.

Sie haben sich für Beton entschieden, warum? Welche anderen Materialien haben Sie für das Gebäude gewählt?

OA: Wir haben uns für Beton entschieden, weil er sowohl formbar als auch widerstandsfähig gegen die raue Aussenumgebung ist. Das örtliche Gestein wurde zerkleinert und als Zuschlagstoff für unsere Betonmischung verwendet. Auch Rückstände von nahe gelegenen Stahlwerken und Eisenöfen wurden beigemischt. Ausserdem haben wir verwitterte Bronze, geschwärzten Edelstahl und verwitterte Stahlplatten verwendet, die alle wegen ihrer Haltbarkeit in rauen Umgebungen ausgewählt wurden. Die Bronze - vor allem in Handläufen, Armaturen und Beschilderungen - wurde verwendet, um dem ansonsten monolithischen Beton ein Gefühl von Wärme zu verleihen.

Die «Chapel of Sound» soll auch ein Ort der Ruhe und Entspannung sein - wie wichtig sind Ihrer Meinung nach solche Oasen in der Natur?

OA: Bei der «Chapel of Sound» war uns bewusst, dass es aufgrund ihrer abgelegenen Lage nicht das ganze Jahr über Aufführungen geben wird; wir haben viel darüber nachgedacht, wie sie genutzt werden kann, wenn keine Aufführung stattfindet. Es gibt viele Aussichtsplattformen, von denen aus man die schöne Landschaft geniessen und sich mit der Natur verbunden fühlen kann. Wir hoffen, dass das Gebäude etwas Ursprüngliches und Spirituelles vermittelt, das die Realität der Natur selbst widerspiegelt. In unserem modernen Leben, das von Informationen, Ängsten und virtueller Realität überflutet ist, halten wir es für wichtiger denn je, uns wieder mit unseren Sinneswahrnehmungen zu verbinden, zu sehen, zu fühlen, zu hören, mit unserem eigenen Körper und Geist zu spüren. Und mit der Natur im Einklang zu sein.

Sie bringen mit Musik und Architektur zwei unterschiedliche Disziplinen zusammen, was haben sie gemeinsam?

OA: Zu dieser Frage wurden bereits viele kluge Meinungen und Ansichten geäussert. Wenn wir es hier noch einmal in aller Bescheidenheit versuchen dürfen: Es sind die Elemente Zeit und Emotion, die Musik und Architektur für uns eng miteinander verknüpfen. Architektur mag oberflächlich betrachtet statisch erscheinen, aber es ist der Lauf der Zeit durch einen gebauten Raum, der uns berührt, sei es der Wechsel von Licht und Schatten im Laufe eines Tages oder das Tempo und die Abfolge von Menschen, die sich durch verschiedene Räume bewegen, oder die Spuren der natürlichen Verwitterung über lange Zeiträume an echten Materialien. Genauso wie Musik haben auch Räume Emotionen. Wir setzen auf die Art von Raumqualität, die die Sinne der Menschen berührt.

Die Konzerthalle liegt zwei Autostunden von Peking entfernt, kann man sie nur mit dem Auto erreichen? Wie weit ist es bis zum nächsten Dorf?

OA: Ja, im Moment kann man das Gelände nur mit dem Auto oder Bus erreichen. Das nächste Dorf ist nur eine kurze Autofahrt entfernt.

Ist die «Chapel of Sound» öffentlich zugänglich?

OA: Wenn sie im Sommer eröffnet wird, ist sie für jedermann zugänglich, aber natürlich wird es ein Programm mit Eintrittskarten geben.

www.openarch.com

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