Kollektivstrafe: Sperrten Betreuer Asylsuchende ein?
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KollektivstrafeSperrten Betreuer Asylsuchende ein?

Eine Betreuungsorganisation steht erneut in der Kritik: Laut internen Protokollen haben Betreuer die Bewohner eines Asylheim streng sanktioniert.

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bz
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Machte ein Bewohner im Bundesasylheim in Aesch sein Bett nicht, verordneten die Betreuer Kollektivstrafen. Auf dem Bild machen Asylbewerber in der Asylunterkunft im ehemaligen Hotel Rustico in Laax ein Bett bereit.

Machte ein Bewohner im Bundesasylheim in Aesch sein Bett nicht, verordneten die Betreuer Kollektivstrafen. Auf dem Bild machen Asylbewerber in der Asylunterkunft im ehemaligen Hotel Rustico in Laax ein Bett bereit.

Keystone/Gian Ehrenzeller
Stefan Frey, Sprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe: «Da private Organisationen mit Asylsuchenden Gewinn erwirtschaften müssen, ist es möglich, dass günstiges und entsprechend schlecht qualifiziertes Betreuungspersonal am Werk ist.»

Stefan Frey, Sprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe: «Da private Organisationen mit Asylsuchenden Gewinn erwirtschaften müssen, ist es möglich, dass günstiges und entsprechend schlecht qualifiziertes Betreuungspersonal am Werk ist.»

www.fluechtlingshilfe.ch

Aufgeräumt und sauber hatten die Asylsuchenden im Bundesasylheim in Aesch ihre Zimmer zu halten. Machte eine Person ihr Bett nicht, verordneten die Betreuer Kollektivstrafen. Die Betreuungsorganisation ORS Service AG stellte die fehlbare Person samt deren Zimmergenossen für den ganzen Tag unter Hausarrest, berichtet die «Basler Zeitung», Die Unterkunft, eine Zivilschutzanlage, während des Tages zu verlassen, war demnach verboten.

Die Zeitung zitiert aus ihr vorliegenden internen Protokollen der ORS AG: Sollten die Zimmer nicht aufgeräumt sein, «werden alle GS (Anm. d. Red. Gesuchssteller) aus dem Zimmer gesperrt», heisst es darin. Auch ORS-nahe Kreise bestätigen, dass Kollektivstrafen an der Tagesordnung waren.

Luftschnappen verboten

Die Liste der Vorfälle, die als «Schikane» bezeichnet werden, ist laut der Zeitung lang. Erschienen Asylsuchende über fünf Minuten verspätet zum Putzdienst, mussten sie am nächsten Tag erneut dazu antraben. Weiter wurden sie zu eintägigem Hausarrest verdonnert. Selbst Luftschnappen oder Rauchen sollen verboten gewesen sein.

Auch bei der Verpflegung galten strenge Regeln: Das Brot war laut Bericht rationiert. Gemüse und Früchte gab es kaum. Eltern mussten Kindernahrung selber kaufen. Auch Babymilch soll rationiert gewesen sein. Der Bezug von Milchschoppen beschränkte sich auf einen Zeitpunkt nach dem Mittagessen. Laut einem Mitarbeiter fragten Eltern mitten in der Nacht erfolglos nach Milch für ihr schreiendes Kind.

«Schlecht qualifiziertes Personal»

Stefan Frey, Sprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, bezeichnet die Informationen aus den Protokollen als «skandalös»: «Solche Zustände herrschen nicht einmal in einem Gefängnis.» Menschen, die auf ihren Asylentscheid warteten, hätten würdigere Rahmenbedingungen verdient.

Um dies zu sichern, fordert er in den Unterkünften externe Monitorings. «Da private Organisationen mit Asylsuchenden Gewinn erwirtschaften müssen, ist es möglich, dass günstiges und entsprechend schlecht qualifiziertes Betreuungspersonal am Werk ist.» In Zukunft müssten Zugang und Begleitung durch die Zivilgesellschaft sichergestellt werden.

«Kollektivstrafen nicht geduldet«

Die ORS Service AG verweist auf Anfrage von 20 Minuten auf das Staatssekretariat für Migration SEM. «Kollektives Strafen duldet das SEM nicht», schreibt Kommunikationschef Martin Reichlin. Es sei dem SEM bekannt, dass in einem Fall die Asylsuchenden eines Zimmer die Zivilschutzanlage Aesch erst verlassen durften, als die Zimmerordnung des ganzen Zimmers erstellt war. Ein ganztägiges «Sperren» wegen fehlender Zimmerordnung habe aber nicht stattgefunden.

Laut Reichlin wurden Brot, Butter und Konfitüre nicht rationiert. «Die Kritik der fehlenden Kindernahrung ist unzutreffend.» Im Januar 2016 habe es kurzfristig eine limitierte Abgabe von Milch gegeben. «Für Kinder wurden seit Januar 2016 Obst und Milch zum Znüni und Zvieri angeboten.»

«Laufend professionell geschult»

ORS-Sprecherin Simona Gambini sagt: «Wir stehen in engem Kontakt zu unseren Auftraggebern. Hinweise auf angebliche Missstände werden ernst genommen und gemeinsam im Detail geprüft.» Bei Bedarf würden Verbesserungsmassnahmen umgesetzt. Das umfassende Weiterbildungsangebot stelle sicher, dass die Mitarbeitenden laufend professionell geschult und über aktuelle Entwicklungen informiert seien.

Das Bundesasylheim in Aesch schloss Ende 2016. Reichlin macht darauf aufmerksam, dass die Kritik in jene Zeitspanne falle, in der der Betrieb im Aufbau gewesen sei. «Gleichzeitig herrschte aber aufgrund der hohen Zahl neuer Asylsuchender sehr rasch Vollbestand.»

Die ORS Service AG gerät nicht zum ersten Mal ins Kreuzfeuer der Kritik. 2015 wurde publik, dass im Asylzentrum Traiskirchen in der Nähe von Wien unhaltbare Zustände herrschten, weil es den Bewohnern an Grundlegendem mangelte. Verantwortlich für den Betrieb der Unterkunft war eine Tochter der ORS. Vor fünf Jahren kritisierte ein Schlussbericht die ORS unter anderem wegen schikanöser Durchsetzung der Hausordnung im Asylzentrum im luzernischen Eigenthal.

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