Reportage, 2. Teil: Spezialisten zum Lohn von Hilfsarbeitern
Aktualisiert

Reportage, 2. TeilSpezialisten zum Lohn von Hilfsarbeitern

Lohndumping betrifft nicht nur Hilfsarbeiter. Auch ausländische Spezialisten verdienen in der Schweiz zu wenig, wie aus dem zweiten Teil der Reportage von 20 Minuten Online hervorgeht.

von
Ronny Nicolussi

Der Zürcher Areitsmarkt-Kontrolleur Markus Stalder steigt wieder in seinen Dienstwagen. Diesmal ist eine kleine Baustelle sein Ziel. «Die Grösse einer Baustelle spielt für die Problematik von Lohndumping und Scheinselbständigkeit keine Rolle», weiss er. Dem ehemaligen Schreiner, der seit 2004 Baustelle um Baustelle besucht, macht keiner so schnell etwas vor. Vor seiner Zeit als Kontrolleur führte er eine Schreinerei mit 80 Angestellten als Produktionsleiter. «Ich kenne sämtliche Tricks und auch das Unternehmertum liegt mir im Blut», sagt er. Zudem seien die Kontrollen in den letzten sieben Jahren laufend verbessert und auf immer neue Herausforderungen angepasst worden.

Trotzdem stösst auch Stalder immer wieder an seine Grenzen. Kopfzerbrechen bereiten ihm derzeit vor allem Scheinselbstständige. Er weiss: «Die Scheinselbstständigkeit ist ein Problem, dass wir noch nicht im Griff haben.» Immer wieder senden ausländische Firmen Arbeiter – getarnt als Selbstständigerwerbende – in die Schweiz, weil für diese keine Mindestlöhne und geregelte Arbeitszeiten vorgeschrieben sind. Und der Kontrolleur kann nichts machen. Er klagt: «Das Gesetz gibt uns nicht genügend griffige Instrumente, um dagegen vorzugehen.»

Selbständige wären verpflichtet, auf Anfrage ihre Selbständigkeit zu beweisen. «Offenbar wurden bei der Gesetzgebung aber die Massnahmen vergessen, die ergriffen werden müssten, wenn jemand nicht kooperiert», sagt Stalder. Eine Wegweisung von einer Baustelle ist nicht möglich. Erst im Nachhinein kann eine Busse bis maximal 5000 Franken wegen Lohnunterbietung oder Falschmeldung ausgestellt werden. Und nur in schwerwiegenden Fällen, also wenn Bussen nicht bezahlt werden oder Arbeitgeber von Scheinselbständigen überhaupt nicht kooperieren, kommt ein Dienstleistungsverbot infrage. «Jene Arbeitgeber, die Arbeiter nur für einen Auftrag nach Zürich schicken, ist das jedoch egal.» Das wisse auch das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, erzählt der 59-Jährige. Vorerst seien den Kontrolleuren jedoch die Hände gebunden.

Wahre Spezialisten

Die «kleine Baustelle» befindet sich im zweiten Obergeschoss eines Fotogeschäfts. Zwei Stuckateure sind dabei, eine über zehn Meter breite Hohlkehle in ein Fotostudio einzubauen. Hohlkehlen sind diese weissen, abgerundeten Wände, die nahtlos zum Boden übergehen, und bei Fotoshootings den Eindruck vermitteln, hinter dem Model gebe es keinen Hintergrund. Um eine professionelle Hohlkehle zu bauen, müssen Handwerker mehr als nur gute Gipser sein. Es braucht wahre Spezialisten. Und das sind sie, die beiden ruhigen Herren, Mitte 40 aus dem Ruhrgebiet – oder «da, wo der deutsche Meister herkommt», wie einer der beiden bemerkt. Beide haben schon weltweit Hohlkehlen gebaut, vor allem in Europa aber auch in China und in Übersee. Das können sie. Dafür holt man sie.

Stalder stellt sich vor und kommt sofort ins Gespräch mit den beiden. Man versteht sich. Er spricht die Sprache der Handwerker. Im Radio greift John Lennon in die Klaviertasten und singt dazu: «Imagine there's no countries, it isn't hard to do...» Die Befragung ergibt, dass die Stuckateure für deutsche Verhältnisse gut bezahlt werden. Um den Anforderungen in der Schweiz zu genügen, reicht ihr Gehalt aber mitnichten, was sie selbst erstaunt zur Kenntnis nehmen. Auf die Stunde erhalten sie umgerechnet 19.80 Franken. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Gepflogenheiten in Sachen Ferien, Spesen und Zuschlägen schätzt Stalder den Stundenlohn auf 21 bis 22 Franken. «Für die Facharbeit, die sie hier leisten, müssten sie jedoch 32 Franken erhalten.»

Auch das also anscheinend ein klarer Fall von Lohndumping. Der Arbeitgeber der beiden dürfte sich schon bald die Augen reiben, wenn er Post aus Zürich erhält. Erweisen sich die Angaben der Handwerker als richtig, muss er den Stuckateuren den Lohnunterschied nachträglich entrichten. Werden die Handwerker mit der Hohlkehle rechtzeitig fertig, werden sie dafür 84 Arbeitsstunden gearbeitet haben. Somit müsste der Arbeitgeber ihnen rund 1700 Franken Lohn nach- und weil das im Gesamtarbeitsvertrag der Gipser-Branche so vorgesehen ist, denselben Betrag auch noch als Busse bezahlen.

Tiefe Hemmschwelle

Die Hemmschwelle, es in der Schweiz zu versuchen, ist nicht besonders hoch. Dies bestätigt auch folgende Antwort aus dem Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich: «Wir stellen bei ausländischen Arbeitgebern einen gewissen Lerneffekt fest – je häufiger sie Arbeiter in die Schweiz senden, desto eher halten sie sich an die Regeln.» Wiederholungsfälle gebe es nur sehr wenige.

Stalder mag darüber nicht diskutieren. Bei seinen Kontrollen spielt es keine Rolle, ob jemand das erste oder das fünfte Mal erwischt wird. Er äussert lediglich einen Verdacht. Wie immer. Mehr nicht. Nachdem er sich von den beiden Stuckateuren verabschiedet hat, verlässt er die Baustelle und steigt in seinen weissen Opel. Er hat noch viel zu tun.

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