Aktualisiert 04.10.2011 12:26

Petardenwurf

Spielabbruch beim Zürcher Derby

Ein trauriger Moment für den Zürcher Fussball: Das Derby zwischen GC und dem FCZ musste wegen Fanausschreitungen abgebrochen werden. Sechs Personen wurden verletzt, vier nahm die Polizei fest.

Das 226. Derby zwischen GC und dem FCZ endete mit dem wohl grössten Eklat in der 114-jährigen Geschichte des Stadtzürcher Duells. Schiedsrichter Sascha Kever brach die Partie in der 78. Minute wegen schweren Krawallen auf den Zuschauerrängen ab. Sechs Personen wurden verletzt, die Polizei nahm vier Personen fest.

Zürichs Sportchef Fredy Bickel, seit bald 20 Jahren im Fussball-Business engagiert, stand den Tränen nahe und rang um seine Fassung. «Das ist ein absoluter Tiefpunkt für den Schweizer Klubfussball. Ich kann es kaum in Worte fassen. Ich hätte nicht gedacht, dass es einmal so weit kommt.»

Vermummte FCZ-Fans stürmten in Richtung Gästesektor

GC führte 2:1, der FCZ enttäuschte. Die Aufregung hielt sich beidseits in Grenzen. Doch innerhalb weniger Minuten wurde das Spiel der wenigen Höhepunkte zum Spiel des monumentalen Tiefpunkts. Radikale aus dem Umfeld der Südkurve stürmten nach einer Provokation der gegnerischen Anhänger, die gestohlene FCZ-Banner präsentierten, die Osttribüne und schleuderten zwei Leuchtpetarden mitten in den Block der GC-Fans.

Gestoppt wurden die Gewalttätigen von niemandem. Der zuständige Security-Dienst - für die Sicherheit innerhalb der Arena ist das Stadion-Management zuständig - liess die mutmasslichen FCZ-Fans gewähren. Sie verschafften sich ungehindert Zutritt zu anderen Sektoren. Und sie entzündeten ihre Feuerwerkskörper - keiner stoppte die Horde. Panikartig flüchtete ein Teil der GC-Fans. Andere hatten sich längst vermummt und schritten zum Gegenangriff. Innerhalb des Letzigrunds spielten sich während Minuten erschreckende Szenen ab. Krawallanten verprügelten sich - vor den Augen geschockter Familien. Die Spieler standen zu jenem Zeitpunkt längst nicht mehr auf dem Feld. Der Referee Kever schickte sie sofort in die Kabinen.

Nach rund fünf Minuten kehrte Kever kurz auf den Rasen zurück und signalisierte mit einer kurzen Geste das sofortige Ende des Derbys. Der Tessiner sprach vom «schwierigsten Entscheid meines Lebens». Er habe einen «riesigen Tumult bemerkt und erkannt, dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist». Den Entscheid habe er in Absprache mit den beiden Coaches Sforza und Fischer getroffen. «Für uns war klar: So kann man nicht mehr weiterspielen.» Die Mehrheit der rund 15'000 schockierten Zuschauer verliess den Ort des Schreckens wortlos.

Christian Schöttli, der Sicherheits-Chef der Liga verfolgte die Eskalation von der Tribüne aus. Er mochte keine Spekulationen verbreiten, wer die Schuld trägt und welche Konsequenzen die beiden Klubs zu befürchten haben. Das Sicherheits-Dispositiv sei sehr gross gewesen. «Wir von der Liga werden genau analysieren müssen, was hier passiert ist.»

GC-Präsident Leutwiler: «Jenseits von Gut und Böse»

Offenbar waren aber nicht alle Beteiligten der Ansicht, das Spiel sofort abpfeifen zu müssen. Die beiden Klub-Präsidenten hatten geplant, die Fans mit Statements vor den Kurven zu beruhigen. Roland Leutwiler, der VR-Präsident der Hoppers, gab an, überrascht gewesen zu sein, «wie schnell abgebrochen worden ist. Die Spieler waren nicht gefährdet.» Er masse sich aber kein Urteil an.

Wesentlich deutlicher äusserte sich Leutwiler über die Verursacher dieses Skandals: «Ich muss mich bei den Teams, bei den Coaches, bei der Bevölkerung der Stadt entschuldigen, dass so etwas passieren kann.» Er sprach in seinem grenzenlosen Frust von «asozialen Elementen, die sich gegenseitig provozieren» und vom Problem, dass die Rechtssprechung viel zu milde sei: «Solche Leute müsste man sofort packen und verurteilen.»

Für Leutwiler sind die Ausschreitungen «jenseits von Gut und Böse». Man müsse alles im Detail klären. Gegenseitige Schuldzuweisungen seien nicht angebracht. «Ich weiss nicht, ob es überhaupt eine Lösung gibt.» Er beobachte in der Stadt seit Jahren einen Anstieg der Jugendkriminalität. «Das hier hat auch damit zu tun.»

Canepa fassungslos

Sein Zürcher Amtskollege Ancillo Canepa entgegnete dem Ausbruch der Gewalt mit Fassungslosigkeit, Enttäuschung und Wut. «Wir müssen uns seit Jahren von einer Minderheit auf der Nase herumtanzen lassen und uns dann noch vorwerfen lassen, wir würden zu wenig gegen die Fan-Gewalt unternehmen.» Für ihn stelle sich bald einmal die Frage, «weshalb ich soviel Energie und Zeit zur Verfügung stellte, um dann von solchen Idioten gebremst zu werden.»

Er weiss aus eigener Erfahrung, wie hoch der Preis sein könnte, den der FCZ für die ausser Kontrolle geratene Meute aus dem eigenen Umfeld zu bezahlen hat. 2008 schleuderten (später überführte und bestrafte) Kriminelle aus der FCZ-Kurve brennende Leuchtkörper in den Basler Familiensektor. Die Liga bestrafte den Auswärtsklub mit zwei Partien vor leeren Rängen. Ein ähnliches Strafmass nun auch im «Skandal-Derby» zu erwarten.

Verlieren wird am Ende aber nicht nur der FCZ, sondern auch GC. Dem «Heimklub» droht womöglich eine Forfaitniederlage, weil er die Sicherheit nicht gewährleisten konnte - auch wenn der Klub als Mieter im Letzigrund den Ball dem Stadion-Management zuspielen dürfte. Peter Landolt, der Chef des Stadions, war nicht vor Ort. Ihn erreichten die Meldungen über das Desaster am Flughafen Kloten. Sein Stellvertreter trat an der offiziellen Medienkonferenz nicht auf.

Eine Schande nach der anderen

Zu welchem Schluss die Kommissionen der Liga und des Verbandes in den nächsten Wochen auch kommen mögen: Der schwarze Sonntag von Zürich ist nicht mehr von der mittlerweile sehr langen Liste der Gewaltausbrüche innerhalb der Schweizer Fussball-Stadien zu entfernen. Die Schande von Basel, als vor fünf Jahren Hooligans des FC Basel nach der verlorenen Meisterschaft das Feld stürmten, hat noch niemand vergessen.

2008 bewarfen ein paar gestörte Zürcher unschuldige Väter, Mütter und Kinder mit hochgradigem Pyro-Material. 2011 stoppte eine Schlägerbande nun erstmals gar ein Spiel der obersten Liga. Es grenzt an ein Wunder, dass es «nur» mehrere Leichtverletzte gab. Aber der Imageschaden ist kaum abzuschätzen.

Die von Gewaltexzessen speziell betroffenen Vereine GC und FCZ werden mittelfristig noch mehr Zuschauer verlieren. Allein die Aussage von Schiedsrichter Kever deutet darauf hin: «Einige der Kinder, die das erleben mussten, werden beim Einschlafen heute Abend Probleme haben.» Dringende Massnahmen sind nun zwingend nötig. Aber das Zusammenspiel mit der Politik funktioniert in Zürich derzeit etwa so schlecht wie jenes auf dem Rasen. (si)

Fehler gefunden?Jetzt melden.