Gewaltverharmlosung?: «Spielzeugwaffen sind perfid»
Aktualisiert

Gewaltverharmlosung?«Spielzeugwaffen sind perfid»

Plastikpistolen mit Schaumstoffmunition sind momentan der Renner. Konsumentenschutz und Politiker rufen die Anbieter auf, die Geräte aus dem Regal zu nehmen. Diese winken ab.

von
jep
Farbig leuchtende Spielzeugwaffen erleben einen Boom.

Farbig leuchtende Spielzeugwaffen erleben einen Boom.

Dartblaster heissen die Spielzeugpistolen, die Bubenherzen höher schlagen lassen. In fröhlichem Gelb oder Orange sehen sie zwar aus wie Spielzeug, sind aber mit einem Abzug und einem Projekttil echten Waffentypen nachempfunden und verschiessen durch Luftdruck patronenähnliche Schaumstoffpfeile. Die Geräte, die es bereits für 6-Jährige gibt, sind seit 2009 auf dem Markt - und erleben seitdem einen Boom. Wie der «Tages-Anzeiger» diese Woche berichtete, sind die Dartblaster, die es auch mit elektronischem Zielfernrohr gibt, sowohl bei Manor, Franz Carl Weber, Migros und Coop ein Kassenschlager - und stehen deshalb auch ganz vorne in den Regalen.

Das stösst Konsumentenschützerin Sara Stalder sauer auf. «Solche Spielzeugwaffen sind perfid: Aufgrund ihrer bunten Farben sprechen sie viele Kinder an, doch grundsätzlich sind es Waffen», sagt Stalder gegenüber 20 Minuten. Da frage man sich, ob die Hersteller wirklich Kinder mit Gewalt verharmlosendem Spielzeug in Verbindung bringen wollen. Die Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz appelliert deshalb an die Spielwarengeschäfte: «Wer ethische Grundsätze hat, müsste gut überdenken, ob er mit solchem Spielzeug Geld verdienen will.»

Zweifel an der Sicherheit

Auch SP-Nationalrätin und Mutter Chantal Galladé will die Hersteller in die Pflicht nehmen. «Solche Spielzeuge brauchen wir in der Schweiz wirklich nicht.» Hier würden Flüchtlingskinder leben, die in ihrer Heimat erlebt hätten, was Waffengewalt und Krieg bedeute. Da sei es ein Affront, wenn Kinder mit waffenähnlichen Spielzeugen rumrennen und sich gegenseitig abschiessen. «Zudem habe ich Zweifel, dass solche Pfeile keinen Schaden anrichten können, wenn sie zum Beispiel das Auge treffen.»

Galladé hatte im vergangenen Dezember Ja zur Motion von Alt-Nationalrätin Franziska Teuscher gestimmt, die ein Herstellungs-, Verkaufs- und Einfuhrverbot für jegliches Kriegsspielzeug gefordert hatte. Allerdings wurde damals die Motion abgelehnt. «Für einen neuen Anlauf ist es noch zu früh, aber ich hoffe dennoch, dass ein Umdenken stattfindet», sagt Galladé.

«Kinder spielen gerne Räuber und Poli»

Weniger dramatisch sieht den Spielzeugpistolen-Boom CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. Die Mutter zweier Söhne hat zwar auch keine Freude daran, wenn Kinder mit solchen Spielzeugwaffen spielen, aber es sei ihr lieber wenn sie draussen mit den Pistolen herumrennen statt drinnen vor dem PC sitzen. Von einem Verbot hält sie nichts: «Wenn man etwas verbietet, wird es umso attraktiver.» Vater und SVP-Nationalrat Walter Wobman bezeichnet die Forderung von Konsumentenschutz und Galladé gar als «weltfremd». Sein Sohn und Nachbarsjungen hätten ebenfalls Spielzeugpistolen gehabt - und keinen Schaden davon getragen, im Gegenteil: «Die haben mit Gewalt rein gar nichts am Hut.»

So sehen es auch die Anbieter. «Das Spielen mit Spielzeugwaffen entspricht einem klassischen Räuber und Poli, was Kinder traditionell sehr gerne spielen», so Manor-Sprecher Alexandre Barras. Durch die Technologie mit den ungefährlichen Schaustoffpfeilen verbinde man einen sportlichen Wettbewerb mit spielerischen Elementen, indem zum Beispiel die Pfeile an den Kleidern haften bleiben, im Dunkeln leuchten oder in der Luft heulen. Gleich klingt es bei Coop. «Unsere Spielzeugwaffen sehen nicht echt aus, was auch durch die Farbe gewährleistet ist», so Sprecherin Nadja Ruch.

Manor nimmt dafür die Eltern in die Pflicht. «Wie generell mit Spielwaren ist es auch bei Spielzeugpistolen wichtig, dass die Eltern ihren Kindern im Umgang mit solchen Produkten klare Regeln und Grenzen aufzeigen.»

Imitationswaffen gesetzlich Verboten

Ende 2008 trat in der Schweiz das neue Waffenrecht in Kraft. Gemäss diesem ist das Tragen von Imitationswaffen wie Soft-Air-, Paintball- und Schreckschusswaffen in der Öffentlichkeit verboten. Spielzeugpistolen dürfen seitdem nur noch verkauft werden, wenn der Verkäufer über eine Waffenhandelsbewilligung für Nichtfeuerwaffen verfügt. Dies ist beim Dartblaser von Nerf der Fall.

Deine Meinung