«Satire» der Berner Reitschüler - Spiess-Hegglin entschuldigt sich für Like unter Köpfungs-Meme
Aktualisiert

«Satire» der Berner ReitschülerSpiess-Hegglin entschuldigt sich für Like unter Köpfungs-Meme

«Ich habe einen satirischen Beitrag geliked, der missverständlich war und vor allem mit der bildlichen Darstellung persönliche Gefühle verletzen konnte», so die Zugerin.

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Reto Oeschger / Tamedia
«Ich habe versucht, mich sofort zu entschuldigen und bin froh, hier dies erstmals auch in einem grösseren Medium tun zu können», sagt Jolanda-Spiess Hegglin zur Eskalation auf Twitter.

Reto Oeschger / Tamedia

Spiess-Hegglin hatte einen Like unter einen satirischen Beitrag der Zeitung Megafon gesetzt. Dieser zeigte ein Meme in dem «Tages-Anzeiger»-Autorin Michèle Binswanger geköpft wurde.

Spiess-Hegglin hatte einen Like unter einen satirischen Beitrag der Zeitung Megafon gesetzt. Dieser zeigte ein Meme in dem «Tages-Anzeiger»-Autorin Michèle Binswanger geköpft wurde.

Andrea Zahler/TAMEDIA AG
Megafon hatte bereits am Tag danach das Bild gelöscht und sich bei Binswanger entschuldigt. Der «Tages-Anzeiger» hält an einer Strafanzeige fest.
Foto: 20min/Matthias Spicher

Megafon hatte bereits am Tag danach das Bild gelöscht und sich bei Binswanger entschuldigt. Der «Tages-Anzeiger» hält an einer Strafanzeige fest.
Foto: 20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Ein Köpfungs-Meme von Journalistin Michèle Binswanger sorgte für Aufregung.

  • Der Absender, die Zeitung der linksautonomen Reitschule, entschuldigte sich.

  • Auch Jolanda Spiess-Hegglin, die das Meme gelikt hatte, tut ihre Aktion leid.

«Der Vorwurf, rechts zu sein, kann ein gesellschaftliches Todesurteil sein»: Diese Feststellung machte «Tages-Anzeiger»-Autorin Michèle Binswanger in einem Interview mit dem deutschen Journalisten Stefan Aust. Dabei ging es unter anderem um die sogenannte Cancel Culture.

Für Megafon, die Zeitschrift der linksautonomen Berner Reitschule, war dies nicht das erste Mal, dass sich Binswanger einer «morbiden Sprache» bediente. Megafon versuchte deshalb, diese «Hinrichtungsmetaphern» bildlich darzustellen und damit satirisch aufzuzeigen, «wie absurd es ist, wenn man harmlose Kritik zur metaphorischen Tötung umdeutet».

Die Zeitung postete am Sonntagnachmittag ein Meme auf Twitter, das die Enthauptung von Ludwig XVI während der französischen Revolution zeigt – mit Binswangers Kopf anstelle des königlichen Hauptes.

«Ungeeignet, satirischen Gehalt zu transportieren»

Megafon entschuldigte sich später für das «drastisch gewählte Bild». «Das Bild löste somit Assoziationen zu Angriffen auf Journalistinnen und Journalisten aus und hatte das Potential, sich zu verselbstständigen. Damit war es ungeeignet, den satirischen Gehalt des Tweets zu transportieren.»

Daneben, dass der «Tages-Anzeiger» eine Strafanzeige gegen Megafon einreichen wird, hat auch ein Like von Jolanda Spiess-Hegglin unter dem Köpfungs-Meme für Aufruhr gesorgt. Dies ist besonders brisant, weil sich Spiess-Hegglin mit ihrem Verein Netzcourage als Vorkämpferin gegen Hass im Netz sieht und derzeit einen Rechtsstreit mit Binswanger und Tamedia um ein Buchprojekt ausficht. Weiter erhält sie vom Bund für Netzcourage Fördergelder.

Spiess Hegglins Verein profitiert von Steuergeldern

Spiess-Hegglin musste denn auch scharfe Kritik einstecken. So schrieb die NZZ im Freitag in einem Kommentar von einer «öffentlich finanzierten Doppelmoral». Und weiter: «Von einer Frau, die sich auf allen Kanälen als Kämpferin gegen die bösen Trolle feiern lässt, würde man eigentlich erwarten, dass sie ihren eigenen Ansprüchen genügt.»

Der Fall «Netzcourage» veranschaulicht laut der Zeitung, wie die Bürger heute für Organisationen aufkommen müssen, deren Zahl kaum noch überblickbar sei. «Wie sie Aktivisten finanzieren müssen, die auf Staatskosten ihr Geschäft betreiben wollen, statt sich um eine private Geldquelle zu bemühen. Das Beispiel zeigt zudem, wie grosszügig und letztlich unbemerkt von der Öffentlichkeit der Bund Finanzhilfen verteilt.»

Deutliche Worte wählte auch der Chefredaktor der Tamedia-Zeitungen, Arthur Rutishauser. «Dass sich Jolanda Spiess-Hegglin, ehemalige Politikerin, Journalistin und selbst ernannte Kämpferin gegen Hass im Netz, nicht zu schade war, den Tweet auch noch zu liken, ist beschämend. Fragwürdig ist es vor allem auch deshalb, weil die sogenannte #NetzAmbulanz des Vereins Netzcourage die nächsten zwei Jahre zur Hälfte vom Bund finanziert wird.»

«Fehler sollten nicht passieren, passieren aber»

Gegenüber 20 Minuten, die wie der «Tages-Anzeiger» zur TX Gruppe gehört, nimmt Spiess-Hegglin nun Stellung.*

«Ich habe einen satirischen Beitrag geliked, der missverständlich war und vor allem mit der bildlichen Darstellung persönliche Gefühle verletzen konnte», so Spiess-Hegglin. Das tue ihr ausgesprochen leid. «Ich habe versucht, mich sofort zu entschuldigen und bin froh, hier dies erstmals auch in einem grösseren Medium tun zu können. Fehler sollten nicht passieren, passieren aber. Auch mir.»

Als Gründerin von Netzcourage habe sie sicher eine besondere Verantwortung. Netzcourage befasse sich mit Digitaler Gewalt. Auch mit Fällen von bewusster und unbewusster Verbreitung von Hassrede. «Oft werden sich die Leute erst im Gespräch bewusst, dass sie einen Fehler gemacht haben und bereuen es. In solchen Fällen verzichten wir auf eine Anzeige, deshalb sind diese Gespräche, die wir suchen, wichtig.»

Dass sie als Privatperson auf Twitter mit einem unbedachten Like eine Angriffsfläche geboten habe, tue ihr sehr leid für Netzcourage.

Das Eidgenössische Gleichstellungsbüro, das Netzcourage für die nächsten zwei Jahre 200’000 Franken für Projekte bezahlt, ging gegenüber der «Weltwoche» auf Distanz zu Spiess’ Like. Das Büro, das bei Alain Bersets Innendepartement angesiedelt ist, wartet auf eine Stellungnahme.

Spiess-Hegglin fürchtet keine Konsequenzen

Spiess-Hegglin kündigt an, künftig «noch vorsichtiger zu kommunizieren». Angst, die Fördergelder des Bundes zu verlieren, hat sie nicht: «Ich bin nur eine von mehreren Angestellten dieser Organisation. Ich denke nicht, dass eine gesellschaftlich relevante Einrichtung wegen dem unbedachten Liken eines missverständlichen, satirisch gemeinten Tweets abgestraft werden wird.»

Zur Eskalation hat sich am Freitag auch Megafon ausführlich geäussert. Der Strafanzeige sehe man gelassen entgegen, so die Reitschüler.

*20 Minuten hat Jolanda Spiess-Hegglin für die zwei bisher erschienenen Artikel zum Thema nicht um eine Stellungnahme gebeten. Eine Unterlassung, für die sich die Redaktion entschuldigt.

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