Akuter Fachkräftemangel – Spitäler kämpfen mit 8000-Fr-Kopfgeld und auf Social Media um Personal
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Akuter FachkräftemangelSpitäler kämpfen mit 8000-Fr-Kopfgeld und auf Social Media um Personal

Die Corona-Fallzahlen steigen, die Hospitalisierungen nehmen zu. Die fünfte Welle bringt die Spitäler an die Belastungsgrenze. In Basel nimmt das Universitätsspital sogar ungelernte Hilfskräfte, um die Pflege zu entlasten; die Hirslanden-Kliniken locken derweil mit Prämien.

von
Seline Bietenhard
Monira Djurdjevic
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Am Montag suchte das Basler Universitätsspital via Twitter und per Aufruf auf seiner Website nach temporärer Unterstützung auf Stundenlohnbasis.

Am Montag suchte das Basler Universitätsspital via Twitter und per Aufruf auf seiner Website nach temporärer Unterstützung auf Stundenlohnbasis.

20min/Michael Scherrer
Grund für die Suche nach Temporär-Personal seien die steigenden Covid-Fallzahlen.

Grund für die Suche nach Temporär-Personal seien die steigenden Covid-Fallzahlen.

Universitätsspital Basel
Laut Caroline Johnson, Mediensprecherin des USB, steige die Belastung im Spital.

Laut Caroline Johnson, Mediensprecherin des USB, steige die Belastung im Spital.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

Am Montag suchte das Basler Universitätsspital via Social Media und per Aufruf auf seiner Website nach temporären Unterstützerinnen und Unterstützern auf Stundenlohnbasis. Gesucht wurden nicht nur ausgebildetes Pflegepersonal, sondern auch Personen ohne Pflegehintergrund, die pflegerische Hilfstätigkeiten zur Entlastung der Bettenstationen übernehmen. Grund für die Suche nach Temporär-Personal seien die steigenden Covid-Fallzahlen. Letzte Woche wurden im Kanton Basel-Stadt 1318 neue Fälle registriert.

Laut Caroline Johnson, Mediensprecherin des USB, hänge der Bedarf nach temporärer Unterstützung von der Entwicklung der nächsten Wochen und Monaten ab. «Momentan sind wir um jede Unterstützung froh», so Johnson. Das zusätzliche Personal werde eingesetzt, wenn es gebraucht würde und dies entsprechend seiner Qualifikationen. «Wir haben viele Rückmeldungen und Bewerbungen auf unseren Aufruf erhalten. Darüber freuen wir uns», sagte Johnson. Bereits in der ersten Welle setzte das Basler Universitätsspital auf zusätzliches, temporär angestelltes Personal.

«Grossteil der Patienten ist nicht geimpft»

«Die Belastung im Spital steigt. Der Druck auf die Bettensituation ist hoch und wir mussten unsere Covid-19-Station erweitern», sagte Johnson zu 20 Minuten. Zurzeit seien 38 Personen wegen einer Infektion mit dem Coronavirus im Unispital in Behandlung. «Der Grossteil der hospitalisierten Patienten ist nicht geimpft. Bei der geringeren Anzahl geimpfter Patienten in Spitalbehandlung handelt es sich um Personen, die entweder immunsupprimiert oder älter sind oder nicht nach sechs Monaten «geboostert» wurden», so die Mediensprecherin.

Unter den 38 Personen in Spitalpflege befinden sich laut Johnson elf auf der Intensivstation. Von diesen elf intensiv betreuten Patientinnen und Patienten seien zwei Personen aus Basel-Stadt; die restlichen Personen stammten aus anderen Kantonen.

Klinik wirbt mit Kopfgeld um Personal

Eine spezielle Aktion hat auch die Hirslanden-Gruppe gestartet. Auf einem Plakat bei der Klinik Hirslanden in Zürich steht: «Kennen Sie Fachkräfte, die eine neue Herausforderung suchen? Dann teilen Sie entsprechende Stelleninserate mit diesen Personen oder erzählen Sie davon.» Bei erfolgreicher Vermittlung winke eine Prämie von 8000 Franken. Eine erste Auszahlung von 4000 Franken erfolge nach bestandener Probezeit der vermittelten Fachkraft; die restlichen 4000 Franken nach dem vollendeten Dienstjahr. Voraussetzung sei eine Anstellungsdauer von mindestens einem Jahr. Das Angebot gilt für alle Mitarbeitenden der Klinik Hirslanden.

Laut Sprecher Claude Kaufmann ist die zunehmend verschärfte Personalsituation im Gesundheitswesen einer der Gründe für die Aktion. Ein weiterer Grund: «Die Mitarbeitenden können am besten und am glaubwürdigsten authentische Auskunft über den eigenen Arbeitgeber und eigene Arbeitgeberin geben und ziehen so künftiges Personal an, welches zum Unternehmen passt und sich gut mit dem Unternehmen identifizieren kann.»

Bisher habe man gute Erfahrung mit neuen Mitarbeitenden gemacht, die über aktuelle Mitarbeitende vermittelt wurden. Diese Vermittlungsprämien seien je nach dem, wie schwer ein Profil rekrutierbar ist, höher oder niedriger. Der Betrag von 8000 Franken sei dabei von befristeter Dauer und ausschliesslich für gewisse Profile in der Klinik Hirslanden gedacht.

«Der Betrag von 8000 Franken ist überdurchschnittlich hoch»

Laut Stefan Giger, Generalsekretär des VPOD, ist die Aktion aus dem Hirslanden nicht ungewöhnlich. «Wir kennen aus vielen Spitälern ähnliche Aktionen.» Zurzeit sei das Personal in allen Spitälern am Anschlag. «Es hatte bereits vor der Pandemie zu wenig Personal, die Pandemie hat den Mangel verschärft. Der Stress laugt die Leute aus, viele sind am Ende der Kräfte und verlassen den Beruf.»

Charlene Baer von der Personalvermittlung für Pflege- und Gesundheitsberufe Care21 findet es durchaus legitim, dass das Spital seine eigenen Mitarbeitenden dazu motiviert, den Arbeitgeber weiterzuempfehlen und dies entsprechend honoriert. «Der Betrag von 8000 Franken ist jedoch im Vergleich zu anderen Empfehlungsprogrammen überdurchschnittlich hoch.»

Wegen des akuten Personalmangels seien die Kliniken mittlerweile gezwungen, bei der Rekrutierung auf sämtliche Kanäle zurückzugreifen. Eine einfache Stellenausschreibung reicht laut Baer heutzutage nicht mehr aus. Man müsse sich breiter aufstellen und zusätzlich Personalvermittlungen in die Rekrutierung einbeziehen, Mitarbeiterempfehlungsprogramme abwägen und Social Media Plattformen aktiv bedienen.

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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