Zu hohe Prämien als Folge – Preisüberwacher prangert Abzocke der Spitäler bei zusätzlich Versicherten an
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Zu hohe Prämien als FolgeSpitäler zocken bei zusätzlich versicherten Patienten ab

Die Schweizer Spitäler verrechnen ihre Leistungen bei zusätzlich versicherten Patienten zu überhöhten Preisen ab. Zu diesem Schluss kommt der Preisüberwacher. Weil die Praktik der Spitäler die Prämien steigen lassen, fordert er Massnahmen.

von
Dominic Benz
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Bei zusätzlich Versicherten verrechnen die Später viel zu viel, so eine Analyse des Eidgenössischen Preisüberwachers.

Bei zusätzlich Versicherten verrechnen die Später viel zu viel, so eine Analyse des Eidgenössischen Preisüberwachers.

REUTERS

Darum gehts

  • Spitäler verlangen bei Zusatzleistungen pro Fall im Schnitt 6745 Franken in der Halbprivatabteilung und 8960 Franken in der Privatabteilung.

  • Solche Tarife sind überhöht, wie der Eidgenössische Preisüberwacher in einer Analyse zum Schluss kommt.

  • Die nicht gerechtfertigt hohen Tarife schaffen Anreize, unnötige Behandlungen durchzuführen.

  • Das treibt die Prämien in die Höhe.

  • Der Preisüberwacher und der Konsumentenschutz fordern nun Massnahmen, um die Tarife zu senken.

Die Schweizer Spitäler verlangen für Leistungen, die durch die Krankenzusatzversicherung bezahlt werden, mehr als nötig. Es gibt «klare und unübersehbare Hinweise darauf, dass die Krankenzusatzversicherungstarife in der Schweiz flächendeckend überhöht sind», wie der Eidgenössische Preisüberwacher, Stefan Meierhans, in einer Mitteilung vom Dienstagmorgen schreibt.

Diese überhöhten Preise stünden «in einem stark erklärungsbedürftigen Verhältnis zu den Produktionskosten dieser Mehrleistungen.» Hinzu kommt, dass die Grundversicherung bereits den Grossteil dieser Spitalleistungen abdecken. Für den Preisüberwacher ist daher klar: Die Preise bei halbprivat und privat sind sind flächendeckend viel zu hoch.

Das hat Folgen für die Krankenkassenprämien. Denn laut dem Preisüberwacher schlagen sich diese überhöhten Preise in überhöhten und nicht zu rechtfertigenden Prämien für die Halbprivat- und Privatversicherungen in der Schweiz nieder. Meierhans fordert deshalb regulatorische Änderungen (siehe Box).

So sollen die Tarife sinken

Um die Tarife flächendeckend auf ein vernünftiges Mass zurückzuführen, fordert der Preisüberwacher umgehend eine Anpassung des gesetzlichen Rahmens der Regulatoren. Zusätzlich empfiehlt der Preisüberwacher folgende kurzfristigen Massnahmen:

• Die Versicherer sollen dafür sorgen, dass sie nur für Kosten aufkommen, die aufgrund von Mehrleistungen gegenüber den von der OKP bereits finanzierten Leistungen gerechtfertigt und preislich begründbar sind. Sie sollen zu diesem Zweck – falls nötig – die Verträge mit den Leistungserbringern anpassen sowie eine wirksame Kontrolle aufbauen.

• Die Spitäler sollen eine nachvollziehbare Methode zur Kosten- und Leistungsermittlung der Mehrleistungen, die über die von der OKP gedeckten Leistungen hinausgehen, entwickeln sowie die korrekt ermittelten Kosten gegenüber den Versicherern transparent ausweisen.

Die untersuchten Tarife auf Stufe Zusatzversicherung vergüten stationäre Spitalleistungen. Diese kommen zusätzlich zu den Leistungen, die über die obligatorische Grundversicherung abgerechnet werden, hinzu. Es handelt sich hierbei also um «Mehrleistungen» wie beispielsweise den Aufenthalt in einem Einzelzimmer oder die freie Arztwahl.

Laut dem Preisüberwacher belaufen sich die von den Spitälern verrechneten Zusatzleistungen pro Fall im Schnitt bei 6745 Franken in der Halbprivatabteilung und 8960 Franken in der Privatabteilung. Zudem variieren die Tarife von Spital zu Spital sehr stark.

So verrechnen die teuersten Spitäler rund neunmal mehr höhere Tarife als die günstigsten. Oftmals stellen sie sogar mehr als die Fallpauschale in der Grundversicherung in Rechnung, welche sich durchschnittlich auf rund 9600 beläuft.

Anreize für unnötige Behandlungen

Es gibt laut Preisüberwacher starke Hinweise darauf, dass Zusatzversicherungstarife die von den Spitälern
ausgewiesenen Kosten der Mehrleistungen für zusatzversicherte Patienten klar übersteigen. Dies
schafft Anreize, bei zusatzversicherten Patienten medizinische Behandlungen auch dann durchzuführen, wenn es aus medizinischer Sicht eigentlich gar nicht nötig ist.

Der Preisüberwacher stellte auch fest, dass eine klare und detaillierte – auch kostenmässige – Abgrenzung der zusatzversicherten Mehrleistungen der Spitäler von OKP-Pflichtleistungen noch weitgehend fehlt. Eine solche Abgrenzung ist allerdings zwingend notwendig, um Doppelverrechnungen von bereits durch die Grundversicherung vergüteten Leistungen zu verhindern.

Mit der Analyse präsentiert der Preisüberwacher erstmals eine für die Öffentlichkeit einsehbare Übersicht über die Schweizer Tariflandschaft für stationäre Spitalaufenthalte zu Lasten der Zusatzversicherung. Insgesamt ermittelte der Preisüberwacher die effektiven Fallkosten ohne den Grundversicherungs-Anteil von 147 akutstationären Spitälern.

Konsumentenschutz: «Grenzt an Betrug»

Auch der Konsumentenschutz kommt zum Schluss: Spitäler rechnen systematisch Fantasiekosten ab, generieren so immense Einnahmen und treiben die Versicherungsprämien ungebremst in die Höhe. Zahlreiche Patientinnen und Patienten hätten diesen Missstand gegenüber dem Konsumentenschutz belegt, wie es in einer Mitteilung heisst.

Möglich sei dies, weil die Krankenkassen entsprechenden Tarifverträgen zugestimmt hätten. Die Kassen überprüften aber nicht konsequent, ob die Leistungen tatsächlich erbracht werden und die hohen Zusatzkosten gerechtfertigt seien.

Konsumentenschutz-Präsidentin Prisca Birrer-Heimo sagt: «Spitäler erzielen mit Zusatzversicherten sehr hohe Einnahmen, die Versicherungen machen mehr Umsatz und wälzen die Kosten auf die Prämienzahler ab. In einem so strukturierten Markt ist kein echter Wettbewerb möglich.»

Der Konsumentenschutz hat Betroffene aufgefordert, von ihren Erfahrungen zu berichten. In den vergangenen Monaten seien dutzende Beispiele von fehlerhaften oder überhöhten Spitalrechnungen eingetroffen. Diese würden die Erkenntnisse des Preisüberwachers belegen. Der Konsumentenschutz prüft zudem, in konkreten Einzelfällen die Justiz einzuschalten. «Verschiedene Beispiele, die uns vorliegen, grenzen für uns an Betrug», », so Birrer-Heimo,

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