SPÖ überraschend Wahlsiegerin in Österreich
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SPÖ überraschend Wahlsiegerin in Österreich

Schon nach der ersten Hochrechnung brach in der Wiener SPÖ-Zentrale Jubel aus. Entgegen allen Prognosen haben Österreichs Sozialdemokraten bei der Nationalratswahl am Sonntag die politische Sensation geschafft.

Die SPÖ erhielt nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 35,7 Prozent der Stimmen. Die Österreichische Volkspartei (ÖVP) von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel verlor 8,1 Prozentpunkte und kam auf 34,2 Prozent.

Die SPÖ löst die regierende Volkspartei als stärkste Partei ab. «Wir haben alle Wahlziele erreicht», strahlte SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer in die TV-Kameras. Zwar lag seine Partei am Abend nur 1,4 Prozentpunkte vor den «Schwarzen». Doch für hunderte Wahlhelfer, die sich zur Wahlparty im SPÖ-Hauptquartier eingefunden hatten, stand das Ergebnis bereits fest.

«Bundeskanzler, Bundeskanzler», riefen sie ihrem Vorsitzenden entgegen, dem kaum jemand in Österreich vor der Wahl diesen Erfolg zugetraut hatte. Selbst der ÖVP-Fraktionschef im Nationalrat räumte am Abend ein: «Die Verantwortung liegt jetzt bei Alfred Gusenbauer.» Seine Partei sei im Falle einer grossen Koalition auch bereit, als Junior-Partner mitzuregieren.

Schwierige Regierungsbildung

Auf Gusenbauer kommt demnach eine schwierige Regierungsbildung zu, an deren Ende nach Meinung aller Experten die Bildung einer auch in Wien ungeliebten schwarz-roten grossen Koalition nach Berliner Vorbild stehen dürfte. Denn die Wahl hat Kräfteverhältnisse geschaffen, die eine kleine Koalition kaum zulassen.

Sowohl Kanzler Wolfgang Schüssel als auch Gusenbauer haben eine Regierung mit der rechtsgerichteten Freiheitlichen Partei ausgeschlossen, und so blieben als mögliche Partner für SPÖ oder ÖVP zunächst nur die Grünen.

Die aber sind trotz leichter Zugewinne mit rund 10 Prozent allein nicht stark genug, um den grossen Parteien eine parlamentarische Mehrheit zu sichern. Auch die erwartete Rückkehr des Bündnisses Zukunft Österreich (BZÖ) des Kärntner Ministerpräsidenten Jörg Haider in den Nationalrat dürfte nichts an der Ausgangslage ändern.

Gegen «deutsche Verhältnisse»

Es sei denn, der Wahlverlierer Schüssel würde sein öffentliches Versprechen brechen und eine Koalition mit den beiden, freilich verfeindeten Rechtsparteien FPÖ und BZÖ versuchen.

Schliesslich hatte Schüssel auch vor der Wahl 1999 angekündigt, er werde in die Opposition gehen, falls er «nur Zweiter» werde: Am Ende war die ÖVP zwar nur Dritter, doch der clevere Taktiker Schüssel zog trotzdem ins Kanzleramt ein.

Dass eine grosse Koalition in Wien - selbst unter SPÖ-Führung - alles andere als beliebt wäre, machte am Abend der Wiener Bürgermeister Michael Häupl deutlich. «Ich will nicht, dass wir deutsche Verhältnisse bekommen», sagte der Sozialdemokrat im ORF- Fernsehen. «Das wäre eine Katastrophe.»

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