Plogging-Trend: Sportliche «Müllabfuhr» putzt beim Joggen Wälder
Aktualisiert

Plogging-TrendSportliche «Müllabfuhr» putzt beim Joggen Wälder

Der Plogging-Trend aus Skandinavien hat die Bundesstadt erfasst: Die Trash Heroes machen sich im Sport-Outfit auf, um Stadt und Wald vom Müll zu befreien.

von
Simon Ulrich

Die Trash Heroes, joggende Müllschlucker, befreien Berns Wälder von Dosen, Pet-Flaschen und Papierli.

Michel Bühler (32) und seine Trash Heros erinnern ein wenig an die Heinzelmännchen: Abends, wenn sich die Bewohner Berns von den Mühen des Tages erholen, streift die junge Truppe in Sportbekleidung durch Stadt und Wald und sammelt Müll ein. Plogging nennt sich der trendige «Sport» – zusammengesetzt aus Jogging und Plocka, Schwedisch für «Aufräumen».

Am Montagabend wurde zuletzt im und am Bremgartenwald geploggt. «Wir haben sieben Säcke mit insgesamt 245 Liter Abfall gefüllt», erzählt Bühler nicht ohne Stolz. Allein im Wald seien 175 Liter – meist Bierdosen, Petflaschen und Verpackungsmaterial – zusammengekommen. «Da war wohl ein Fuchs aktiv, der die Abfallsäcke aus den Quartieren bis in den Wald schleppte und dort auf Nahrung durchsuchte», sagt Bühler. Umso wichtiger sei es, dass man die Kehrichtsäcke erst kurz vor der Abfuhr nach draussen stelle.

«Wir versuchen, eine Nische zu füllen»

Seit April gehen die Berner Plogger regelmässig auf Mülltour. «Ziel ist es, dass wir pro Woche einen Anlass durchführen können», sagt Bühler. Dafür brauche es aber noch mehr Freiwillige. Aktuell besteht das Trash-Hero-Kernteam aus zehn Helfern. «Vollzählig sind wir aber nie, mal sind acht Leute dabei, mal nur vier.» Jeder sei in der Gruppe willkommen, niemand brauche sich Sorgen zu machen, dass er nicht mithalten könne. «Wir schlagen ein recht gemütliches Tempo an – sonst würden wir den Müll übersehen», betont der Betriebsökonom.

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Gestatten, die Trash Heroes. Die umweltbewussten Berner ...

Gestatten, die Trash Heroes. Die umweltbewussten Berner ...

Michel Bühler
... ziehen in Sportbekleidung durch die Wälder und sammeln Müll ein,

... ziehen in Sportbekleidung durch die Wälder und sammeln Müll ein,

Michel Bühler
Die Hauptvertreter: Dosen, Pet-Flaschen, Verpackungsmaterial.

Die Hauptvertreter: Dosen, Pet-Flaschen, Verpackungsmaterial.

Michel Bühler

Bühler und seine Helden des Abfalls wählen für ihre Aktionen bewusst Routen abseits der Innenstadt – dort, wo die Reinigungskräfte von Stadtgrün Bern nicht so oft durchfahren. «Wir versuchen, eine Nische zu füllen», sagt Bühler. Mit der Stadt stehe man in engem Kontakt, um Überschneidungen zu vermeiden.

Ganz so unbeobachtet wie Heinzelmännchen verrichten die joggenden Müllschlucker ihre Arbeit aber nicht. Am 1. Juli etwa führen sie ein öffentlichkeitswirksames Clean-up in der Innenstadt durch. «Im Wald findet man zwar mehr Müll, aber in der Stadt erhalten wir mehr Aufmerksamkeit», erklärt Bühler. Schliesslich gehe es auch um Sensibilisierung. «Wenn uns jemand beim Sammeln sieht, überlegt er sich vielleicht zweimal, seine Zigi wieder auf den Boden zu werfen», meint Bühler. «Oder er schliesst sich unserem Projekt gleich selbst an.»

Wandel zu mehr Nachhaltigkeit

Auch in anderen Schweizer Städten hat der umweltfreundliche Fitness-Trend aus Skandinavien bereits Fuss gefasst. Anfang Juni fand ein Plogging-Event in Zürich statt, am vergangenen Samstag in Frauenfeld. Bühler ist zuversichtlich, dass der Trend anhält. Allgemein sei in der Bevölkerung eine Nachhaltigkeitsbewegung zu spüren – Trinkwasser-Initiative, Fair-Food-Initiative oder die steigende Zahl an Zero-Waste-Läden lassen grüssen. «Die Leute regen sich schon auf, wenn Gemüse nur in der Plastikverpackung erhältlich ist», sagt Bühler.

Junge Menschen würden auf ihren Reisen nach Indonesien, Thailand oder Brasilien mit riesigen Müllbergen konfrontiert und sich auch zuhause in der Schweiz einige Fragen stellen. Hierzulande seien die Abfall-Ansammlungen zum Glück weit kleiner als am anderen Ende der Welt, dafür umso verstreuter. Bühler: «Auch deshalb ist die Schweiz fürs Plogging wie geschaffen.»

«Trash Hero»-Bewegung wurde vom Luzerner Roman Peter und dem Basler Darius Vakili (Bild) auf der thailändischen Insel Koh Lipe gegründet. Zusammen mit Einheimischen wollten sie anfangs einen zugemüllten Strand im Nationalpark aufräumen. Weil die Arbeit mit den Müllfluten nicht ausging, trafen sich fortan jeden Montag Feriengäste, um mit den Organisatoren Strände aufzuräumen. Mittlerweile gibt es 30 Ableger von Trash Hero, unter anderem in Thailand, Indonesien, Myanmar, den Philippinen, New York und Prag. Über 21'000 Helfer haben schon an Aufräumaktionen teilgenommen.

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