Aktualisiert 11.06.2008 14:17

Terror-FrauenSprengstoff unter dem Tschador

Das Terrornetz Al Kaida hat die Frauen als lebende Bomben entdeckt. Verzweiflung, Armut und Rachegefühle treiben immer mehr Irakerinnen dazu, sich im Angesicht des Feindes in die Luft zu sprengen.

Eine Irakerin hat sich als Schwangere verkleidet: Unter dem Tschador trägt sie Sprengstoff, den sie mitten in einer Hochzeitsgesellschaft zündet - mehr als 30 Menschen werden getötet. Eine Jugendliche nähert sich anderntags freundlich einem irakischen Soldaten - dann zündet sie ihren für beide tödlichen Sprengstoffgürtel. Beide Anschläge des vergangenen Monats zeigen, dass immer häufiger Frauen für Terroranschläge eingesetzt werden.

«Wir müssen handeln», forderte Faisa Sajjid Alwan, sunnitisches Mitglied des Provinzrates in Dijala, die selbst schon drei Anschläge auf ihr Leben überstanden hat. Die Aufständischen versuchten, hoffnungslose und arme Frauen auf ihre Seite zu ziehen. «Wir müssen schneller sein und diese Frauen retten, indem wir ihnen helfen, sie ausbilden und ihnen bessere Chancen eröffnen», sagte Alwan auf einer Tagung zu Frauenthemen im nordirakischen Erbil.

Nach Zahlen der US-Streitkräfte gab es 2006 nur vier von Frauen ausgeführte Selbstmordanschläge, ein Jahr später waren es bereits acht und in diesem Jahr waren es bis einschliesslich Mai 16. «Al Kaida schnappt sich die, die keine Arbeit haben, ungebildet und verzweifelt sind», sagte Generalmajor Mark Hertling der Nachrichtenagentur AP. Den Frauen werde für ihren Einsatz von den Terroristen oft versprochen, man würde nach ihrem Tod für ihre Familien sorgen, sagte Hertling. Das stelle sich aber zumeist als Lüge heraus.

Frauen weniger streng kontrolliert

Der Einsatz von Frauen und sogar Kindern als Attentäter ist den US-Streitkräften zufolge ein Versuch der Al Kaida, die strengen Sicherheitsmassnahmen im Land zu umgehen. Irakische Frauen werden an von Männern bewachten Checkpoints oft nur durchgewunken - unter dem weiten Tschador können sie dabei problemlos Sprengstoff verstecken.

Während die Gewalt im ganzen Land fünf Jahre nach dem US-Einmarsch abnimmt, steigt die Zahl der gewaltbereiten Frauen - eine Entwicklung, die der Irak bislang nicht kannte. «Al Kaida und die Aufständischen sind verzweifelt und wollen sicherstellen, dass ihre Sache und ihre Organisation am Leben bleibt», sagte die Terrorismusexpertin Farhana Ali vom unabhängigen US-Forschungsinstitut Rand Corporation. «Die Beteiligung der Frauen hält ihre Sache am Leben.»

Frauen trauerten oft um Angehörige, die von irakischen oder US-Streitkräften getötet worden seien. Sobald die Familienstruktur zerbrochen sei, würden sie anfällig, sagte Ali. «Dann sind sie verletzlich, schwach und können leicht von Aufständischen instrumentalisiert werden.»

Manchmal ist auch Rache das Motiv der Frauen. Am 7. Dezember sprengte sich eine Frau in der Provinz Dijala in die Luft und riss 15 Menschen mit in den Tod. Sie war ein früheres Mitglied in Saddam Husseins Baath-Partei, ihre zwei Söhne hatten sich nach dem US-Einmarsch Al Kaida angeschlossen und waren von irakischen Streitkräften getötet worden. In einem anderen Fall begingen zwei Frauen eines von US-Soldaten getöteten Al-Kaida-Anführers Selbstmordanschläge.

US-Armee setzt weibliche Polizisten ein

Doch die Frauenorganisationen weisen auf das gleiche Grundübel hin: Die Familien sind vom Krieg zerrüttet, den Frauen fehlt es an Perspektiven. Doch woher soll Hilfe kommen? Die Augen richten sich auf die Regierung in Bagdad, die scheint jedoch zu schwach oder unwillig, Geld in die Frauenförderung zu stecken. Die US-Streitkräfte versprechen sich indes Besserung durch die stärkere Einbindung von Frauen in die Polizei. 112 Frauen hätten im vergangenen Jahr in der nordirakischen Stadt Kirkuk eine Polizeiausbildung begonnen, erklärte Hertling.

Ein identisches Programm soll nun auch in Dijala, nordöstlich von Bagdad begonnen werden. «Allein die Tatsache, irakische Frauen unter den Polizisten zu haben, wird bei der Sicherheit helfen, bei Durchsuchungen, und auch im Umgang mit weiblichen Verdächtigen, die von den irakischen Polizisten schlecht behandelt werden», sagte Hertling.

Alwan aus Dijala glaubt jedoch nicht an eine militärische Lösung des Problems. Solange die schiitisch dominierte Regierung die Lebensbedingungen der Frauen nicht verbessere, blieben sie anfällig für das Werben der Extremisten. Diese missbrauchten die Religion, um die Frauen zu beeinflussen. «Frauen in Dijala wurden zu Witwen, sind arbeitslos und haben keine Unterstützung. Viele wurden vertrieben, ihre Häuser zerstört, ihr Besitz ist weg», sagte Alwan. «Wo kann so eine Frau hingehen? Was kann sie machen?»

(pbl/ap)

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