Nach Verhaftung: Srebrenica-Opferfamilien sind erleichtert
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Nach VerhaftungSrebrenica-Opferfamilien sind erleichtert

Die ersten Reaktionen auf die Festnahme von Ratko Mladic fallen alle positiv aus. Erleichtert zeigen sich die Angehörigen der Opfer von Srebrenica.

Belgrad: Reaktionen auf die Festnahme
Die Menschen auf den Strassen Belgrads sind sehr unterschiedlicher Meinung über die Festnahme von Mladic. (Video: AP-Television)

Die Inhaftierung des Schlächters von Srebrenica sei sehr wichtig, erklärte Hajra Catic, Präsidentin der Vereinigung «Frauen von Srebrenica»: «Nach 16 langen Jahren des Wartens ist dies eine enorme Erleichterung für uns.» Catic hatte beim Massaker ihren Mann und ihren Sohn verloren. Insgesamt starben im Juli 1995 8000 Menschen. «Die Gerechtigkeit hat gesiegt», sagte Semir Guzin, Rechtsvertreter der Vereinigung «Mütter von Srebrenica», dem britischen Sender BBC.

Auch wenn der Prozess gegen Mladic vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag noch bevorstehe, sei mit der Festnahme schon viel erreicht. «Zumindest haben wir die Hoffnung, dass Mladic bekommt, was er verdient», sagte Guzin.

Der Sicherheitsminister von Bosnien und Herzegowina, Sadik Ahmetovi kritisierte gegenüber «24sata»: «Ich glaube, dass die Verhaftung viel früher hätte geschehen können. Es gibt Behörden in Serbien, die wussten, wo sich Mladic befindet. Es gibt in Serbien allerdings Kräfte, die versuchen, das Land in die EU zu befördern und solche, die sich mit aller Kraft dagegen wehren.»

Grosser Tag für Carla del Ponte

Carla del Ponte, die als Chefanklägerin jahrelang auf Mladics Verhaftung gehofft hatte, hat am Donnerstag von einem «grossen Tag» gesprochen. Die Verhaftung von Ratko Mladic sei ein grosser Moment, nicht nur für die internationale Justiz, sondern auch für die Opfer.

«Die Anklageschrift liegt seit 16 Jahren bereit», sagte del Ponte am Abend gegenüber dem Westschweizer Radio. Weitere Ermittlungsarbeit sei nicht mehr nötig und der Prozess werde sehr bald beginnen können. Die Anklage stammt noch aus der Zeit von del Pontes Vorgängerin Louise Arbour.

In der Amtszeit der Schweizerin del Ponte als Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag von 1999 bis 2007 konnten weder Radovan Karadzic noch Mladic verhaftet werden. Beides fiel dann ihrem Nachfolger Serge Brammertz zu.

Sie frage sich, ob Mladic nicht in den gleichen Prozess aufgenommen werde wie jener gegen Karadzic. Diesen Entscheid müssten nun die Richter in Den Haag fällen, sagte die 64-jährige del Ponte, die zuletzt Botschafterin in Argentinien gewesen war.

EU und Serbien rücken zusammen

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen begrüsste Mladics Verhaftung. 16 Jahre nach der Anklage gegen ihn «bietet seine Verhaftung endlich eine Chance dafür, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt», hiess es in einer in Brüssel veröffentlichten Erklärung Rasmussens.

Der italienische Aussenminister Franco Frattini erklärte in Rom, die Verhaftung bringe Serbien und die Europäische Union noch näher zueinander. In London sagte Verteidigungsminister Liam Fox: «Die Verhaftung schliesst ein sehr unglückliches Kapitel in der Geschichte Serbiens.» Die Vertreterin für Aussen- und Sicherheitspolitik der EU, Catherine Ashton, begrüsste die Inhaftierung von Mladic und verlangte, dass dieser «rasch» an den internationalen Gerichtshof in Den Haag überführt werde.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso begrüsste am Rande des G8-Gipfels in Deauville die Verhaftung Mladics. Dies sei ein «wichtiger Schritt nach vorne für Serbien und die internationale Justiz». «Die Verhaftung Mladics ist ein gutes Signal in Richtung der EU und Serbiens Nachbarn», sagte Barroso.

Die Festnahme ist nach Einschätzung des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy «eine weitere Etappe Serbiens zur Integration in die EU». Sarkozy äusserte sich am Rande des G-8-Gipfels in Deauville sehr erfreut über die Verhaftung des mutmasslichen Kriegsverbrechers. «Das ist eine sehr gute Nachricht, und es ist eine sehr mutige Entscheidung des serbischen Präsidenten», beglückwünschte Sarkozy seinen Kollegen Boris Tadic.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte, dass Serbien nun auch den noch flüchtigen mutmasslichen Kriegsverbrecher Goran Hadzic fassen müsse. Der frühere Präsident der selbst ernannten serbischen Republik Krajina in Kroatien ist nun der einzig verbliebene flüchtige Angeklagte vor dem Tribunal in Den Haag.

Auch US-Präsident Barack Obama hat die Festnahme des mutmasslichen serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic als wichtigen Schritt für die Familien seiner Opfer bezeichnet. Mladic müsse seinen Opfern Rede und Antwort stehen und sich vor einem Gericht verantworten, erklärte Obama vom G-8-Gipfel in Deauville in Frankreich.

Polizei fürchtet Massenproteste

Die serbische Polizei hat nach der Festnahme des mutmasslichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic alle öffentlichen Versammlungen verboten. Die Behörden verstärkten die Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land, weil Nationalisten zu Massenprotesten aufriefen.

Die Serbische Radikale Partei bezeichnete Mladic als Helden. Seine Festnahme sei «einer der schwierigsten Momente in der serbischen Geschichte». Die rechtsextreme Gruppe 1389 sprach von einem Verrat und forderte die Bürger auf, auf die Strassen zu gehen und zu protestieren. Mladic war am Donnerstag im Haus eines Verwandten in einem serbischen Dorf festgenommen worden.

Bern begrüsst Mladics Verhaftung

Die Schweiz begrüsst die Verhaftung des mutmasslichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic. Die Auslieferung Mladics an das Kriegsverbrechertribunal werde für die Opfer der Kriegsverbrechen ein Wendepunkt bei ihrem Streben nach Gerechtigkeit sein.

Die Schweiz hoffe zudem, dass sich diese Verhaftung positiv auf den Prozess der Versöhnung unter den Ländern der Region auswirken werde, hiess es am Donnerstag beim Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf Anfrage.

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