«Polizei geht auf Demonstranten los» – SRF nach Bagatellisierung von linksextremem Krawall in der Kritik
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«Polizei geht auf Demonstranten los»SRF nach Bagatellisierung von linksextremem Krawall in der Kritik

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen von Linksautonomen in Zürich wird das SRF für seine Berichterstattung kritisiert. «Gewalt ist Gewalt – egal, ob sie von rechts oder von links kommt», sagt Max Hofmann von der Polizei-Gewerkschaft.

von
20M

Darum gehts

  • Massnahmengegner und -gegnerinnen marschierten am Samstag durch die Innenstadt, darunter waren auch Mitglieder der rechtsextremen Szene.

  • Das linke Lager rief zur Gegendemo auf. Es kam zu Ausschreitungen und Sachbeschädigungen und Gewalt gegen Polizeibeamte.

  • Auf Social Media kritisieren User die Berichterstattung von SRF.

Die Polizei, die mit Wasserwerfern auf linke Demonstranten «losgeht», obwohl diese nur gegen eine Kundgebung von Massnahmengegnern protestierten wollten. Und Video-Untertitel, die vermelden, dass eine «grössere, gewaltbereite Gruppe aus der rechten Szene» abgeführt worden sei, während Bilder von Linksautonomen gezeigt werden: Das Framing der Berichterstattung von «SRF News» wird derzeit auf Social Media heftig kritisiert. Das Ausmass der Gewaltbereitschaft der linksextremen Antifas werde kleingeredet, Szenen der Gewalt gegen Polizeibeamte bewusst ausgelassen, so der Vorwurf. Unter anderem lässt sich alt SVP-Nationalrat Claudio Zanetti auf Twitter negativ über die SRF-Berichterstattung aus.

Auf Twitter teilen User Videos, die die Beschuldigungen untermauern sollen. So etwa ein Clip, wie Polizeibeamte in Fahrzeugen vor herannahenden Demoteilnehmern flüchten (siehe Video oben). Es werden Gegenstände und Flaschen auf die Fahrzeuge geworfen, auch Passanten bringen sich in Sicherheit. Dazu schreibt der User: «Das sind die friedlichen Gegendemonstranten in Zürich!»

Ein anderes Video zeigt Demonstranten, die bei der Europaallee mit Leichtigkeit eine Polizeisperre durchbrechen – trotz des Einsatzes von Reizgas und Pfefferspray. Polizeibeamte werden angegangen, bedroht, tätlich angegriffen. Drei Polizisten werden leicht verletzt, zudem kommt es zu massiven Sachbeschädigungen. Später teilen Mitglieder der Antifa und der Revolutionären Jugend auf Social Media stolz Videos der Vorfälle. Der Titel: «Zäme hebe, Zäme stah. Bulle, Bonze, Nazis schlah.»

«Man soll die Sachen beim Namen nennen»

«Gewalt ist Gewalt – egal, ob sie von rechts oder von links kommt», sagt dazu Max Hofmann, Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB). Dabei sei auch das Framing wichtig: «Man sollte das nötige Fingerspitzengefühl nicht vergessen und die Sachen bei ihrem Namen nennen.» Die Polizei-Gewerkschaft warne seit Jahren vor dieser steigenden Gewaltbereitschaft gegen Behörden und Beamte, so Hoffmann. Während im Jahr 2000 noch 774 Fälle registriert worden seien, liege die Zahl in den letzten Jahren konstant über 3000. «Das ist eine erschreckende Entwicklung, die uns Sorgen macht.»

Gewalt von Demonstranten sei immer zu verurteilen, sagt auch Mitte-Nationalrat Martin Candinas. «Egal ob von linker oder rechter Seite.» Vom SRF sei eine qualitativ hochstehende Berichterstattung zu erwarten. «Der Videobeitrag und Twitter-Post entsprechen jedoch keiner journalistischen Glanzleistung», so Candinas. Und FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen findet es «erschreckend», dass weder das SRF noch «die Linken in Zürich» diese zerstörerischen Chaoten klar kritisiert. «Es ist schlimm, dass sich niemand von dieser Gewaltorgie distanziert.»

Keine Neutralität gegenüber Faschismus

SP-Nationalrat Fabian Molina kann die Kritik an der SRF-Berichterstattung hingegen nicht nachvollziehen: «Wer Proteste gegen faschistische Aufmärsche mit diesen gleichsetzt, verharmlost die nazistische Ideologie und hat nicht verstanden, welche Gefahr von ihr ausgeht.» Gegenüber Faschismus könne niemand neutral sein. «Diese verbrecherische Ideologie ist für die schlimmsten Verbrechen aller Zeiten verantwortlich und eine Gefahr für die Demokratie», so Molina. «Es ist deshalb die Pflicht aller Menschen sich zu wehren, wenn Faschisten sich breit machen wollen.»

Auf Anfrage von 20 Minuten betont Stefan Reinhart, Redaktionsleiter Videoredaktion SRF, dass das SRF kein Framing betreibe. «Im kurzen Video ist von ‹Rechten› und ‹Linken› die Rede – diese beiden Gruppen waren an der Demonstration gegen Massnahmen-Gegnerinnen und -Gegner beteiligt, so steht es im Kern auch in der Medienmitteilung der Stadtpolizei Zürich.» 

Ebenfalls erwähnt werde, dass keine der beiden Demonstrationen bewilligt gewesen sei. «Es gibt keinen journalistischen Grund, das Video anzupassen», so Reinhart. «Jeder Zuschauer, jede Zuschauerin, kann sich anhand von Bild und Text des Videos eine eigene Meinung bilden.» Das SRF distanziere sich aber selbstverständlich von jeglicher Gewalt – sei es aus dem linken oder aus dem rechten Lager.

«Schwarzer Block sieht sich legitimiert, Gewalt anzuwenden»

Beim schwarzen Block handle es sich um eine taktisch geführte, für Mitläufer offene Gruppe, die sich als legitimiert sieht, Gewalt anzuwenden, sagt Adrian Oertli, Extremismusexperte und ehemaliger linksextremer Aktivist. «Dadurch wird sie selbst totalitär.» Dass das den Teilnehmenden nicht auffalle, sei typisch: «Bei den Linken fehlt es einer kritischen Auseinandersetzung mit totalitären Aspekten ihrer Geschichte und der Kultur.» Das führe dazu, dass es innerhalb der linken Szene kaum eine Abgrenzung gegenüber Linksextremismus gebe.

«Der linke Mainstream stuft Totalitarismus nicht als Problem ein, sondern durchaus als eine von möglichen Strategien», sagt Oertli. Innerhalb der linken Szene gelte der Grundsatz der Vielfalt von Aktionsformen. Gewalttätige Gruppierungen respektierten Gruppen mit friedlichen Aktionsformen und umgekehrt. «Im Gegensatz zum Nationalsozialismus wurde der Realsozialismus kaum breit aufgearbeitet», so Oertli. «Gulag-Verharmlosung gehört zur linken Pop-Kultur.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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