17.07.2018 03:45

Ohne Schnitt

SRF wagt historisches «Tatort»-Experiment

Anfang August wird der neue «Tatort» aus Luzern ausgestrahlt. Die Episode bricht mit der Konvention: «Die Musik stirbt zuletzt» wurde in einer einzigen Einstellung gefilmt.

von
anh
1 / 7
Der deutsche Film «Victoria» aus dem Jahr 2015 wurde in einer einzigen 140-minütigen Kameraeinstellung gedreht. Insgesamt wurden drei vollständige Versionen des Films aufgenommen – die letzte davon wurde komplett ungeschnitten zur Endfassung.

Der deutsche Film «Victoria» aus dem Jahr 2015 wurde in einer einzigen 140-minütigen Kameraeinstellung gedreht. Insgesamt wurden drei vollständige Versionen des Films aufgenommen – die letzte davon wurde komplett ungeschnitten zur Endfassung.

Senator Film
Doch schon viele Jahre früher wurde mit dem One-Take experimentiert. Alfred Hitchcock brachte mit «Rope» 1948 den ersten Film ins Kino, der so aussieht, als ob er an einem Stück gedreht wurde. «Rope» besteht aus zehn einzelnen Sequenzen, die je in einer Einstellung gedreht wurden. Hitchcock schöpfte so die Möglichkeiten der analogen Technicolor-Kamera komplett aus: Auf eine Filmrolle passten damals maximal zehn Minuten Filmmaterial.

Doch schon viele Jahre früher wurde mit dem One-Take experimentiert. Alfred Hitchcock brachte mit «Rope» 1948 den ersten Film ins Kino, der so aussieht, als ob er an einem Stück gedreht wurde. «Rope» besteht aus zehn einzelnen Sequenzen, die je in einer Einstellung gedreht wurden. Hitchcock schöpfte so die Möglichkeiten der analogen Technicolor-Kamera komplett aus: Auf eine Filmrolle passten damals maximal zehn Minuten Filmmaterial.

Transatlantic Pictures
«Timecode» hebt den One-Take auf ein neues Level. Der Film aus dem Jahr 2000 zeigt nicht nur eine Story in einer langen Einstellung, sondern gleich vier. Abwechselnd wird im Split Screen auf eine Teilgeschichte fokussiert, während die anderen drei parallel stumm weiterlaufen. Am Ende treffen sich alle vier Erzählstränge.

«Timecode» hebt den One-Take auf ein neues Level. Der Film aus dem Jahr 2000 zeigt nicht nur eine Story in einer langen Einstellung, sondern gleich vier. Abwechselnd wird im Split Screen auf eine Teilgeschichte fokussiert, während die anderen drei parallel stumm weiterlaufen. Am Ende treffen sich alle vier Erzählstränge.

Screen Gems

Bevor der Luzerner «Tatort» 2019 in Rente geht, wird am Vierwaldstättersee noch einmal Grosses gewagt: Während alle bisherigen «Tatort»-Episoden mit Zeitsprüngen arbeiteten und die Ermittlungen gerafft zeigten, wurde «Die Musik stirbt zuletzt» als One-Take gedreht, also in einer einzigen langen Einstellung.

Die Handlung wird den Zuschauern demnach in Echtzeit gezeigt – ungeschnitten. Die Kommissare Flückiger und Ritschard haben nicht viel Zeit, um ihren neusten Fall zu lösen: 88 Minuten, um genau zu sein. Doch wie kam die Idee zu diesem anspruchsvollen TV-Experiment zustande? Und womit hatten die Involvierten am meisten zu kämpfen? Die Antwort auf die wichtigsten Fragen.

Worum geht es in «Die Musik stirbt zuletzt»?

Im KKL findet ein Benefizkonzert mit Musik von Komponisten, die während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslagern umgekommen sind, statt. Der Abend gerät aus den Fugen – im Zentrum der Story stehen ein Giftanschlag, eine Erpressung und ein Mord.

Ebenfalls vor Ort sind die Kommissare Reto Flückiger und Liz Ritschard: Während das Konzert weitergespielt wird, um Panik zu vermeiden, suchen sie im Eiltempo den Täter.

Woher stammt die Inspiration für das Projekt?

Von Anfang an war klar, dass der «Tatort» im KKL gedreht werden soll. Das Kultur- und Kongresszentrum Luzern konnte jedoch nur knapp zehn Tage für die Dreharbeiten zur Verfügung stellen – weniger als die Hälfte der üblichen Drehzeit für einen «Tatort».

«Ich war sofort begeistert von der Idee der Einheit von Zeit und Ort», erklärt Regisseur Dani Levy. Seine Inspiration: der Film «Victoria» von 2015, der in einer Berliner Partynacht spielt und radikal in einer einzigen Kameraeinstellung umgesetzt wurde.

One-Take: Wie geht das?

Beim One-Take gibt es keinen Schnitt und keine verschiedenen Einstellungen, sondern nur eine kontinuierliche Aufnahme. Wenn etwas komplett schiefläuft und nicht durch Improvisation überspielt werden kann, muss der ganze Film also von vorn gedreht werden. Das war auch beim Schweizer «Tatort» der Fall.

Wie viele Anläufe hat es gebraucht?

Am Ende der Probe- und Dreharbeiten wurden vier ganze Aufnahmen aufgezeichnet – je zwei auf Schweizer- und zwei auf Hochdeutsch. Gemäss Levy wurde das Material jeweils analysiert, um allfällige Schwachstellen auszumerzen. «Wir kritisierten, probten neu, kürzten und schrieben gegebenenfalls sogar um.»

Was sagen die Schauspieler?

Während die Crew den Ablauf der Handlung minutiös planen muss, damit am Ende alles klappt, ist es für die Darsteller wichtig, flexibel zu bleiben. «Es ist Improvisationsvermögen gefragt, um auf alles reagieren und intuitiv erfinden zu können», sagt Delia Mayer.

Diese Improvisation hat Stefan Gubser beim Dreh für «Die Musik stirbt zuletzt» sehr genossen: «Das könnte für manche zwar ein Nachteil sein, aber ich sehe das persönlich eher als Vorteil. Ich improvisiere gern.»

Geht das Experiment auf?

Laut Bild.de ist «Die Musik stirbt zuletzt» bei Test-Vorführungen nicht gut angekommen. Die deutsche Zeitung stellt sogar die Frage in den Raum, ob der neue Luzerner «Tatort» «der schlechteste aller Zeiten» sein könnte.

Seine persönliche Meinung wird sich jeder Zuschauer am 5. August machen können. Dann strahlt SRF «Die Musik stirbt zuletzt» als ersten «Tatort» nach der Sommerpause aus.

Weitere Filme und Sequenzen, die in einer Einstellung gedreht wurden, sehen Sie in der Bildstrecke oben.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.