Tarnname «Silbertanne»: SS-Hauptscharführer muss vor Gericht
Aktualisiert

Tarnname «Silbertanne»SS-Hauptscharführer muss vor Gericht

Mehr als sechs Jahrzehnte liegen die Verbrechen zurück, die dem mutmasslichen NS-Täter Heinrich Boere zur Last gelegt werden: Der heute 88-jährige ehemalige SS-Mann soll während des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden drei Zivilisten erschossen haben. Jetzt muss er vor Gericht.

von
Nicole Lange
AP

Lange dauerte das juristische Tauziehen um die Aufarbeitung der Taten - doch Anfang des Monats scheiterte Boere mit einer Verfassungsbeschwerde gegen seinen Prozess. Ab Mittwoch muss er sich in einem der wohl letzten grossen NS-Prozesse vor dem Landgericht Aachen verantworten.

Tarnname «Silbertanne»

Boere war laut Anklage im Jahr 1940 der Waffen-SS beigetreten und später zur «Germanischen SS» in den Niederlanden abkommandiert worden. Im Kriegsjahr 1944 soll er als 22-Jähriger zusammen mit anderen SS-Männern drei Zivilisten in Breda, Voorschoten und Wassenaar getötet haben. Die Taten sollen Teil völkerrechtswidriger Repressionen gegen die niederländische Bevölkerung gewesen sein. Insgesamt fielen solchen unter dem Tarnnamen «Silbertanne» ausgeführten Aktionen mindestens 54 Niederländer zum Opfer.

Boere floh 1947 aus der Kriegsgefangenschaft nach Eschweiler bei Aachen, wo er sich eine bürgerliche Existenz aufbaute und als Bergmann arbeitete. 1949 wurde er in Amsterdam in Abwesenheit zum Tode verurteilt, später wurde die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt. Diese hat der ehemalige SS-Sturmmann aber nie verbüsst - die deutsche Justiz lieferte ihn nicht aus, da man nicht ausschliessen konnte, dass er mit seinem Eintritt in die Waffen-SS die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hatte. 1984 wurden die Ermittlungen gegen ihn eingestellt.

«Kein Wort der Reue»

Im Jahr 2003 hatte das niederländische Justizministerium die Vollstreckung der lebenslangen Haft in Deutschland beantragt. Das Oberlandesgericht (OLG) Köln entschied dazu jedoch im März 2007, Boere habe in dem Amsterdamer Verfahren keinen Pflichtverteidiger und im Nachhinein keine effektiven Rechtsschutzmöglichkeiten gehabt. Das Gericht räumte damals ein, es erscheine unbefriedigend, den Mann nicht für die Taten zur Verantwortung ziehen zu können, die er «vom Tatgeschehen her vollständig eingeräumt hat» und für die er «kein Wort der Reue» gefunden habe.

Im April 2008 erhob die Dortmunder Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen erneut Anklage gegen den gebürtigen Niederländer, dem die niederländische Staatsbürgerschaft inzwischen entzogen wurde. Doch das Landgericht Aachen erklärte im Januar, der 88-Jährige könne wegen seines Gesundheitszustandes keiner Hauptverhandlung beiwohnen.

Das OLG Köln veranlasste nach Beschwerden der Staatsanwaltschaft und eines Nebenklägers weitere Ermittlungen und liess das Pflegepersonal des Altenheims befragen, in dem Boere lebt. Schliesslich hoben die Kölner Richter die Entscheidung des Landgerichts auf und liessen die Anklage zu. Trotz seiner Herzerkrankung und weiterer gesundheitlicher Beeinträchtigungen sei davon auszugehen, dass der Angeklagte verhandlungsfähig sei und seine Interessen werde wahrnehmen können. Eine Beschwerde dagegen lehnte das Bundesverfassungsgericht ab.

Prozess bis zum 18. Dezember geplant

Der Prozess ist zunächst auf 13 Verhandlungstage bis zum 18. Dezember angesetzt. Weil der 88-Jährige nur eingeschränkt belastbar ist, soll er während der Verhandlung ärztlich betreut werden. Nach Auffassung des OLG ist der Mann als psychisch stabil anzusehen. In dieser Hinsicht seien auch keine besonderen Belastungen zu befürchten, da im Wesentlichen die Aussagen bereits verstorbener Zeugen zu verlesen seien. Dies beschwere den Angeklagten weit weniger als eine Konfrontation mit noch lebenden Zeugen.

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