Zahlen steigen - St. Galler Jungpartei lanciert Petition, um Rehkitze vor Mähtod zu schützen
Publiziert

Zahlen steigenSt. Galler Jungpartei lanciert Petition, um Rehkitze vor Mähtod zu schützen

In der Schweiz sind zuletzt so viele junge Rehe durch Mähmaschinen gestorben wie seit 1996 nicht mehr. Pro Natura ist alarmiert. In St. Gallen hat die Junge GLP die Petition «Rettet die Rehkitze» lanciert.

von
Michel Eggimann
Noah Knüsel

In St. Gallen sollen Rehkitze besser geschützt werden – diese Aufnahmen entstanden während der Suche nach Rehkitzen in Appenzell Innerrhoden.

Jagdverwaltung AI/20M

Darum gehts

  • In der Jagdsaison 2019 sind 1787 Rehe durch Mähdrescher gestorben, das sind so viele wie zuletzt 1996.

  • Laut der Naturschutzorganisation Pro Natura gibt es sicher eine höhere Dunkelziffer.

  • Die St. Galler Junge GLP will die Rehkitze mit einer Petition besser schützen.

  • Durch einfache Massnahmen soll die Regierung den qualvollen Tod einer Vielzahl von Rehkitzen verhindern.

Sie liegen in Wiesen mit hohem Gras, um sich vor Feinden zu schützen, dabei sind sie der Gefahr des Todes durch Mähmaschinen ausgesetzt. Die Rede ist von Rehkitzen, neugeborenen Rehen. Beispielsweise in Frauenfeld mussten im letzten Frühjahr drei Jungtiere sterben. Sie wurden von einem Landwirt zermäht. Ein Tier ist schon tot gewesen, bevor der zuständige Revierförster eintraf, die zwei anderen wurden mit einem Gnadenschuss von ihren Qualen erlöst. Solche Fälle nehmen in den letzten Jahren zu, wie ein Blick in die nationale Jagdstatistik zeigt. In der Jagdsaison 2015 sind noch 1406 Rehe durch landwirtschaftliche Maschinen gestorben, in der Saison 2019 waren es 1787. Die Zahlen der vergangenen Jagdsaison werden noch analysiert und sind noch nicht bekannt.

Diese Zahl von 1787 «vermähten» Rehen ist auch der Naturschutzorganisation Pro Natura bekannt. Der Wildtierbiologe Andreas Boldt sagt: «Das sind nur die erfassten Fälle, es gibt sicherlich auch zahlreiche nicht erfasste Fälle.» Der Wert der «vermähten» Rehe von 2019 sei der höchste seit 1996. Die Zahlen schwankten von Jahr zu Jahr sehr stark, seit fünf Jahren sei der Trend aber zunehmend.

1 / 9
Die St. Galler Junge GLP hat die Petition «Rettet die Rehkitze» lanciert.

Die St. Galler Junge GLP hat die Petition «Rettet die Rehkitze» lanciert.

JagdRevier St. Gallen
Damit sollen junge Rehe besser vor dem Mähtod geschützt werden.

Damit sollen junge Rehe besser vor dem Mähtod geschützt werden.

JagdRevier St. Gallen
In der Jagdsaison 2019 kamen so 1787 Rehe ums Leben, das sind so viele wie zuletzt 1996.

In der Jagdsaison 2019 kamen so 1787 Rehe ums Leben, das sind so viele wie zuletzt 1996.

JagdRevier St. Gallen

Diese Entwicklung ist auch den Jagdverbänden bekannt. Der Verband RevierJagd St. Gallen startete im letzten Jahr ein Drohnenprojekt, um Rehkitze vor dem Tod durch Mähmaschinen zu retten. In Appenzell Innerrhoden wurden im Frühling 2019 Rehkitze mithilfe von Drohnen gesucht. So konnten zahlreiche Tiere gerettet werden. Auch beispielsweise die Bündner Behörden konnten dank Drohnen im Frühjahr 2020 hunderte neugeborene Rehe in Sicherheit bringen.

Petition um das Tierleid zu verringern

Im Kanton St. Gallen soll sich nun auch die Regierung detailliert mit der Problematik befassen. Die Junge GLP St. Gallen hat die Petition «Rettet die Rehkitze» lanciert. Dies «um das Tierleid im Kanton St. Gallen zu verringern», wie es in einer Mitteilung heisst. Die Partei richtet in der Petition mehrere Forderungen an den Regierungsrat. Genannt wird beispielsweise finanzielle Unterstützung für Präventionsmassnahmen oder Empfehlungen sowie Weisungen, um die Anzahl der Rehkitztötungen möglichst stark zu senken.

Selina Grass, Leiterin Politische Projekte bei der Jungpartei, ergänzt: «Der St. Galler Regierungsrat könnte durch einfache Massnahmen den qualvollen Tod einer Vielzahl von Rehkitzen verhindern und damit die Jagd-
gesellschaften und die Landwirte unterstützen.» Die Petition «Rettet die Rehkitze» soll Mitte Juli dem St. Galler Regierungsrat überreicht werden.

Interview mit Andreas Boldt, Wildtierbiologe bei Pro Natura Schweiz

Können Sie Landwirten eine generelle Empfehlung geben?

Boldt: Landwirtschaftliche Maschinen sind tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Wildtiere allgemein. Dabei geht es nicht in erster Linie um die grossen Mähdrescher, mit denen Getreide- oder Maisfelder geerntet werden. Problematischer ist das Mähen von Wiesenflächen mit verschiedensten Mähmaschinen. Am meisten betroffen davon sind die Rehe. Weibliche Rehe haben die Angewohnheit, ihre Jungtiere in Wiesen mit hohem Gras abzulegen, während sie selber auf Nahrungssuche sind. Die Kitze liegen in dieser Zeit völlig bewegungs-, geräusch- und geruchslos im hohen Gras und warten auf die Rückkehr der Mutter. Auch bei sich nähernder Gefahr verharren sie in ihrem Versteck. Gegen natürliche Feinde, wie beispielsweise Füchse, ist das eine gute Strategie, gegenüber Mähmaschinen hingegen tödlich.

Um das Vermähen von Rehkitzen zu vermeiden, wird schon vieles getan, indem die Wiesen vor dem Mähen kontrolliert werden. Es gibt dazu verschiedene Methoden. Man kann eine Wiese zu Fuss oder mit einem ausgebildeten Spürhund absuchen. Man kann eine Wiese «verblenden», das heisst am Vorabend mit blinkenden Alufolien, farbigen Bändern oder anderen Materialien kennzeichnen. Die Rehmütter suchen diese Wiesen dann gar nicht erst auf. Aber keine Methode ist zu 100 Prozent zuverlässig. Häufig braucht es eine Kombination der Methoden.

Dem einzelnen Landwirt ist zu empfehlen, sich rechtzeitig vor dem Mähen mit dem lokalen Jagdverein oder dem Wildhüter respektive der Wildhüterin in Verbindung zu setzen. An vielen Orten in der Schweiz haben sich Abläufe eingespielt, mit denen die Beteiligten gemeinsam versuchen, den Verlust an Wildtieren so klein wie möglich zu halten.

Nicht nur Rehe sind durch die Landmaschinen gefährdet, sondern auch andere Tiere. Boldt sagt: «Landmaschinen bzw. die Landwirtschaft generell haben zahlreiche indirekte Folgen, die sich nachteilig auf viele Säugetiere, Vögel, Reptilien oder Insekten auswirken.» Er nennt etwa den Verlust des Lebensraums, des Nahrungsangebots und von Kleinstrukturen.

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Feuerwehr, Tel. 118 (Tierrettung)

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel. 079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00

Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Tierschutz Schweiz (anonym möglich)

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung