Aktualisiert 03.11.2014 16:08

Islamische AnleihenStaaten setzen auf Muslime als Anleger

Der Markt für islamische Finanzprodukte wächst rasant. Auch westliche Staaten bieten spezielle Wertpapiere an. Für die Schweiz ist dies kein Thema.

von
Fabian Lindegger

Islamische Finanzprodukte sind gefragt: Das Beratungsunternehmen Ernst & Young schätzt, dass zwischen 2009 und 2013 diese Vermögenswerte mit einer jährlichen Wachstumsquote von gegen 18 Prozent zunahmen. Bis 2018 soll diese Quote durchschnittlich gar fast 20 Prozent betragen.

Von dieser steigenden Nachfrage versuchen nun auch nicht islamische Staaten zu profitieren und geben sogenannte Sukuk aus: Im Juni hat Grossbritannien Sukuk in Wert von 200 Millionen Pfund angeboten und wurde von Investoren richtiggehend überrannt: Die Bank of England hätte Wertpapiere für 2,3 Milliarden Pfund verkaufen können. Auch Hongkong und Südafrika platzierten solche Anleihen, und Anfang Oktober gab Luxemburg für 200 Millionen Euro Sukuk aus.

Anleihen ohne Zinsen

Sukuk sind Scharia-konforme Wertpapiere, die ohne Zinsen auskommen. Denn Zinsen sind laut den ethischen Vorstellungen des Islams verboten. Genauso wie Spekulation, Leerverkäufe, überrissene Renditen oder das Investieren in Firmen, die Hauptgeschäftlich mit Waffen, Glücksspiel, Alkohol, Schweinefleisch oder Pornografie zu tun haben.

Trotzdem wird bei Sukuks – gleich wie bei Anleihen – regelmässig Geld an die Investoren ausbezahlt. Dies können etwa Anteile an Mieten oder von erzielten Gewinnen sein. Im Fall der Sukuk, die durch die Bank of England ausgegeben wurden, sind die Investoren Teilhaber an drei staatlichen Immobilien und erhalten daraus eine regelmässige Auszahlung.

Sachsen-Anhalt als Pionier

«Das Angebot an Sukuk scheint momentan noch kleiner als die Nachfrage zu sein», erklärt der Ethnologe Stefan Leins von der Universität Zürich, der sich im Rahmen seiner Forschung unter anderem mit dem islamischen Bankenwesen beschäftigt. Länder in der Golfregion oder Südostasien verfügen über grosse finanzielle Mittel, die sie Scharia-konform investieren wollen. «Viele Staaten sehen in Sukuk deshalb eine Möglichkeit Investitionen aus islamischen Ländern abzuholen», sagt Leins. So war es das ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt, das auf der Suche nach frischem Kapital 2004 die ersten Sukuk ausserhalb der islamischen Welt ausgab.

Allerdings sind solche Sukuk, die es in unterschiedlichen Strukturen gibt, nicht immer ganz unproblematisch. Etwa, weil die Sukuk durch islamische Rechtsgelehrte zertifiziert werden müssen und es vorkommt, dass diese in den unterschiedlichen Staaten nicht immer derselben Auffassungen sind, was Scharia-konform ist und was nicht. So gab es Fälle, wo Produkte in Malaysia zertifiziert wurden, Rechtsgelehrte auf der arabischen Halbinsel diese hingegen für nicht Scharia-konform befanden.

In der Schweiz kein Thema

Andererseits biete auch der reelle Gegenwert, den Sukuk besitzen müssen, ein gewisses Gefahrenpotenzial: «Weil übermässig in Immobilien investiert wurde, waren islamische Banken im Rahmen der Immobilienkrise in Dubai auf staatliche Hilfe angewiesen», sagt Leins. Denn trotz Spekulations- und Zinsverbot können die verschiedenen Sukuk-Strukturen und andere Scharia-konforme Finanzanlagen genau so kompliziert und risikoreich sein wie herkömmliche Produkte.

Im Gegensatz zu anderen westlichen Staaten, die sich aufgrund des Erfolgs der Sukukausgabe in England und Luxemburg ebenfalls solche Anleihen überlegen, ist dies in der Schweiz kein Thema, wie die eidgenössische Finanzverwaltung auf Anfrage mitteilt.

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