«Sind Sie okay?»: Staatsanwalt macht sich über Pistorius lustig
Aktualisiert

«Sind Sie okay?»Staatsanwalt macht sich über Pistorius lustig

Oscar Pistorius brach gestern vor Gericht zusammen. Heute musste er sich dem Kreuzverhör des Staatsanwalts stellen. Dieser machte seinem Übernamen – «Bulldogge» – alle Ehre.

von
gux

Im Mordprozess gegen Oscar Pistorius hat erstmals der Staatsanwalt Gerrie Nel den Angeklagten ins Kreuzverhör genommen. Nel machte dabei seinem Übernamen («die Bulldogge») alle Ehre. So forderte er Pistorius vor Gericht auf, ein Foto des blutverschmierten Kopfs seiner getöteten Freundin anzusehen, und drängte ihn, die Verantwortung für die Tötung der 29-jährigen Reeva Steenkamp zu übernehmen. «Es ist Zeit, dass Sie es (das Foto) sich ansehen», sagte Nel am ersten Tag, an dem er den beinamputierten Athleten ins Kreuzverhör nahm.

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Nel sagte, Steenkamps Kopf sei «explodiert», als dieser von einer von vier Kugeln getroffen worden sei, die Pistorius am 14. Februar 2013 durch eine verschlossene Toilettentür in seinem Haus abgegeben habe. Auf dem Polizeifoto, das vor Gericht gezeigt wurde, war Steenkamps Kopf von der Seite zu sehen. Am hinteren und oberen Teil war Blut und menschliches Gewebe zu erkennen. Die Augen des Opfers waren geschlossen.

Pistorius sagte, er brauche sich das Foto nicht anzusehen, weil er vor Ort gewesen sei, als Steenkamp starb. Nel forderte den Paralympics-Star auf, offen zuzugeben, dass er seine Freundin getötet habe.

Unerwartetes Video vom Schiessstand

Nel wollte den Sprinter als schiesswütigen Choleriker darstellen. Der Ankläger bat das Gericht auch um Erlaubnis, ein Video zu zeigen, auf dem Pistorius auf einem Schiessstand eine Waffe abfeuert. Darin bezeichnet der Sportler die tödliche Macht der Waffe als «Zombie-Stopper». Richterin Thokozile Masipa liess die Ausstrahlung zu, Pistorius' Anwalt Barry Roux war dagegen. Er sagte, das Video komme einem rechtlichen «Überfall» auf die Verteidigung gleich.

Der 27 Jahre alte Pistorius hat erklärt, Steenkamp versehentlich getötet zu haben, weil er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, das Model nach einem Streit durch eine verschlossene Tür erschossen zu haben. Bei einer Verurteilung wegen vorsätzlichen Mords drohen Pistorius 25 Jahre Haft.

Staatsanwalt machte sich lustig

«Schossen Sie, weil Sie Einbrecher erschiessen wollten? Wollten Sie sich schützen?», fragte der Staatsanwalt den Angeklagten. Dieser antwortete: «Ich hatte keine Zeit zu denken.» Nel lachte den Angeklagten direkt aus – und machte sich lustig über ihn, weil Pistorius an den Vortagen immer wieder weinend zusammengebrochen war. «Sind Sie okay?», fragte Nel ihn etwa – wobei klar war, dass er das nicht ernsthaft besorgt fragte. Der Staatsanwalt erniedrigte Pistorius, twitterte die britische Korrespondentin Alex Crawford aus dem Gerichtssaal.

Blieben Pistorius' Aussagen vage, blaffte ihn der Staatsanwalt an. Pistorius verteidigte sich: «Natürlich überlege ich mir genau, was ich hier sage. Es geht hier um mein Leben», sagte Pistorius. Darauf erwiderte Staatsanwalt Nel: «Und Reeva hat Ihretwegen kein Leben mehr. Geben Sie wahrheitsgemäss Antwort und überlegen Sie sich nicht, was für Sie dabei opportun ist.»

Pistorius könne sich aus dieser Sache nicht herauswinden, so Nel. «Herr Pistorius, ich frage Sie: Haben Sie absichtlich auf die WC-Tür geschossen?» Pistorius verneinte dies. An diesem Punkt wurde die Sitzung beendet. Sie wird morgen um 9.30 Uhr wieder aufgenommen.

Zusammenbruch vom Vortag

Am Vortag hatte Pistorius die Nacht geschildert, als er Steenkamp erschoss. Danach brach er zusammen, die Sitzung wurde vorzeitig beendet. Auch andere Zuschauer im Saal brachen in Tränen aus. Es war der bislang emotionalste Prozesstag.

Ein Videomitschnitt von Pistorius' Zusammenbruch:

(Quelle: Youtube/AP)

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