Winterthur ZH: Staatsanwaltschaft erneut abgeblitzt
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Winterthur ZHStaatsanwaltschaft erneut abgeblitzt

Laut Anklage hat eine Autolenkerin auf der Autobahn bei Winterthur einen schweren Unfall mit einer verletzten Person verursacht. Nicht zu beweisen, befand nun auch das Obergericht.

von
Atilla Szenogrady

Es war um die Mittagszeit, als sich bei Winterthur am 12. August 2009 auf der Autobahn A1 in Richtung St. Gallen dramatische Szenen abspielten. Eine Thurgauer Autohalterin setzte 500 Meter vor einer Baustelle zu einem Überholmanöver an und wollte noch drei Fahrzeuge hinter sich lassen. Zwei Personenwage konnte sie einholen und wollte ein drittes, rotes Auto noch vor der Spurverengung abfangen.

In Tafel gelandet

Was danach genau passierte, blieb bis heute höchst umstritten. Fest steht, dass es zwischen den beiden Fahrzeugen zu einer Streifkollision kam. Worauf beide Wagen von der Autobahn kamen und auf ein Wiesenbord gerieten. Von dort aus krachten die zwei Autos in eine Signalisationstafel hinein. Die heute 47-jährige Thurgauerin und ihre Beifahrerin hatten Glück im Unglück und kamen mit dem Schrecken davon. Im Gegensatz zum heute 53-jährigen Lenker des roten Kombis. Der verletzte Taxifahrer erlitt einen so grossen Schock, dass er das Bewusstsein verlor.

Zu lange Strafuntersuchung

Die Staatsanwaltschaft leitete eine umfassende Strafuntersuchung ein, nahm sich aber offenbar viel Zeit. Es vergingen 14 Monate, bis es zu den ersten grösseren Einvernahmen der Unfallbeteiligten kam. Gegen die Handelsreisende aus dem Thurgau sprach eine einschlägige Vorstrafe vom September 2007. Damals hatte die Ostschweizerin wegen einer Blaufahrt mit beachtlichen 2,2 Promille Alkohol im Blut eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 110 Franken erhalten. Allerdings beteuerte sie diesmal ihre Unschuld und gab an, dass der rote Kombi nicht nur plötzlich beschleunigt, sondern auch nach links ausgeschwenkt sei.

Unbedingte Geldstrafe verlangt

Die Untersuchungsbehörde rang sich schliesslich im Juli 2011 zu einer Anklage gegen die Autohalterin durch. Der zuständige Staatsanwalt lastete ihr nicht nur eine grobe Verletzung von Verkehrsregeln, sondern auch eine fahrlässige Körperverletzung an. Der Strafantrag lautete auf eine unbedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu 50 Franken. Schon am Bezirksgericht Winterthur musste die Staatsanwaltschaft im letzten September ihre erste Schlappe einstecken. So kam heraus, dass es die Untersuchungsbehörden verpasst hatten, den geschädigten Taxifahrer mit der Beschuldigten zu konfrontieren. Was zur Folge hatte, dass die Aussagen des Unfallopfers gar nicht verwertet werden konnten. So kamen nur die Aussagen der Beschuldigten und ihrer Beifahrerin zum Zuge. Was schon in Winterthur nach dem Grundsatz im Zweifel für die Angeklagte zu einem ersten Freispruch führte.

Freispruch bestätigt

Die Staatsanwaltschaft und der Geschädigten gingen in die Berufung und nahmen am Montag vor Obergericht einen zweiten Anlauf. Erneut vergeblich. Auch das Obergericht schloss nicht aus, dass der rote Kombi noch beschleunigt und dadurch den Unfall mit verursacht hatte. «Der Sachverhalt ist nicht rechtsgenügend erstellt», hielt der Gerichtsvorsitzende fest. Ein Teil der Berufungskosten wurde dem unterlegenen Geschädigten auferlegt.

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