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Fall WalkerStaatsanwaltschaft wusste mehr, als sie zugab

Die Urner Staatsanwaltschaft hat stets beteuert, der Kronzeuge im Fall Walker sei nicht auffindbar. Dabei kannte sie dessen Aufenthaltsort genau – verschwieg das aber.

von
dag
Der Urner Oberstaatsanwalt Thomas Imholz gibt auf Fragen der «Rundschau» keinen Kommentar.

Der Urner Oberstaatsanwalt Thomas Imholz gibt auf Fragen der «Rundschau» keinen Kommentar.

Er ist der grosse Abwesende im Prozess gegen Ignaz Walker: der holländische Zeuge Johannes Peeters. Nach einer Schiesserei im Jahr 2010 sagte er aus, Cabaretbetreiber Walker habe auf ihn geschossen. Peeters war gemäss Polizeiprotokoll bei der Einvernahme betrunken.

Walker hat immer seine Unschuld beteuert. Peeters habe ihn später besucht, um sich für die falsche Anschuldigung zu entschuldigen, sagt er. Peeters habe ihm erklärt, er sei bei der Aussage von der Polizei unter Druck gesetzt worden. Walkers Verteidiger verlangte deshalb mehrmals, dass das Gericht den Holländer noch einmal befragen soll.

Obwohl Peeters Aussage eine zentrale Rolle in dem Fall spielt, wurde der Kronzeuge nie mehr befragt – weder von den Urner Ermittlern noch vor Gericht. Immer wieder erklärten die Behörden, der Holländer sei nirgends aufzufinden. Offenbar wollten sie ihn aber gar nicht mehr befragen, wie sich nun zeigt.

Staatsanwalt wusste, dass Kronzeuge im Gefängnis sitzt

Peeters war in einen internationalen Drogenhandel zwischen Holland, Frankreich und der Schweiz verwickelt. Von 2009 bis 2012 liess er Amphetamine, Ecstasy, Kokain und Cannabis offenbar auch nach Altdorf liefern. Er sass deswegen seit August 2012 in Frankreich in Untersuchungshaft. Im vergangenen Juli wurde er wegen Drogendelikten zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Urner Staatsanwaltschaft musste davon gewusst haben: Sie leistete 2013 den französischen Ermittlern in dieser Sache Rechtshilfe. Das bestätigt Folco Galli vom Bundesamt für Justiz gegenüber der SRF-Sendung «Rundschau». Im September 2013 erfolgte die Herausgabe von Dokumenten und Beweismitteln an die Behörden von Douai (F).

Als Walkers Verteidiger 2013 verlangte, dass Peeters noch einmal vor Gericht befragt werde, verheimlichte die Staatsanwaltschaft offenbar dieses Wissen dem Obergericht und dem Verteidiger – eine erneute Befragung wurde so verhindert.

Laut Strafprozessrechts-Professor Christof Riedo wäre es ganz einfach gewesen, Kronzeuge Peeters im Gefängnis zu finden und 2013 zum Prozess vor das Urner Obergericht zu bringen. Riedo spricht in der «Rundschau» von einem «groben Verstoss gegen prozessuale Grundsätze».

Verteidiger prüft Strafanzeige gegen Staatsanwaltschaft

Linus Jaeggi, Walkers Verteidiger, ist schockiert: «Die Staatsanwaltschaft hat das Gericht und die Verteidigung damals brandschwarz angelogen.» Er fordert jetzt eine lückenlose Klärung. Alle Akten, die Johannes Peeters betreffen, müssten herausgegeben werden.

Für Jaeggi drängen sich zudem auch strafrechtliche Schritte auf: «Da stellt sich die Frage, ob nicht strafbare Handlungen im Sinne von Urkundendelikten oder Amtsmissbrauch seitens der Staatsanwaltschaft begangen worden sind.»

Peeters vor zwei Monaten gestorben

Im Dezember 2014 verlangte auch das Bundesgericht von den Urner Behörden, dass sie alles unternehmen, um Peeters vor Gericht zu befragen. Am Montag bei Prozessbeginn sagte aber der Vorsitzende des Obergerichts, Thomas Dillier, dass Peeters' Aufenthaltsort noch immer unbekannt sei. Peeters wird aber ohnehin nicht mehr aussagen können: Er starb am 18. August diesen Jahres in Roubaix.

Die Staatsanwaltschaft schweigt zu den neuen Enthüllungen. Der damalige Urner Oberstaatsanwalt Bruno Ulmi will keine Stellung nehmen und verweist auf seinen Nachfolger Thomas Imholz. Aber auch dieser will sich nicht äussern: «Die Staatsanwaltschaft Uri als Verfahrensbeteiligte wird zu einem laufenden Verfahren keine Stellung nehmen.»

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