Schweizer Novum: Staatsarchiv speichert bissigen Polit-Blog
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Schweizer NovumStaatsarchiv speichert bissigen Polit-Blog

Der Arlesheimer Blogger Manfred Messmer verfolgt das Politgeschehen der Region scharfzüngig. Sein Weblog «arlesheimreloaded» wird nun als erster der Schweiz staatlich archiviert.

von
Lukas Hausendorf
Manfred Messmer schreibt nicht, um Sympathiepunkte im Baselbieter Politkuchen zu sammeln.

Manfred Messmer schreibt nicht, um Sympathiepunkte im Baselbieter Politkuchen zu sammeln.

Für Politiker und Journalisten der Region Basel ist Manfred Messmers Weblog «arlesheimreloaded» schon lange ein Must-Read. Bis zu 1000 Leser zählt er am Tag. Und im Vorzimmer des Liestaler Landratsaals ist er ein vieldiskutiertes Thema. Bissig begleitet der 65-jährige Arlesheimer seit 2005 das Politgeschehen der Region – nicht selten zum Verdruss jener Politiker, die er darin scharfzüngig kritisiert. «Frau Pegoraro ist nicht mehr zu halten», titelt er und drischt genüsslich auf die Baselbieter Baudirektorin ein, deren letzter planerischer Flop mit dem Entwicklungsgebiet Salina Raurica laut Messmer die Wirtschaftsoffensive an die Wand gefahren habe.

Seine Betrachtungen zum Zeitgeschehen sind bissiger als jeder Zeitungsartikel und ein krasser Kontrast zu den offiziellen Zeitdokumenten, mit denen das Baselbieter Staatsarchiv bislang die Regierungstätigkeit dokumentierte. Das ist jetzt anders: Seit einem Monat schreibt Messmer für die Ewigkeit. Sein Blog wird nun vom Staatsarchiv konserviert.

Auch Kritik gehört zum Gedächtnis des Kantons

«Wir haben den Staatsauftrag, das Gedächtnis des Kantons zu pflegen. Aber nicht nur das offizielle», sagt Regula Nebiker, Leiterin des Staatsarchivs Baselland. Der digitale Wandel hat auch vor ihrer Institution nicht Halt gemacht. Seit längerem schon werden Daten digital archiviert. Etwa die Website des Kantons. Aber ein Weblog? «Wir wollten herausfinden wie man das machen kann, da hat sich Messmers Weblog geeignet», erklärt Nebiker. Von selbst ist sie aber nicht auf ihn gestossen, wenngleich sie den scharfzüngigen Blogger aus Arlesheim bereits kannte.

«Mein Blog hat eine gewisse Relevanz», ist dieser überzeugt. Und da er schon lange der Überzeugung sei, dass man elektronische Medien archivieren müsse, habe er das Staatsarchiv vor einigen Monaten angefragt. «Ich dachte, von denen höre ich nie mehr etwas.» Weit gefehlt. «Eine halbe Stunde später hat mir die Leiterin zurückgeschrieben. Jetzt ist mein Blog ein Zeitdokument», sagt er nicht ganz ohne Stolz. Die Aufgeschlossenheit des Staatsarchivs habe ihn überrascht. Tatsächlich mag die Institution ein etwas verstaubtes Image haben. «Wir suchen auch komplementäre Quellen, wie private Archive. Das Kriterium für uns ist, dass sie das gesellschaftliche und politische Leben des Kantons abbilden», so Nebiker. Das macht Messmer zweifellos, der mit seinem Weblog einen erfrischenden Kontrast zu den offiziellen Verlautbarungen des Kantons liefert.

Schweizer Premiere

Messmer vermutet, dass die staatliche Archivierung seines Blogs ein Schweizer Novum ist. Damit dürfte er recht haben. Das Staatsarchiv Basel-Stadt befasst sich zwar auch mit der Langzeitsicherung von Netzressourcen, beschränkt sich dabei aber auf die kantonalen Seiten. «Der Kreis der als archivwürdig beurteilten Seiten im Kanton wird 2016 nach einer ersten Bilanz unter Umständen erweitert», so Leiterin Esther Baur. Dasselbe bei der Schweizer Nationalbibliothek, wo seit 2008 Websites archiviert werden. «Blogs wurden aber noch keine archiviert», so Sprecherin Barbara Signori.

Ein globales Internetarchiv gibt es übrigens schon länger. Über die Wayback Machine lassen sich alte Versionen fast aller Websites abrufen.

Digitale Langzeitarchivierung

Digitale Daten für die Nachwelt persistent zu speichern ist für Archive die grösste Herausforderung der Gegenwart. Besonders die in hoher Kadenz erfolgenden Medienwechsel erschweren diese Aufgabe zusätzlich und machen das Vorhaben der digitalen Langzeitarchivierung sehr kostspielig. Die Verwaltungskosten für die Langzeitspeicherung eines Terrabytes wird auf rund 1‘000 Franken pro Jahr geschätzt. «Wir setzen dabei auf das Prinzip der Migration», erklärt Regula Nebiker, Leiterin des Staatsarchivs Baselland. Dabei werden die Daten stets auf neue Datenträger überspielt, wenn eine Technik veraltet. Das ist heute die gängigste Praxis. Ein weiteres Augenmerk gilt der Lesbarkeit der Daten. So muss gewährleistet sein, dass Text und Bilddateien in Formaten gespeichert werden, die auch in Zukunft lesbar sind. Dabei wird häufig auf Standards gesetzt, sowohl für die Dateiformatierung als auch die Metadaten. Das PDF/A-Format ist so einer. Eine Möglichkeit ist auch, die Daten optisch auf dauerhaften Medien wie Glas zu speichern, das eine Lesbarkeit von bis zu 1000 Jahren verspricht. Daran hat man in den Anfängen des digitalen Zeitalters nicht gedacht. In Zusammenhang mit den verlorenen Daten aus der Zeit zwischen den 1960er und 1990er-Jahren spricht man deshalb auch von den Digital Dark Ages.

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