Skurril, aber nicht strafbar: Stadtzürcher spielte Geheimdienst-Chef
Aktualisiert

Skurril, aber nicht strafbarStadtzürcher spielte Geheimdienst-Chef

Ein selbst ernannter Geheimdienst-Chef zwang eine ehemalige Angestellte, eine Geheimhaltungsvereinbarung zu unterschreiben. Das Bezirksgericht sah darin ein strafrechtliches Problem, das Zürcher Obergericht nicht.

von
Attila Szenogrady
Der 41-jährige Zürcher IV-Rentner spielte gerne James Bond – aber ohne dessen Charme und Überzeugungskraft (Symbolbild).

Der 41-jährige Zürcher IV-Rentner spielte gerne James Bond – aber ohne dessen Charme und Überzeugungskraft (Symbolbild).

Der heute 41-jährige Stadtzürcher sorgt schon seit mehreren Jahren immer wieder komische Geschichten. So gibt sich der langjährige IV-Rentner als «Geheimdienst-Chef» und «Mitarbeiter des Staatschutzes» aus. Der Mann ist also ein begeisterter Fan von Agenten und Spitzeln.

Ein Oberrichter empfahl ihm einst, seine Grössenphantasien zu zügeln und weniger James-Bond-Filme zu sehen.

Frauen für Spionagedienste

Doch der Mann hörte nicht, heuerte statt dessen immer wieder Frauen für angebliche Spionagedienste an. Vor fünf Jahren war es eine iranische Dolmetscherin, die auf die Masche hereinfiel. Zuerst bot er ihr eine Stelle als normale Uebersetzerin an. Dann verlangte er plötzlich Einsätze als Spionin.

Als die Perserin aussteigen wollte, verlegte sich der Angeklagte auf perfide Drohungen: Man werde bei ihr Drogen finden und sie aus der Schweiz schaffen, sagte er und handelte sich damit im April 2008 eine erste Vorstrafe wegen versuchter Nötigung ein.

Linke Szene ausspionieren

Am Donnerstag musste sich der Beschuldigte erneut wegen Nötigung vor dem Zürcher Obergericht verantworten. Diesmal hatte er laut Anklage eine 35-jährige Deutsche in seine Falle gelockt. Zuerst war in einem Inserat von einem Escort-Service die Rede. Doch dann bot der kahlköpfige Chef andere «Arbeiten» an. So musste die Frau die linke Zürcher Szene bei deren Veranstaltungen ausspionieren und dem Chef jeweils Rapport erstatten.

Eine Zeit lang ging alles gut. Es soll sogar zu intimen Beziehungen gekommen sein. Doch dann wollte die Fürsorgeempfängerin nicht mehr für den unheimlichen Chef tätig sein. Zudem schuldete er ihr noch über 2000 Franken. Der Angeklagte reagierte sauer und forderte seine Noch-Angestellte auf, eine für sie nachteilige Geheimhaltungsvereinbarung zu unterzeichnen. Ansonsten werde er sie nicht nur beim Sozialamt verpetzen, sondern auch ihren Freund über das sexuelle Abenteuer unterrichten. Die eingeschüchterte Frau unterschrieb, erstattete aber später Strafanzeige.

Vom Schuld- zum Freispruch

Zuerst musste sich der Pseudo-Agent im Herbst 2011 vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Er wurde wegen Nötigung zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 30 Franken verurteilt. Zudem wurde die ehemals bedingte Vorstrafe von 90 Tagessätzen zu 30 Franken widerrufen.

Der Zürcher legte Berufung ein und hatte diesmal Glück. So kam das Obergericht aufgrund einer schlechten Anklage neu zu einem Freispruch. Dem Beschuldigten sei in diesem Fall schlicht kein strafrechtlich relevantes Verhalten nachzuweisen. Obwohl sein Vorgehen alles andere als in Ordnung gewesen sei, bemerkte dazu der Gerichtsvorsitzende. Sämtliche Verfahrenskosten wurden auf die Gerichtskasse genommen.

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