Pilotprojekt: Städte schaffen den ÖV-Fahrplan in Stosszeiten ab
Aktualisiert

PilotprojektStädte schaffen den ÖV-Fahrplan in Stosszeiten ab

Verkehrsbetriebe planen den Systemwechsel: Statt nach Fahrplan sollen Busse regelmässig fahren. Nun muss die Software schlauer werden.

von
Stefan Ehrbar
1 / 7
Um zu verhindern, dass Busse unregelmässig und entweder überfüllt oder leer herumfahren, testen die Verkehrsbetriebe Zürich und Bernmobil ein neues System.

Um zu verhindern, dass Busse unregelmässig und entweder überfüllt oder leer herumfahren, testen die Verkehrsbetriebe Zürich und Bernmobil ein neues System.

Keystone/Gaetan Bally
Lernfähige Algorithmen sollen dafür sorgen, dass Busse so eingesetzt werden, dass sie regelmässig fahren. Dann müsste aber der Vorrang des Fahrplans aufgegeben werden.

Lernfähige Algorithmen sollen dafür sorgen, dass Busse so eingesetzt werden, dass sie regelmässig fahren. Dann müsste aber der Vorrang des Fahrplans aufgegeben werden.

Keystone/Gaetan Bally
«Je dichter der Takt, desto wichtiger die Regelmässigkeit und desto unwichtiger die Pünktlichkeit», sagt Bernmobil-Sprecher Rolf Meyer.

«Je dichter der Takt, desto wichtiger die Regelmässigkeit und desto unwichtiger die Pünktlichkeit», sagt Bernmobil-Sprecher Rolf Meyer.

Keystone/edi Engeler

Zuerst kommt ewig kein Bus, dann fahren zwei gleichzeitig. Es ist ein bekanntes Phänomen in Städten – und könnte bald der Vergangenheit angehören. In den grossen Städten sollen auch in Stosszeiten regelmässig Busse fahren. Dafür muss der Fahrplan abgeschafft werden.

Wenn ein Bus erstmal verspätet ist, warten an der nächsten Haltestelle mehr Leute. Das Ein- und Aussteigen geht länger, und der Bus verspätet sich immer mehr. Der nächste, fast leere Bus holt den verspäteten ein.

«Bei Stau geht es sowieso länger»

«Paketbildung» nennt sich das. Nun kooperieren die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), Bernmobil und die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, um dem Problem ein Ende zu setzen.

Die Idee ist, bei Störungen dem regelmässigen Takt statt dem Fahrplan den Vorrang zu geben. «Die Reisezeit wird bei Staus sowieso länger», sagt VBZ-Sprecher Andreas Uhl.

Fahrplan als zweite Priorität

Neu wolle man die korrekten Abstände zwischen den Bussen sicherstellen und nicht mit Massnahmen wie dem frühzeitigen Wenden eines vollen Busses die Fahrplanzeiten wieder herstellen. Das hätte in Zukunft erst zweite Priorität.

Um das Ziel zu erreichen, muss das Leitsystem angepasst werden. Beim Projekt dabei ist auch der Leitsystem-Lieferant Trapeze. Die Software soll in Zukunft in der Lage sein, mit lernfähigen Algorithmen eine bessere Abfolge sicherzustellen. Den Forschern stehen Daten von Zürich, Bern und Basel zur Verfügung.

Fast täglich Störungen

Das neue System funktioniere nur für ein Netz mit einem dichten Takt und grossen Verspätungen im Störungsfall – wie sie in Zürich fast täglich vorkommen, sagt Uhl.

Auch Bernmobil ist überzeugt. «Je dichter der Taktfahrplan ist, je wichtiger wird für Passagiere die Regelmässigkeit und desto unwichtiger die Pünktlichkeit», sagt Sprecher Rolf Meyer. Künftig könnte auf die Publikation von Abfahrtszeiten verzichtet werden. Stattdessen könnte etwa angegeben werden, dass alle drei Minuten ein Bus fährt.

Winterthur geht voraus

Auch die Basler Verkehrsbetriebe planen eine ähnliche Anpassung, wie Sprecher Benjamin Schmid sagt. Dabei gehe es vor allem um die am häufigsten befahrenen Linien in der Innenstadt.

Winterthur übernimmt allfällige Änderungen am Leitsystem der VBZ. Bei den Hauptlinien schaue man in den Stosszeiten heute schon mehr auf die Einhaltung der Intervalle, sagt Stadtbus-Direktor Thomas Nideröst.

Auch Romandie macht mit

«Wir denken über diesen Systemwechsel nach», sagt auch ein Sprecher der Genfer Verkehrsbetriebe tpg. Er würde die Linien mit hohem Takt betreffen. Bereits heute gebe es in Stosszeiten auf gewissen Linien nur noch die Angabe der Intervalle. Im Juni wollen die tpg das Projekt auf gewisse Tramlinien ausdehnen.

In Lausanne sagt ein Sprecher, in Zukunft bewege man sich in Richtung dichterer Takt und weg vom fixen Fahrplan.

Behörden könnten Projekt verhindern

Die VBZ haben das Projekt erst eingegeben. Ob es die zuständige Kommission bewilligt, ist unklar. Fraglich ist auch, ob der rechtliche Rahmen ausreicht.

Die Branche sei heute von Vorgaben wie der Fahrplanpflicht geprägt, sagt VBZ-Sprecher Uhl. Im Fahrplan muss angegeben werden, wann ein Bus fährt – und alles dafür unternommen werden, dass die Zeit eingehalten wird.

Das Bundesamt für Verkehr signalisiert Entgegenkommen. Die angedachte Methode verletze die Fahrplanpflicht nicht, sagt eine Sprecherin. Sie komme bei Stau zum Einsatz, wenn ein normaler Transport gar nicht möglich sei.

Deine Meinung