Aktualisiert 18.07.2019 06:59

HitzewelleStädte sollen Bewohner vor Gluthitze schützen

Das Rote Kreuz schlägt Alarm: Städte sollen Bewohner besser vor Hitze schützen. In der Schweiz gibts Nachholbedarf.

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rol
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Nächste Woche wirds in der Schweiz bis zu 35 Grad warm, vor allem Städte werden zu Glutöfen. In Zentren wird es bis zu 10 Grad wärmer als auf dem Land.

Nächste Woche wirds in der Schweiz bis zu 35 Grad warm, vor allem Städte werden zu Glutöfen. In Zentren wird es bis zu 10 Grad wärmer als auf dem Land.

Keystone/Anthony Anex
Die Gründe: Wegen dichter Überbauungen fehlt die Durchlüftung und Verkehr, Industrie sowie Gebäudeoberflächen heizen die Luft zusätzlich auf.

Die Gründe: Wegen dichter Überbauungen fehlt die Durchlüftung und Verkehr, Industrie sowie Gebäudeoberflächen heizen die Luft zusätzlich auf.

Keystone/urs Flueeler
Das Rote Kreuz schlägt Alarm: «Hitzewellen gehören zu den tödlichsten Naturgefahren für Menschen», sagte Francesco Rocca, Präsident der Internationalen Rotkreuz-Bewegung. Sie ruft die Städte weltweit auf, mit diversen Massnahmen die Bevölkerung besser vor der Hitze schützen.

Das Rote Kreuz schlägt Alarm: «Hitzewellen gehören zu den tödlichsten Naturgefahren für Menschen», sagte Francesco Rocca, Präsident der Internationalen Rotkreuz-Bewegung. Sie ruft die Städte weltweit auf, mit diversen Massnahmen die Bevölkerung besser vor der Hitze schützen.

Keystone/Gaetan Bally

Nächste Woche wird es in der Schweiz bis zu 35 Grad warm, vor allem Städte werden zu Glutöfen. In Zentren kann es bis zu 10 Grad wärmer werden als auf dem Land, wie ein Bericht des Bundesamts für Umwelt (Bafu) zeigt. Die Gründe: Wegen dichter Überbauungen fehlt die Durchlüftung. Verkehr, Industrie und Gebäudeoberflächen heizen die Luft zusätzlich auf.

Nun schlägt das Rote Kreuz Alarm und warnt Städte vor den Risiken: «Hitzewellen gehören zu den tödlichsten Naturgefahren für Menschen», sagte Francesco Rocca, Präsident der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (IFRC). Zahlen bestätigen das: Im Hitzesommer 2003 starben in der Schweiz fast tausend Menschen mehr als üblich.

Die IFRC ruft nun die Städte weltweit dazu auf, mit diversen Massnahmen die Bevölkerung besser vor der Hitze zu schützen. 20 Minuten hat die wichtigsten herausgepickt:

Mehr Springbrunnen zum Abkühlen

Springbrunnen oder Wasserspiele auf Plätzen bieten Erfrischung und senken die Lufttemperatur merklich. Eine zehn Meter hohe Wasserfontäne hat im Umkreis von bis zu hundert Metern eine kühlende Wirkung – dazu kommt die Wasserverdunstung. «Die Wirkung ist vor allem lokal, aber der Effekt ist gut», sagt Freiraumplaner Daniel Keller (siehe Interview). Die Wasserspiele auf dem Berner Bundes- oder dem Zürcher Sechseläutenplatz seien vorbildlich. «Noch wichtiger sind aber Trinkbrunnen an stark frequentierten Orten, so kann jeder bei Überhitzung rasch Wasser trinken.» In der Schweiz fliesse in den meisten Brunnen Trinkwasser.

Weisse Häuser wie in Griechenland

Helle Fassaden helfen gegen Hitzestau, das zeigen die weissen Häuser in Griechenland. «Gebäudeoberflächen werden schnell bis zu 60 Grad heiss, kühlen nachts nicht ab und sorgen so für Tropennächte in den Städten», sagt Keller. Viele Gebäude weiss anzustreichen, sieht er aber nur als Notlösung – wenn andere Massnahmen nicht möglich sind. Effizienter seien begrünte Fassaden mit Kletterpflanzen: Mit diesen sinkt die Innentemperatur von Gebäuden laut Bafu um bis zu 1,3 Grad.

Öffentliche Kühlräume

Das Rote Kreuz schlägt gar öffentliche Kühlräume mit Betreuungspersonal vor. Für Keller ist das keine Option in der Schweiz: «Energietechnisch ist das fraglich, denn durch die Kühlung dieser Räume entsteht wieder zusätzliche Wärme.» Zur raschen Abkühlung könne man auch ein klimatisiertes Einkaufszentrum aufsuchen. Besonders in Spitälern sowie Alters- und Pflegeheimen sei es aber wichtig, die Bewohner gezielt über Hitzerisiken zu informieren, zum Trinken zu animieren und bei Neubauten auf eine optimale Wärmedämmung zu achten.

Mehr Bäume und Grünflächen

«Bäume und Grünflächen sind wichtige, natürliche Cool-Spots», so Keller. Sie bieten Schatten, filtern Schadstoffe und ein Baum gibt pro Tag mehrere Hundert Liter Wasser in die Luft ab. Eine Baumallee kann so die Temperatur tagsüber um rund 7 Grad reduzieren. Vor allem bei Trottoirs sowie Fuss- und Velowegen, bei Tram- und Busstationen sollten sie gezielt forciert werden. Keller sieht bei Parkplätzen und ÖV-Arealen grosses Potenzial: «Asphaltflächen oder Schotter-Gleisflächen werden rasch über 50 Grad heiss. Die Begrünung von Bahn- und Tramtrassees hätte grosse Wirkung. Da wäre auch die SBB gefordert.»

Parks und Wälder bieten nicht nur Erholungsraum, sondern produzieren auch Kaltluft. «Grünflächen ab einer Hektare bringen kältere Luftmassen in die Quartiere und kühlen Siedlungsräume so markant», sagt Keller. Die Städte müssten gezielt mehr Grünflächen schaffen. Gutes Beispiel dafür war laut dem Bund die Neugestaltung des Hardauparks in Zürich mit extra angelegten Wiesen und Bäumen. Auch Dachbegrünungen sind Dämmer: Sie bewahren Innenräume vor der Hitze.

Herr Keller*, wie gut schützen Schweizer Städte die Bevölkerung vor Hitzewellen?

Die Grossstädte sind inzwischen sehr sensibilisiert, haben in den letzten Jahren vieles unternommen. Sie haben bei der Siedlungsentwicklung für gute Durchlüftungskorridore gesorgt, bei der Begrünung von Parks vorwärtsgemacht, vermehrt schattenspendende Bäume erstellt oder Trinkbrunnen installiert und Bäche freigelegt. Zudem wurden Gebäude und Plätze häufiger mit Materialien gestaltet, die sich weniger aufheizen. Vorbildlich ist Sitten, die heisseste Stadt der Schweiz, die viele dieser Punkte umgesetzt hat und laufend optimiert. Oder die Stadt Lausanne, die die Begrünung von Wohnflächen finanziell fördert.

Gibts weitere Vorreiter?

Der Kanton Zürich hat eine umfassende Klimaanalyse gemacht, wie man baulich die Risiken von Hitzewellen eindämmen kann. Heisst: Optimale Anordnung von Gebäuden mit idealem Luftaustausch und guter Durchlüftung. Die detaillierten Karten bilden eine wichtige Grundlage für die Stadtplanung. Sie zeigen genau, wo die Hitzeinseln sind und welche Massnahmen nötig sind, diese baulich abzukühlen. Städte und Gemeinden orientieren sich bei Bauten von neuen Siedlungen gerne und immer gezielter an dieser Klimakarte. Basel hat ebenfalls eine solche Analyse gemacht und im Aargau ist sie in Auftrag.

Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Bei mittelgrossen Städten ist der Druck bislang noch nicht so gross. Dort fehlt die letzte Konsequenz bei der Umsetzung. Aber viele politische Vorstösse bezüglich klimagerechten Bauens und hitzeangepasster Siedlungsentwicklungen sind hängig, das erhöht den Druck. Allerdings gibt es auch vielerorts Hürden: so zum Beispiel in Strassen, in denen der Platz für Begrünungen oder Wasser schlicht fehlt.

*Daniel Keller ist Freiraumplaner und Geschäftsführer der Stadtlandschaft GmbH Zürich.

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