Abstimmungen: Städter wollen den Bauern die Massentierhaltung verbieten

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AbstimmungenStädter wollen den Bauern die Massentierhaltung verbieten

Der Abstimmungskampf um das Verbot der Massentierhaltung geht in die heisse Phase. Die Befürworter haben die Nase vorn – vor allem die städtische Bevölkerung will neue Standards. 

von
Daniel Graf
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Die Massentierhaltungsinitiative findet vor allem in den Städten Unterstützerinnen und Unterstützer. 

Die Massentierhaltungsinitiative findet vor allem in den Städten Unterstützerinnen und Unterstützer. 

Jürg Spori
Die Initiative verlangt unter anderem, dass die maximale Gruppengrösse pro Stall reduziert wird. 

Die Initiative verlangt unter anderem, dass die maximale Gruppengrösse pro Stall reduziert wird. 

Jürg Spori
Grünen-Nationalrat Michael Töngi (links) stimmen die Umfrageergebnisse positiv: «Sie zeigen, dass die Würde und das Wohl der Tiere vielen Menschen wichtig sind. Das motiviert für die heisse Phase des Abstimmungskampfs.»

Grünen-Nationalrat Michael Töngi (links) stimmen die Umfrageergebnisse positiv: «Sie zeigen, dass die Würde und das Wohl der Tiere vielen Menschen wichtig sind. Das motiviert für die heisse Phase des Abstimmungskampfs.»

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Am 25. September kommt die Massentierhaltungsinitiative zur Abstimmung. In der ersten Umfragewelle von 20 Minuten und Tamedia wollen 55 Prozent die Vorlage annehmen. 

  • Das stimmt die Befürworter zuversichtlich, während die Gegner überzeugt sind, das Resultat noch drehen zu können. 

  • Die Initiative wird vor allem von Städtern und von Links-Grün befürwortet. 

  • Politologe Daniel Kübler räumt dem Anliegen wenig Chancen ein.

Am 25. September stimmt die Schweiz über die Massentierhaltungsinitiative ab. Hier findest du die wichtigsten Fragen und Antworten zur Massentierhaltungsinitiative. Die ersten Resultate der Abstimmungsumfrage von Tamedia und 20 Minuten zeigen: Knapp zwei Monate vor der Abstimmung würden 55 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer die Initiative annehmen, 43 Prozent lehnten sie ab. Vor allem im städtischen Umfeld geniesst das Anliegen mit 64 Prozent grosse Zustimmung, während auf dem Land nur 48 Prozent ja sagen.

«Initiative ist irreführend»

Christine Bulliard-Marbach, Mitte-Nationalrätin und Co-Präsidentin des Nein-Komitees, lässt sich davon nicht beunruhigen: «Wir stehen erst am Anfang der Abstimmungsdebatte. Die Bevölkerung wird sich in den kommenden Wochen eingehend mit der Vorlage befassen und ich bin mir sicher, dass die Zustimmung sich noch deutlich verändern wird.»

Der Begriff «Massentierhaltung» wecke insbesondere falsche Vorstellungen. «Der Name der Initiative ist schlicht irreführend und hat mit der Realität in der Schweiz nichts zu tun», sagt Bulliard-Marbach. Die einheimische Landwirtschaft basiere auf Familienbetrieben, die Bauern kümmerten sich 365 Tage im Jahr um die Tiere, die ihnen am Herzen lägen. In Einzelfällen möge das Tierwohl zwar Schaden nehmen, räumt Bulliard-Marbach ein. «Doch dann drohen Bussen und scharfe Konsequenzen. Das wird nicht toleriert.»

«Konsumenten können sich schon heute dafür entscheiden»

Die Nationalrätin, die selber Bäuerin ist, gibt auch zu bedenken: «Die höheren Kosten für Bio-Produkte sind für viele Konsumentinnen und Konsumenten ein wesentlicher Faktor, besonders in der aktuellen Situation, wo die Preise in vielen Bereichen steigen.» Trotzdem könne die Schweiz – auch ohne die Initiative – die Lebensqualität der Tiere noch verbessern, etwa bei der Hühnerzucht: «Heute haben 80 Prozent der Hennen Auslauf auf die Weide. Es gibt aber einen kleinen Teil von Tieren, die keinen Auslauf haben. Hier können wir uns noch verbessern.»

Die Gegner wehren sich insbesondere dagegen, dass den Konsumentinnen und Konsumenten die Wahl verboten werden solle: «Die Schweiz hat eines der griffigsten Tierschutzgesetze der Welt. Die von den Initianten geforderten Standards kann man bereits heute kaufen.»

Denkst du, das Schweizer Tierschutzgesetz ist bereits gut genug?

«10 Sauen leben auf der Grösse eines Parkplatzes»

Grünen-Nationalrat Michael Töngi stimmen die Umfrageergebnisse positiv: «Sie zeigen, dass die Würde und das Wohl der Tiere vielen Menschen wichtig sind. Das motiviert für die heisse Phase des Abstimmungskampfs.» Die Gegner hätten dafür zwar mehr Geld. «Doch wir haben die besseren Argumente. Wenn wir den Menschen aufzeigen können, dass ein Masthuhn auch in der Schweiz heute nur ein A4-Papier Platz hat und zehn Säue auf der Grösse eines Parkplatzes leben müssen, können wir noch viele Menschen überzeugen.»

«Strenge Tierschutzgesetze sind kein Argument»

Dass die Schweiz schon heute eines der strengsten Tierschutzgesetze der Welt habe, ist für Töngi ein «Null-Argument»: «Aus unserer Sicht reicht das einfach nicht, zumal die Unterschiede häufig nur minim sind. Wir müssen darüber diskutieren, was für eine Tierhaltung wir in der Schweiz wollen.» Tierfreundlich produziertes Fleisch müsse auch nicht so teuer sein wie heutiges Bio-Fleisch: «Die Grossverteiler streichen da heute grosse Margen ein. Kommt die Initiative durch, kämen diese Preise runter. Zudem müsste der Kunde nicht mehr zwischen diversen verschiedenen Labels wählen, weil er sich sicher sein könnte, dass sämtliches Fleisch, das er kauft, nach tierfreundlichen Richtlinien produziert wurde.»

Töngi wehrt sich dagegen, dass die hohe Zustimmung in den Städten vor allem darauf zurückzuführen sei, dass diese sich mit der Tierhaltung in der Schweiz schlecht auskennten. «Städter sind erfahrungsgemäss tendenziell eher offen für links-grüne Anliegen, während ländliche Regionen bürgerlich dominiert sind. Das ist hier nicht anders und hat mit dem Inhalt der Vorlage wenig zu tun.»

Die Schweiz stimmt am 25. September auch über die AHV-Reform und das Bundesgesetz über die Verrechnungssteuer ab. 

«Ich gebe dem Anliegen wenig Chancen»

Wird die Zustimmung bis zur Abstimmung einbrechen?

Daniel Kübler*: Das ist anzunehmen. Entscheidend wird die Entwicklung bis zur zweiten Welle der Abstimmungsumfrage sein. Es wird aber wohl schwierig.

Das Thema ist emotional. Kann das den Initianten helfen?

Grundsätzlich schon. Doch die Schweizer Tierschutzbestimmungen sind jetzt schon recht umfassend. Das erleichtert es den Gegnern, emotionalen Bildern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die Initianten werben mit Trendthemen wie Klimaschutz, Tierwohl und Gesundheit …

Auch das kann helfen. Doch wir dürfen nicht vergessen: Das CO2-Gesetz und die letzten zwei Agrar-Initiativen wurden auch abgelehnt, obwohl sie Trendthemen bewirtschafteten.

Wieso sind vor allem Städter für die Initiative?

Aus zwei Gründen: Städte stimmen erfahrungsgemäss eher links-grün ab. Dazu kommt, dass die ländliche Bevölkerung eher mit der Landwirtschaft verbunden ist und dadurch etwa von höheren Kosten für den Ausbau der Ställe direkt betroffen wäre.

Daniel Kübler ist Professor für Demokratieforschung an der Uni Zürich.

Daniel Kübler ist Professor für Demokratieforschung an der Uni Zürich.

privat

Die Umfrage

16’341 Personen aus der ganzen Schweiz haben vom 3. bis 4. August an der ersten Welle der Umfrage von 20 Minuten und Tamedia im Vorfeld der eidgenössischen Abstimmungen vom 25. September 2022 teilgenommen. Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit LeeWas durchgeführt. LeeWas modelliert die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,3 Prozentpunkten. 

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