Reportage: Stalking – wenn aus Liebe Wahn wird
Aktualisiert

ReportageStalking – wenn aus Liebe Wahn wird

Nina, 22, wird seit vier Jahren gestalkt. Ihr Peiniger: Ein junger Mann, zu dem sie einmal zu freundlich war.

von
Nuria Furrer
«Als ich ihn da stehen sah, begann mein Herz zu rasen.» (Fotos: Ornella Cacace)

«Als ich ihn da stehen sah, begann mein Herz zu rasen.» (Fotos: Ornella Cacace)

Am Anfang ist sie froh um seine Aufmerksamkeit. Thomas*, 19, geht in die­­selbe Klasse wie Nina*, 18, und ist ein Mathe-Genie. Sie hingegen geht lieber in Clubs, legt als DJ auf, anstatt zu rechnen. Sie bittet Thomas um Hilfe. Einmal im Monat treffen sie sich zum Lernen. Er ist ein Aussenseiter und Nina die Einzige der Klasse, die nett zu ihm ist. Er tut ihr leid, und sie möchte von seinen Mathe-Kenntnissen profitieren. Thomas kopiert ihr die Unterlagen, wenn sie nicht im Unterricht ist, und hält sie mit Mails über den Schulstoff auf dem Laufenden. «Ich dachte mir schon, dass er ein bisschen auf mich steht. Er kam vom Land und hatte wohl noch nie mit einer Städterin zu tun. Er fand mich halt irgendwie cool.» Doch plötzlich beziehen sich die Mails nicht mehr auf die Schule, sondern auf sie selbst. Der Inhalt: Analysen ihrer Person. Sie sei zu offen zu den Menschen und dadurch sehr verletzlich. Zuerst macht sie sich Gedanken über seine Aussagen: «Ich wusste ja nicht, dass er ein Psychopath ist!» Die Mails werden immer länger, häufiger, absurder. Er beobachtet sie. Schreibt ihr am Ende eines Schultags von jedem Gespräch, das sie mit anderen Klassenkameraden führte, interpretiert ihre Gesten. Sie sagt ihm, dass er aufhören soll. Er hört nicht auf.

Die unbeirrbare, über einen längeren Zeitraum andauernde Verfolgung aus Liebe nennt man Stalking. To stalk stammt aus der englischen Jägersprache und bedeutet sich heranpirschen. Manchmal endet die Pirsch blutig: John Lennon wurde von Stalker Mark Chapman erschossen. Als der Amerika­ner Ricardo López, 21, erfuhr, dass die Sängerin Björk heiratet, schoss er sich aus Eifersucht eine Kugel durch den Kopf und filmte die Tat.

Meistens trifft es Frauen

Doch liebestolle Verfolger gibts eben nicht nur in der Welt der Promis. Meistens kennen sich Opfer und Täter persönlich; mit Liebesbeteuerungen verfolgt wer­den Ex-Freundinnen, Schul- und Arbeitskolleginnen oder Nachbarinnen. Gemäss Berliner Kriminalstatistik werden eine von vier Frauen und einer von zehn Männern min­destens einmal im Leben Opfer eines Stalkers. 80 Prozent der Täter sind Männer. Für die Schweiz liegen bis heute keine vergleichbaren Zahlen vor.

Nina geht immer seltener zur Schule, ihre Noten werden schlechter. «Ich fühlte mich unwohl in seiner Gegenwart, eigentlich hätte ich die Klasse wechseln sollen.» Wenn Nina nicht in der Schule ist, schreibt er ihr Mails und SMS, dass er sich Sorgen um sie macht. Sie schickt ihm einen Gesetzesartikel über Nachstellung. Endlich ist die Schule zu Ende, die Matura bestanden. Nina denkt, sie sei ihn los. Drei Wochen hat sie Ruhe.

Doch plötzlich taucht er in einem Club auf, in dem sie an dem Abend als DJ gebucht ist. Die Daten hat er von ihrem Myspace-Profil – das hat sie, damit Fans wissen, wann sie ihren nächsten Auftritt hat. «Als ich ihn da stehen sah, begann mein Herz zu rasen. Ich liess ihn sofort aus dem Club schmeis­sen.» Es schneit, trotzdem wartet er drei Stunden auf sie, nur um zuzusehen, wie sie ins Taxi steigt.

Am nächsten Tag schreibt er ihr wieder ein Mail: «Es tut mir leid, dass ich dich dort besucht habe. Ich habe gedacht, du würdest dich freuen. Ich habe mir ernsthaft Sorgen um dich gemacht. Ich finde, dass es mir durchaus zusteht, dich in der Bar aufzusuchen und nach dir zu sehen. Das ist nicht krank, sondern das Verhalten eines Gentleman.»

Bald erscheint er an einer anderen Party, wo Nina auflegt. Ihr Freund bittet ihn, die Party zu verlassen. Darauf meint Thomas: «Sie soll mir selber sagen, dass ich gehen soll. Du bist so­wieso nicht ihr Freund, du passt überhaupt nicht zu ihr.» Er schreibt Nina weiterhin Mails und SMS, wirft ihr vor, dass sie sich nicht bei ihm meldet. Dann entschuldigt er sich wieder und interpretiert ihre abweisende Art: «Ich weiss, du hast im Moment Stress.» Oder: «Ich weiss, dir geht es im Moment nicht gut.» Er fragt sie, ob sie ihn heiraten will, warum sie ihr Parfum gewechselt hat. Jedes Lied, das Nina auf Myspace postet, deutet er als Antwort auf seine Nachrichten.

«Stalking ist kein Verbrechen aus Begehren oder Liebe. Es geht dem Stalker um Aufmerksamkeit, Kontrolle und Macht», schreibt Susanne Schumacher in ihrem Buch «Lie­beswahn». Einsamkeit oder gestörte Familienverhältnisse unterstützen die Her­aus­bildung von Stalker-Persönlichkeiten. «Gefährlich ist, dass Stalker alles so drehen, wie sie es hören oder sehen möchten. Ein Nein des Opfers wird für den Täter zu einem Ja», so Schumacher.

Was kann man machen, wenn man gestalkt wird? Nicht viel: In der Schweiz gibt es kein Anti-Stalking-Gesetz. Die Poli­zei kann zwar ein Kontaktverbot erteilen. Dieses gilt 14 Tage und kann auf 3 Monate verlängert werden. Dafür muss das Opfer aber Beweise sammeln: Mails, SMS, Voicemail-Nachrichten.

Eines Tages steht er vor ihrer Tür. Seit der ersten Begegnung mit Thomas sind zwei Jahre vergangen: «Ich hatte den Schock meines Lebens.» Zum Glück ist es ihr Freund, der nichts ahnend die Tür aufmacht. Nina ruft sofort die Polizei, ihr Freund hält Thomas hin. «Das war kein Problem, er wollte ja eh nicht gehen, bevor er mich gesehen hatte.» Nina traut sich nicht aus ihrer Wohnung, bis die Polizei eintrifft. Sie gibt der Polizei Beweismaterial, Mails und Auszüge aus einem Blog, den er extra für sie geschrieben hat. Mit Fotos aus ihrer Nachbarschaft und Nachrichten an sie: «Ich bin dankbar für alles, was zwischen uns ist. Aber ich glaube, dass es uns beiden guttun würde, würden wir uns wieder einmal in echt sehen.» Die Polizei nimmt ihn mit und erteilt ein Kontaktverbot für 14 Tage. Die nächsten drei Monate hört sie nichts.

Alle Fenster sind abgeklebt

Nina gehts trotzdem dreckig. «Schon das Gefühl oder Wissen, dauernd belauert zu werden, ist sehr belastend», schreibt Ex­pertin Susanne Schumacher. Nina fürchtet das Telefonklingeln, meidet bestimmte Orte und geht mit einem mulmigen Gefühl aus dem Haus. Wenn sie an ihren Stalker denkt, kriegt sie Herzrasen. Wo am Anfang noch Mitleid war, sind jetzt nur noch Hass und Angst. In ihrer Parterrewohnung hat sie die Fenster abgeklebt, damit er nicht reinschauen kann. «Ich habe permanent das Gefühl, ich werde verfolgt. Im Sommer ziehe ich keine kurzen Röcke an. Lieber trage ich eine grosse Sonnenbrille und einen weiten Mantel, um mich möglichst unattraktiv zu machen.»

Mittlerweile ist Nina in psychologischer Behandlung. Seit vier Jahren wird sie gestalkt. Und seit einem halben Jahr taucht Thomas wieder vor ihrer Wohnung auf, lungert an der Tramhaltestelle in ihrer Nähe herum. Im Moment schreibt er ihr nicht mehr. «Ich frage mich ständig: Warum ich? War ich zu nett zu ihm?» Nina möchte eine Beratung bei der Polizei in Anspruch nehmen. Bis jetzt hat sie das nicht gemacht. Sie erklärt: «Jedes Mal, wenn er wieder für eine Zeit aufhört, denke ich: Jetzt ist es endlich vorbei.» Auch ihre Mail-Adresse und ihre Telefonnummer hat sie nicht geändert: «Ich kann doch nicht wegen ihm mein Leben umkrempeln, es ist mein Leben!»

Wie kann man sich gegen Stalking wehren?

Die Beratungsstelle der Stadt­polizei Zürich für Stalkingopfer gibt es seit sechs Jahren. Monatlich werden acht bis zehn Beratungen durchgeführt. Weil es in der Schweiz kein Anti-Stalking-Gesetz gibt, sind solche Stellen wichtig.Berater Armin Schönenberger weiss, mit welchen Massnahmen sich Stalking-Opfer schützen können.

Friday: Armin Schönenberger, wann liegt Stalking vor?

Armin Schönenberger: Wenn eine Person wiederkehrenden, masslosen Belästigungen ausgesetzt ist, die das Leben sehr stark beeinflussen und belasten.

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn ein Opfer genötigt wird, etwas zu tun oder zu unterlassen. Etwa die Telefonnummer oder den Wohnort zu wechseln.

Das muss aber ganz klar belegt werden.

Wann ist eine Beratung sinnvoll?

Bereits wenn die telefonische Belästigung beginnt. Das heisst, wenn sich jemand mehrmals täglich bei einer Person meldet, ohne dass diese das will. Je früher sich der Gestalkte meldet, desto besser. Mithilfe des Gesprächs können wir abwägen, ob eine Anzeige sinnvoll ist und wie man vorgehen kann.

Was können Sie tun?

Wir raten den Opfern, Beweise zu sammeln, damit wir ein Kontaktverbot erreichen können. Das heisst, SMS und E-Mails zu sammeln und genau zu datieren. Ein sogenanntes Stalking-Tagebuch erleichtert die Arbeit der Polizei sehr. In der Schweiz gibt es kein Anti-Stalking-Gesetz. Aber oft hilft es schon, wenn sich die Polizei wegen der gemachten Anzeige bei einem Täter meldet und ihm ein Kontaktverbot erteilt.

In schweren Fällen können wir den Täter einsperren.

Wie kann man sich ohne Beratung gegen Stalking wehren?

Wichtig ist, dem Stalker einmal unmissverständlich zu erklären, dass eine Kontaktaufnahme nicht erwünscht ist, und dann konsequent jegliche Kontaktangebote zu ignorieren. Wichtig ist auch, Freunde und Kollegen über die Belästigung aufzuklären. Sonst kann es passieren, dass man die Nummer wechselt und der Stalker einen Kollegen nach der neuen Nummer fragt.

Dieser gibt sie vielleicht unwissend heraus.

Warum holen sich viele Opfer keine Hilfe?

Oft sind sich die Betroffenen gar nicht bewusst, dass es sich um einen Stalking-Fall handelt. Viele schämen sich auch oder halten sich selber für schuldig, weil sie nett zu der Person waren.

Fördern soziale Netzwerke das Stalking?

Auf Facebook oder My­space gibt man unter Umständen vieles von sich preis. Das öffnet Tür und Tor für vor allem jugendliche Straftäter. Bei Erwachsenen ist das aber weniger der Fall. Da geht es häufiger um Drohungen, dass intime Sachen wie Fotos oder Filme, die während einer Beziehung gemacht wurden, im Internet veröffentlicht werden.

* Alle Namen geändert.

So schützt du dich auf Facebook vor Stalkern

• Stelle dein Profil auf «Privat».

• Mach Listen: Best Friends, Never und Sometimes. Dann kannst du auch bestimmen, wer was von dir sehen darf, und wirst nicht von Leuten angechattet, die dich eigentlich gar nicht interessieren.

• Zeige dich nie im Bikini! Das ist sowieso peinlich.

• Gib nicht zu viel preis. Deine richtigen Freunde kennen deine Telefonnummer sowieso.

• Es müssen nicht immer alle wissen, an welcher Party du am Abend warst. Sag es deinen Freunden per SMS.

• Zeig auf deinem Profilbild nur deinen Kopf – der ist auch ohne Körper schön genug.

• Facebook behält deine Infos, auch wenn du dein Profil löschst. So killst du Facebook ganz: seppukoo.com

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