25.07.2020 09:38

Pufferzonen gefordert

Stand-up-Paddler treiben Vögel in die Flucht

Viele Stand-up-Paddler dringen bei ihren Touren auf Schweizer Seen in Naturschutzzonen ein. Vögel leiden besonders darunter, warnt Bird Life Schweiz.

von
Joel Probst
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Stand-up-Paddling erfreut sich in der Schweiz grosser Beliebtheit.

Stand-up-Paddling erfreut sich in der Schweiz grosser Beliebtheit.

KEYSTONE
Doch darunter leiden die Vögel.

Doch darunter leiden die Vögel.

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«Schon ein einziger Stand-up-Paddler kann Tausende Vögel aufscheuchen», sagt ein Vogelexperte.

«Schon ein einziger Stand-up-Paddler kann Tausende Vögel aufscheuchen», sagt ein Vogelexperte.

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Darum gehts

  • Stand-up-Paddling boomt, doch viele halten sich nicht an die Regeln.
  • Stand-up-Paddler scheuchen Vögel auf, was deren Bruterfolg beeinträchtigen kann.
  • Der Vogelschutz fordert deshalb Pufferzonen von bis zu einem Kilometer.
  • Dem Kanuverband geht das zu weit.

Stand-up-Paddling boomt, doch die Schweizer Wasservögel leiden darunter. Laut dem Schweizer Vogelschutz Bird Life erschrecken sich die Vögel schon ob der Anwesenheit der Stand-up-Paddler und flüchten. Die Organisation sieht deshalb Handlungsbedarf: «Es braucht Pufferzonen zum Schutz der Vögel», sagt Geschäftsführer Werner Müller.

Nun fordert Bird Life Schweiz die Stehpaddler auf, einen Abstand von einem Kilometer zu grösseren Vogelansammlungen – vor allem im Winter – zu respektieren. Bei Naturschutzgebieten sollten Paddler einen Abstand von 500 Metern einhalten, von Schilfgürteln einen von mindestens 100 Metern, so Müller. «Die bestehenden Schutzzonen sind knapp bemessen, weil man damals nicht mit einem solchen Paddleboard-Boom gerechnet hat. Deshalb wäre die Einhaltung der genannten Regeln wichtig.»

Auch Wasservogelexperte Stefan Werner von der Vogelwarte Sempach warnt: «Mit den Tausenden von verkauften Paddleboards ist die Anzahl der Menschen auf den Seen massiv gestiegen. Damit haben auch die Störungen von Wasservögeln drastisch zugenommen.» Stand-Up-Paddler wirkten auf Vögel noch viel beängstigender als etwa Kanufahrer, sagt Werner: «Die Vögel sind sich nicht gewohnt, die Silhouette eines Menschen auf dem Wasser stehen zu sehen.»

«Paddler realisieren nicht, dass Vögel fliehen»

«Schon ein einziger Stand-up-Paddler kann tausende Vögel aufscheuchen», so Werner. Die Vögel könnten bereits flüchten, wenn der Paddler noch über einen Kilometer weit weg sei. Besonders für Jungtiere ist das gefährlich: «Verlassen die Vogeleltern in der Panik ihre Jungen, überleben sie kaum alleine.» Die hilflosen Jungtiere würden dann häufig von anderen Tieren gefressen. Dadurch sei der Vogelbestand in Gefahr.

Vor allem Anfänger wüssten nicht, wie sie sich auf dem See verhalten sollten, sagt Werner. «Sie suchen oft noch die Nähe zum Ufer. Dann bewegen sie sich zu nahe an Schilfgürteln und verscheuchen Vögel.» Aber auch Stand-Up-Paddler, die in Schutzzonen eindringen, sind laut Werner ein häufiges Übel: «Dort sind Störungen umso gravierender, weil das für Vögel Rückzugsräume sind.» Die Mehrheit der Paddler wisse es einfach nicht besser: «Nicht alle Zonen sind markiert und meistens sind Sie von der Seeseite her schlecht beschildert», so der Wasservogelexperte. Doch: «Es gibt auch schwarze Schafe, die gezielt in Schutzgebiete fahren, weil es dort ruhiger ist.»

«Man muss über Verbote nachdenken»

Die Unwissenheit habe auch damit zu tun, dass sich jeder ein Paddleboard zulegen kann. «Man kann sofort und ohne Instruktion loslegen. Der Grossteil der Stand-up-Paddler paddelt einfach los, ohne sich über die Regeln zu informieren.» Die Vogelwarte Sempach habe deshalb Info-Flyer drucken lassen, die Händler beim Kauf eines Paddleboards abgeben können. Man wolle auf Selbstverantwortung setzen. «In besonders kritischen Gebieten muss man aber über Verbote nachdenken.»

Man solle Stand-up-Paddling nicht verteufeln, sagt hingegen Annalena Kuttenberger, die Geschäftsführerin des Schweizer Kanu-Verbands, der auch die Interessen der Stand-up-Paddler vertritt. «Stand-up-Paddler sind per se naturliebend. Dass manchmal zu nahe an Schilfgürteln oder in Schutzzonen gepaddelt wird, ist ein Problem der Sensibilisierung.» Vor allem die grosse Masse, die ihr Board beim Grossverteiler kaufe, sei schlecht informiert. Daran müsse man mit Kampagnen arbeiten.

«Kann See nicht für Sportler sperren»

Starre Distanzvorschriften schränkten Stand-up-Paddler aber zu stark ein: «Es kann nicht sein, dass schliesslich der ganze See für Wassersport gesperrt ist. Diese grossen Pufferzonen sind nicht praktikabel und schaffen höchstens Verwirrung.» Es sei extrem schwierig, auf einem See Distanzen einzuschätzen. «Man hat auf dem Wasser kaum Orientierungspunkte, geschweige denn kann man einen Vogelschwarm auf einen Kilometer Entfernung erkennen.»

Hundert Meter weg vom Schilf zu paddeln, sei sogar ein Sicherheitsrisiko, sagt Kuttenberger. «So weit sollte man sich auf einem Board nicht vom Ufer entfernen. Gerade weil die meisten Paddler leider keine Schwimmweste dabei haben.» Mitten auf dem See sei man schnell ausgelaugt und könne in gefährliche Situationen kommen – gerade bei sommerlichen Temperaturen.

Verhaltensempfehlungen

So sollen sich Stand-up-Paddler verhalten

Das empfehlen die Vogelwarte Sempach und der Kanu-Verband:

Orte mit wenig Störpotenzial auswählen:
- Offene Wasserflächen, wenn keine Wasservogeltrupps zu sehen sind.
- Siedlungsbereiche und Gebiete mit Uferverbauungen.

Rücksichtsvoll paddeln:
- Nicht direkt auf Vögel zusteuern und diese nicht verfolgen.
- Nicht durch Ufervegetation ans Gewässer gelangen. Öffentliche Ein- und Auswasserungsstellen sowie Rastplätze nutzen.
- Abstand vergrössern, wenn Vögel eine Reaktion zeigen (z. B. wegschwimmen).
- Nicht nachts paddeln. Wasservögel sind auch dann empfindlich.

Sensible Gebiete meiden:
- Vor ausgedehnten Schilfgürteln. Hier leben insbesondere im Frühling und Sommer störungsanfällige Vögel, die bereits auf grosse Distanz empfindlich reagieren.
- Im Sichtbereich von Wasservogeltrupps. Wenn ein erster Vogel flieht, fliegt oft der ganze Schwarm auf.
- Kiesinseln und Aufschüttungen. Sie dienen störungsempfindlichen Vögeln als Brut- und Rastplatz.
- Mündungsbereiche von Fliessgewässern. In Hitzeperioden sind sie oft der letzte kühle Rückzugsort für Fische.

Paddeln unterlassen:
- In Naturschutzgebieten sowie deren Umgebung. Meist sind die Gebiete mit gelben Bojen oder Schildern markiert.
- In Wasser- und Zugvogelreservaten und deren Umgebung. Hier brüten, rasten und überwintern gefährdete Vogelarten.
- Bestände von Wasserpflanzen wie Schilf, Binsen und Seerosen dürfen nicht befahren werden.

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95 Kommentare
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Res

25.07.2020, 11:49

Muss eigentlich der Mensch alles sofort haben und ausführen? Wir richten alles zu Grunde!!

Klaus

25.07.2020, 11:47

Hier sieht man gut wie wenig Ahnung die Menschen von den Tieren haben, lärm ist für sie Tiere längstens nicht das grösste Problem, wenn man in ihr Revier eindringt ist das meisten ein viel grösseres Problem als Lärm. Mit Lärm lernen Tiere umzugehen, aber ihr Revier ihre Schutzzohne in der sie sich sicher fühlen bleibt.

Frau

25.07.2020, 11:35

Die Menschen müssen immer überall Sein. Zuerst bauen Städte weil wollten sich von Natur schützen, jetzt wollen alle zurück in Natur. Arme Tiere, kein Platz mehr nur für sich.