Aktualisiert 07.01.2008 10:14

Stanley Van Tha frei und zurück in der Schweiz

Der von der Schweiz 2004 nach Burma ausgeschaffte und dort zu 19 Jahren Gefängnis verurteilte Stanley Van Tha ist am Samstagmorgen überraschend auf dem Flughafen Zürich-Kloten eingetroffen.

Van Tha treffe seine in der Schweiz lebende Familie, teilte das Bundesamt für Migration (BFM) am Samstag mit. Die Burma-Expertin und Filmemacherin Irene Marty, die den Fall seit Jahren kennt und einen Dokumentarfilm darüber gedreht hat, sagte der Nachrichtenagentur SDA, Van Tha sei extrem abgemagert, ansonsten aber guter Dinge.

Sein fünfjähriger Sohn habe den Vater nicht erkannt, sei dieser doch ausgeschafft worden, als das Kind neun Monate alt war. Van Tha musste gemäss Marty über Indien ausreisen und gelangte von dort aus in die Schweiz.

Jean-Philippe Jeannerat, Sprecher des eidgenössischen Departaments für auswärtige Angelegenheiten (EDA), erklärte, Schweizer Vertreter hätten seit 2004 mehrere Male «auf hoher Ebene interveniert», das letzte Mal im Herbst.

Seit Mitte November frei

Van Tha sei schliesslich am 15. November freigelassen worden. Im Interesse des Freigelassenen hätten EDA und BFM dies vorerst nicht kommuniziert. Ob die intensiven Interventionen letztlich zur Freilassung führten, liess Jeannerat offen.

Möglicherweise habe auch der seit den Unruhen vom September gewachsene internationale Druck einen Einfluss gehabt. Burma habe seither mehrere Gefangene freigelassen.

Marty sagte, Van Tha sei eines Morgens mit sechs anderen politischen Häftlingen «vor die Tür gesetzt» worden. Alle seien gesundheitlich angeschlagen gewesen. Sie vermutet, dass die Junta einige unbedeutendere Häftlinge freiliess - als Geste gegenüber der Weltöffentlichkeit.

BFM-Sprecher Jonas Montani erklärte der SDA, Van Tha werde von dem Bundesamt nun zu einem Gespräch geladen. Es sei davon auszugehen, dass er in der Schweiz bleiben könne.

In Rangun den Behörden übergeben

Van Thas Geschichte sorgte für grosses Aufsehen: 2003 wurde sein Asylgesuch sowohl vom BFM als auch von der Asylrekurskommission abgelehnt. Seine Asylgründe wurden als nicht glaubhaft eingestuft. Mitte April 2004 schaffte ihn die Schweiz in die Militärdiktatur Burma aus - geknebelt und auf einen Rollstuhl gefesselt.

Drei Schweizer Polizisten übergaben ihn am Flughafen von Rangun unverzüglich Vertretern des Militärregimes. Im Flughafengefängnis musste Van Tha drei Tage lang mit einer Kapuze über den Kopf stehen und wurde verprügelt, wie Marty berichtete. Dann wurde er ins berüchtigte Insein-Gefängnis überstellt. Dort habe er sein in einem summarischen Verfahren und ohne Prozess gefälltes Urteil erhalten.

19 Jahre Gefängnis

Van Tha wurde zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt. Gemäss Mitteilung des BFM lautete das Urteil auf «Gefährdung der Sicherheit und des Friedens des Landes sowie Fälschung von Stempeln im Pass und illegale Einreise».

Wie Montani erklärte, hatten die Schweizer Behörden diese Reaktion des Regimes zum Ausschaffungszeitpunkt nicht erwartet und die Rückschaffung als zumutbar erachtet. Van Tha sei seit 1996 der erste nach Burma zurückgeschaffte Asylbewerber gewesen. Der damalige Justizminister Christoph Blocher habe die Inhaftierung bedauert. (sda)

Die brutale Militärherrschaft

Wie brutal die Militärjunta in Burma gegen die Bürger des Landes vorgeht, hat sich zuletzt im vergangenen September gezeigt. Damals gingen hunderttausende Bürger und Mönche nach schmerzhaften Preiserhöhungen verzweifelt auf die Strasse.

Die Proteste hielten an - das Militär setzte erst Tränengas und dann Gewehre ein. 15 Menschen kamen laut dem Regime ums Leben. Menschenrechtsgruppen gehen eher von 200 Toten aus. Zahllose Menschen wurden verhaftet.

Die Massenproteste waren die grössten seit fast 20 Jahren. Sie richteten sich gegen die Militärdiktatur, die vor 45 Jahren in einem Putsch die Macht übernahm.

Burma war bis 1948 eine britische Kolonie. Mit der Unabhängigkeit stürzte der Vielvölkerstaat in politisches Chaos, das den Militärs den Weg für die Machtübernahme 1962 ebnete. Die bislang umfangreichsten Proteste gegen das Regime schlug die Armee 1988 gewaltsam nieder. Bis zu 3000 Demonstranten wurden getötet.

Prominentestes Opfer der Militärdiktatur des Landes ist die 62-jährige Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Sie führt die oppositionelle Nationale Liga für Demokratie, die bei den ersten freien Wahlen im Jahr 1990 eine klare Mehrheit gewann.

Die Regierung erkannte den Wahlsieg nicht an. Suu Kyi hat seither elf Jahre entweder in Haft oder unter Hausarrest verbracht.

Das ehemals wohlhabende und rohstoffreiche Burma ist nach Jahrzehnten unter Militärdiktatur eines der ärmsten Länder der Welt. Wegen Menschenrechtsverletzungen ist Burma im Westen politisch weitgehend isoliert.

(sda)

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