04.06.2020 02:57

Mitten in Zürich

Arztpraxis stellt Patientendossiers als Altpapier an Strasse

Vor einer Zürcher Arztpraxis lagen grosse Stapel vertraulicher Patientenakten – als Altpapier gebündelt. Laut dem Praxisleiter handelt es sich um ein Versehen.

von
Daniel Graf
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Vor einer Zürcher Arztpraxis stapelte sich in der Nacht auf Mittwoch das Altpapier.

Vor einer Zürcher Arztpraxis stapelte sich in der Nacht auf Mittwoch das Altpapier.

Leser-Reporter
Darunter befanden sich jedoch nicht bloss Zeitschriften und Couverts: Ein Leser-Reporter hielt fest, dass unzählige vertrauliche Patientendokumente in den Stapeln waren.

Darunter befanden sich jedoch nicht bloss Zeitschriften und Couverts: Ein Leser-Reporter hielt fest, dass unzählige vertrauliche Patientendokumente in den Stapeln waren.

So etwa Zusammenfassungen von Krankheitsgeschichten, …

So etwa Zusammenfassungen von Krankheitsgeschichten, …

Darum gehts

  • Vor einer Zürcher Arztpraxis stapelten sich vertrauliche Dokumente – jeder konnte sie einsehen.
  • Zwischen Zeitschriften und anderem Altpapier fand ein Leser-Reporter diverse Patientenakten, darin etwa psychiatrische Gutachten oder detaillierte Krankheitsverläufe.
  • Der Praxisleiter räumt «einen riesigen Fehler» ein.
  • Bei Verletzung des Berufsgeheimnisses drohen bis zu drei Jahre Haft.
  • Eigentlich hätten die Dokumente im Schredder landen sollen.

Patienten vertrauen darauf, dass ihre Ärzte sämtliche Daten vertraulich behandeln. Dafür sorgt das Berufsgeheimnis. Damit nahm es eine Zürcher Arztpraxis aber offenbar nicht so genau: In der Nacht auf Mittwoch türmten sich vor der Praxis Dokumentenstapel auf dem Trottoir. Darunter Operationsberichte, psychiatrische Gutachten, Krankheitsverläufe und diverse weitere vertrauliche Dokumente. Ein Leser-Reporter entdeckte sie.

Der Leiter der Praxis gibt gegenüber 20 Minuten zu, dass ihm «ein riesiger Fehler» unterlaufen sei: «Die Akten standen in einem Zimmer, welches künftig von einem Berufskollegen genutzt wird. Deshalb wurde es etwas hektisch, und ich gab meinen Mitarbeitern den Auftrag, die Akten zu entsorgen.»

«Wollten die Dokumente eigentlich schreddern»

Geplant sei gewesen, die Dokumente zu scannen und dann zu schreddern. Auch sollten lediglich sogenannte Verlaufsblätter entsorgt werden, die wenig Rückschluss über die Patienten und deren Krankheitsgeschichte zulassen. «Wie Operationsberichte, Gutachten und weitere sensible Daten in diese Stapel gelangen konnten, ist mir völlig schleierhaft», sagt der Leiter der Praxis.

Der Fehler sei schnell erkannt und behoben worden: «Wir wurden am Mittwochmorgen darauf aufmerksam gemacht, dass die Papierabfuhr erst in einer Woche ist. Sofort haben wir alle Akten wieder von der Strasse geholt. Wir gehen nicht davon aus, dass jemand in den Akten geblättert oder Akten entwendet hat», sagt der Arzt.

«Datenverlust wiegt schwer»

Laut Hugo Wyler, Sprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten, hat eine Arztpraxis dafür zu sorgen, dass die Patientendaten sicher aufbewahrt oder vernichtet werden. «Dies ist in diesem Fall offensichtlich nicht geschehen, was besonders schwer wiegt, weil es sich bei Gesundheitsdaten um besonders schützenswerte Daten handelt.» Wyler sagt, die Arztpraxis müsste die Betroffenen «unverzüglich über den Datenverlust informieren».

Schreddert ein Arzt sensible Daten vor der Entsorgung über die Altpapiersammlung nicht und gewährt so Dritten Einsicht, kann er laut Jurist David Eschle von der Uni Zürich gegen das Berufsgeheimnis verstossen. Die Strafverfolgungsbehörden würden aber nur aktiv, wenn ein betroffener Patient einen Strafantrag stellt (siehe Interview). Zuständig für die Aufsicht über die Ärzte ist die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich. Dort heisst es auf Anfrage: «Die gesetzliche Grundlage ist völlig klar, allerdings ist uns kein vergleichbarer Fall bekannt.» Welche aufsichtsrechtlichen Konsequenzen ein solches Fehlverhalten nach sich ziehen würde, wäre laut Sprecher Marcel Odermatt im konkreten Fall zu prüfen.

«So etwas darf nie wieder vorkommen»

Der Praxisleiter, dem der Fehler unterlaufen ist, will aus dem Vorfall seine Lehren ziehen: «So etwas darf nie wieder vorkommen. Ich werde mir meine Mitarbeiter noch einmal zur Brust nehmen, das Patientengeheimnis ist uns extrem wichtig.» Sollte sich so ein Fehler aufgrund einer fahrlässigen Handlung eines Mitarbeiters doch wiederholen, müsste dieser mit der sofortigen Entlassung rechnen.

3 Fragen an David Eschle*

«Klarer Fall von Verletzung des Berufsgeheimnisses»

Herr Eschle, Sie sind Jurist. Wie beurteilen Sie den Fall?

Ärzte unterliegen dem Berufsgeheimnis und sind verpflichtet, die Geheimnisse ihrer Patienten nicht zu offenbaren. Bereits bei der Aufbewahrung von Akten ist Vorsicht geboten: Wenn ein Arzt beispielsweise eine Patientenakte auf dem Schreibtisch liegen lässt und ein anderer Patient sein Büro betritt, kann dies unter Umständen schon eine Verletzung des Berufsgeheimnisses darstellen. Wenn stapelweise Patientenakten auf dem Trottoir liegen, ist der Fall klar.

Untersucht die Staatsanwaltschaft solche Fälle von Amtes wegen?

Nein. Es handelt sich hierbei um ein sogenanntes Antragsdelikt: Die Staatsanwaltschaft muss – im Vergleich etwa zur Verletzung des Amtsgeheimnisses – nicht von sich aus aktiv werden, sondern erst, wenn ein Patient Strafantrag stellt, dessen Akten für Dritte einsehbar waren.

Welche Strafen drohen?

Dass jemand zufällig etwas einsieht und der Patient davon Wind erhält und einen Strafantrag stellt, ist nicht sonderlich realistisch. Verurteilungen wegen einer Verletzung des Berufsgeheimnisses sind deshalb äusserst selten. Über die letzten 15 Jahre waren es in der ganzen Schweiz lediglich etwa vier pro Jahr. Die Strafe kann bis zu drei Jahre Haft oder Geldstrafe betragen.

*David Eschle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl des Strafrechtsprofessors Marc Thommen an der Universität Zürich.

*David Eschle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl des Strafrechtsprofessors Marc Thommen an der Universität Zürich.

ZVG

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80 Kommentare
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Dude

04.06.2020, 06:53

Anscheinend hat da einer nichts besseres zu tun, als altpapier zu durchwühlen.

RuediO

04.06.2020, 06:46

"Wie Operationsberichte, Gutachten und weitere sensible Daten in diese Stapel gelangen konnten, ist mir völlig schleierhaft" ... Mitarbeiter im Wiederholungsfall sofort entlassen? So, wie es ausschaut, müsste dieser schleierhafte Praxisleiter sofort entlassen werden, jetzt: ungenauer Auftrag, keine Kontrolle. "The bucket stops here" meinte Harry Truman. Heisst: der Boss trägt letztlich die Verantwortung. Im Daily Mail hätte man auch erfahren, um welche Praxis es sich handelt, mit Fotos.

Nick b.

04.06.2020, 06:41

ich traue schon längst keinem Arzt mehr. wenn möglich meide ich sie.