Negativzinsen: Star-Ökonom fordert Abschaffung des Bargelds

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NegativzinsenStar-Ökonom fordert Abschaffung des Bargelds

Was würde passieren, wenn Schweizer Banken Negativzinsen an Kleinsparer weitergeben? Sie könnten Geld zu Hause horten. Ein Ökonom denkt daher übers Abschaffen des Bargeldes nach.

von
K. Wolfensberger

SNB-Chef Thomas Jordan ist mit den in der Schweiz geltenden Negativzinsen zufrieden. Er nutzte in den letzten Tagen verschiedene Gelegenheiten, um den Erfolg seiner Massnahme im Kampf gegen die Frankenaufwertung zu betonen. Eingeführt hatte die SNB den Negativzins im Januar. Seither müssen alle Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter, die bei der Nationalbank grosse Geldbeträge lagern, dafür einen Strafzins von minus 0,75 bezahlen.

Die Idee: Banken sollen Geld lieber als Kredit an Firmen weitergeben, anstatt es bei der SNB zu lagern. Zudem sollen Negativzinsen ausländische Investoren davon abschrecken, ihr Geld in der Schweiz zu parkieren. Ziel von Jordan ist, um jeden Preis eine erneute Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro verhindern. Der hiesigen Industrie kommt dies zu Gute. Ein Ende der Massnahme ist daher nicht in Sicht. Im Gegenteil. Letzte Woche bekräftigte der Nationalbank-Chef seinen Willen, an den Negativzinsen festzuhalten und zeigte sich mit ihrer Wirkung sehr zufrieden.

Nur Alternative Bank gab Negativzins weiter

Für Kleinsparer hatte die Massnahme bisher glücklicherweise kaum Konsequenzen. Denn die Geschäftsbanken haben die Negativzinsen bisher nicht an sie weitergegeben. Wer sein Geld auf dem Bankkonto belässt, erhält somit weiterhin einen tiefen Zins, wenn auch die Gebühren einen grossen Teil davon auffressen. Einzige Ausnahme ist die Alternative Bank Schweiz (ABS), bei der bereits für Guthaben bis zu 100 000 Franken negative Zinsen in Höhe von 0,125 Prozent auf dem sogenannten Alltagskonto fällig werden.

Was wäre, wenn mehr Banken die Negativzinsen an ihre Kunden weitergeben würden? Dies mag zwar ein eher unrealistisches Schreckensszenario sein, trotzdem hat sich der Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff damit auseinandergesetzt. Seine Vermutung: In einem solchen Fall würden viele Personen spontan mit einem Abzug ihres Vermögens reagieren und es als Bargeld zuhause unter dem Kopfkissen horten. Dies würde den eigentlichen Sinn der Negativzinsen aushebeln – jene zu bestrafen, die ihr Geld nicht ausgeben oder investieren.

Das Geld einfach abschaffen

Im Moment ist eine solche Flucht ins Bargeld laut der SNB in der Schweiz nicht festzustellen. Würde sie eintreten, gäbe es laut Rogoff aber eine einfache Lösung, die Leute von der Geldhortung abzuhalten: durch die Abschaffung des Bargelds. Die Aufbewahrung zuhause wäre dann unmöglich. Ein positiver Nebeneffekt wäre ausserdem, dass Kriminellen die Machenschaften erschwert würden. Denn Verbrecher profitieren laut «Economist» von der Anonymität des Bargelds.

Nicht begeistert von dieser Idee ist Hans Geiger. Der Zürcher ist emeritierter Professor für Finanzen an der Uni Zürich. Zu 20 Minuten sagt er: «Der Hauptvorteil des Bargelds ist und bleibt seine Anonymität.» Natürlich würden auch Kriminelle von dieser Eigenschaft profitieren. Doch weder der Missbrauch durch Verbrecher noch die Umgehung von Negativzinsen seien eine Rechtfertigung dafür, unbescholtenen Bürgern die Möglichkeit zu nehmen, anonym mit Bargeld zu bezahlen. «Wofür ich mein Geld ausgebe, geht nur mich etwas an», so Geiger.

Geschäfte müssen nur Bargeld akzeptieren

Entsprechend ist Geiger zufrieden mit der aktuellen Gesetzeslage in der Schweiz. Diese besagt: Die einzige Form der Bezahlung, die Unternehmen hierzulande akzeptieren müssen, ist Bargeld. Noch heute gilt daher in vielen kleinen Geschäften: Cash only.

Das Ende des Bargelds

Noch vor wenigen Jahren wäre die Forderung nach einem Ende des Bargelds als unmöglich verworfen worden. Doch dies ändert sich zurzeit. Ob mit der Handy-App, der Kreditkarte oder ab Januar 2016 mit der Swatch-Uhr: Die Möglichkeiten zum bargeldlosen Bezahlen nehmen ständig zu. In Schweden gehören sie schon stark zum Alltag. Viele Geschäfte akzeptieren oder der öffentliche Verkehr akzeptieren dort nur Kreditkarten und Handy-Apps. Im Nachbarland Dänemark ist es ähnlich. Dort verfolgt der Staat mit einem Gesetz das Ziel Nötli und Münzen ab 2016 de facto abzuschaffen. Restaurants oder Tankstellen sollen dann nicht mehr verpflichtet sein, Bargeld zu akzeptieren. (kwo)

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