Aktualisiert 31.05.2011 11:04

Verteidiger Schwenn

Staranwalt attackiert die Richter

Sein Mandant wurde freigesprochen, doch Kachelmanns Anwalt zog nach dem Urteil in äusserster Schärfe über die Richter her. Beobachter sehen das Urteil sachlicher.

von
A. Fumagalli, Mannheim

Er galt schon vor dem Prozess als Staranwalt. Nach dem Freispruch für Jörg Kachelmann sind die Aktien von Verteidiger Johann Schwenn noch einmal in die Höhe geschnellt. Doch zum Jubeln war dem Hamburger nach dem Urteil nicht zumute. «Mit dem Freispruch muss man zufrieden sein», sagte er vor dem Gerichtsgebäude in Mannheim, ehe er zu seiner Richterschelte ansetzte: «Was man danach gehört hat, war von einer Erbärmlichkeit, die ihresgleichen sucht in einem Gerichtshof.»

Schwenn polterte, umringt von einer Heerschar von Medienschaffenden, das Gericht hätte «den Angeklagten zu gerne verurteilt». Sie habe aber gesehen, dass sie beim Bundesgerichtshof nicht durchkäme. «Herr Kachelmann wurde aufs Schäbigste behandelt», schloss der Hamburger seinen Frontalangriff gegen die Mannheimer Richter.

Schwenn ärgerte sich insbesondere über die Angriffe, die der Vorsitzende Richter Michael Seidling während der Urteilsbegründung gegen ihn führte. Schwenn habe die ganze Zeit versucht, den Anwesenden «wie Kleinkinder auf die Finger zu klopfen», erklärte Seidling. Insbesondere der Stil des Staranwalts war dem Richter ein Dorn im Auge. Mit einem klaren Seitenhieb gegen Schwenn dankte Richter Seidling dann Kachelmanns Pflichtverteidigerin Andrea Combe für deren «sachliches Plädoyer». Schwenn quittierte dies so, wie bei den Angriffen zuvor: Mit einem hämischen Lachen und Kopfschütteln.

«Schieflage zugunsten der Angeklagten»

Alice Schwarzer, Frauenrechtlerin der ersten Stunde und Gerichtsreporterin für die «Bild-Zeitung», teilte das vernichtende Urteil des Richtergremiums. Die Verteidigung sei «rabiat und völlig unangebracht» gewesen. Sie übte aber auch grundsätzliche Kritik am juristischen Umgang mit Vergewaltigungsfällen: «Unser Justizsystem gibt dem mutmasslichen Täter Vorteile. An dieser Schieflage zugunsten der Angeklagten muss unbedingt gearbeitet werden», so Schwarzer.

Weitere Prozessbeobachterinnen sehen das Urteil neutraler: «Ich habe grossen Respekt vor dem Gericht. Es hat in ehrlicher Weise erkenntlich gemacht, dass es bei der Urteilsfindung an seine Grenzen gestossen ist», sagt Gisela Friedrichsen, Gerichtsreporterin beim «Spiegel». Der Kachelmann-Freispruch könne gar Signalwirkung haben: «Frauen, die einen Mann der Vergewaltigung bezichtigen, werden daraus lehren, dass sie die Tatsachen nicht noch künstlich ausschmücken sollten.»

(Mitarbeit: Marius Egger)

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