Friedrich Dürrenmatt  - Starautor wurde fast 50 Jahre lang von Schweizer Geheimdienst abgehört
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Friedrich Dürrenmatt Starautor wurde fast 50 Jahre lang von Schweizer Geheimdienst abgehört

Der Berner Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt wurde fast ein halbes Jahrhundert staatlich überwacht. Das zeigt seine nun erstmals veröffentlichte Fiche.

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Bespitzelter Autor: Auch über Friedrich Dürrenmatt wurde eine Fiche erstellt.

Bespitzelter Autor: Auch über Friedrich Dürrenmatt wurde eine Fiche erstellt.

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Die Beamten hörten Dürrenmatts Telefon ab und notierten etwa seine Erkrankungen und politischen Engagements.

Die Beamten hörten Dürrenmatts Telefon ab und notierten etwa seine Erkrankungen und politischen Engagements.

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Einen Antrag für seine eigenen Geheimakten konnte Dürrenmatt nicht mehr stellen – er starb im Dezember 1990. 

Einen Antrag für seine eigenen Geheimakten konnte Dürrenmatt nicht mehr stellen – er starb im Dezember 1990.

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Darum gehts

  • Während des Kalten Krieges wurden in der Schweiz fast eine Million Menschen als potenzielle Gefährder in sogenannten Fichen registriert.

  • Eine dieser Fichen wurde auch zum weltberühmten Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt angefertigt.

  • Dürrenmatt wurde abgehört und seine Erkrankungen und politischen Engagements notiert.

Aus Angst vor kommunistischen Umtrieben bespitzelte der Schweizer Staat insbesondere zwischen den 1950er- und späten 1980er-Jahren zahlreiche linke Aktivistinnen und Aktivisten, Politikerinnen und Politiker und Organisationen. Über 900’000 Dossiers, sogenannte Fichen, enthielt die Kartei des Staatsschutzes.

Auch Friedrich Dürrenmatt, dessen Werke nach wie vor Pflichtstoff in den Schulen sind, wurde fast 50 Jahre lang überwacht. Das zeigen die Geheimakte und die insgesamt 17-seitigen Fichen zum weltberühmten Berner Schriftsteller, welche die «Sonntagszeitung» erstmals publiziert. Die Beamten hörten Dürrenmatts Telefon ab und notierten etwa seine Erkrankungen und politischen Engagements.

Eröffnet wurde Dürrenmatts Fiche bereits 1941. Demzufolge trat er am 17. Mai der Hochschulgruppe der «Eidgenössischen Sammlung» (ES) bei, die als Nachfolgeorganisation der 1940 aufgelösten Nationalen Front galt. An deren Zusammenkunft äusserte Dürrenmatt «den Wunsch, auch extreme Nationalsozialisten, also solche, die für einen Anschluss seien, in die ES bzw. deren Hochschulgruppe aufzunehmen. Seines Erachtens komme sowieso nur noch ein Anschluss in Frage», rapportierte ein anwesender Polizist. Dürrenmatt distanzierte sich später von seiner Mitgliedschaft bei der ES und bezeichnete sie als «nebulöses Parteinehmen für Hitler».

Ein weiterer Anlass, um das Telefon Dürrenmatts abzuhören, war seine Freundschaft mit dem Kunsthistoriker und Marxisten Konrad Farner, der mit seiner Familie in prekären Verhältnissen lebte. Zusammen mit Schriftsteller-Kollege Max Frisch sammelte Dürrenmatt Spenden für Farner. Eine Kopie des Rundschreibens der beiden Autoren wurde umgehend den Geheimakten beigefügt. «In Zusammenhang mit der Hilfsaktion ist bekannt geworden, dass Farner offenbar auch durch Dürrenmatt recht kräftig unterstützt wird», heisst es in der Fiche.

Den Fichenskandal im November 1989, bei dem das Ausmass der staatlichen Überwachung deutlich wurde (s. Box), hatte Dürrenmatt aber noch miterlebt. Seine Gedanken dazu liess er in seine berühmte Rede über die Schweiz als Gefängnis einfliessen: «Das Gefängnis braucht keine Mauern, weil seine Gefangenen Wärter sind und sich selbst bewachen.» Einen Antrag für seine eigenen Geheimakten konnte Dürrenmatt nicht mehr stellen – er starb im Dezember 1990.

Der Fichenskandal 1989

Am Sitz der Bundesanwaltschaft in Bern wurden zwischen 1900 und 1990 Karteikarten, sogenannte Fichen, aufbewahrt, die Informationen über rund 900'000 Personen und Organisationen enthielten. Ans Licht brachte die bundespolizeiliche Sammelwut eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) im Jahr 1989, die zur Untersuchung des Rücktritts von Bundesrätin Elisabeth Kopp eingesetzt worden war. Der Auftrag umfasste auch eine detaillierte Untersuchung der von der Bundesanwaltschaft betriebenen Staatsschutzaktivitäten und Datensammlungen auf so genannten Fichen (Registerkarten). Der Bericht der PUK rief einen Aufschrei der Empörung im Land hervor und zeigte: Beinahe jeder, dessen Aktivitäten im weitesten Sinn als links ausgelegt werden konnten, lief Gefahr, von den Staatsschützern fichiert zu werden.

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(sul)

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