03.06.2020 18:39

Rassismus in der SchweizStarben auch in der Schweiz Schwarze durch Polizeigewalt?

In den letzten vier Jahren sind drei Menschen in Schweizer Polizeihaft gestorben. Die Fälle werden auf Social Media mit dem gewaltsamen Tod von George Floyd verglichen.

von
Daniel Krähenbühl

Nach dem Tod des US-Afroamerikaners demonstrieren Zehntausende gegen den noch immer vorherrschenden gesellschaftlichen systemischen Rassismus. Auch in Zürich kam es am Montag zu einer Kundgebung mit über tausend Personen. Eine Teilnehmerin sagte, Rassismus sei nicht nur ein US-Problem, sondern komme auch in der Schweiz vor.

Auch auf Social Media kursiert ein Post mit der Überschrift «Dass passiert ja in Amerika und nicht hier», der die Namen dreier Personen aufführt, die in Schweizer Polizeigewahrsam gestorben sein sollen. Folgende Namen werden erwähnt: Mike Ben Peter, Lamine Fatty und Hervé Mandundu. Wie die Informationsplattform Humanrights.ch schreibt, haben die Fälle zwei Dinge gemeinsam: «Die Hautfarbe der Opfer – schwarz – und die Intransparenz der Behörden.» Was ist genau passiert?

Mike Ben Peter: 28. Februar 2018

Der 40-jährige Nigerianer Mike Ben Peter wurde im Rahmen einer Kontrolle gegen den Drogenhandel am Bahnhof Lausanne wegen «verdächtigen Verhaltens» verhaftet. Nicht einmal 24 Stunden später war er tot. Laut der Medienmitteilung der Kantonspolizei Waadt habe die kontrollierte Person «heftigen Widerstand» geleistet und von mehreren Beamten mit Handschellen gefesselt werden müssen. Unmittelbar nach seiner Verhaftung sei der Mann zusammengebrochen und habe das Bewusstsein verloren.

Die Polizei schreibt, dabei seien mehrere Kokainkügelchen neben seinem Gesicht und in seinem Mund entdeckt worden. Aufgrund seines «Unwohlseins» sei der Mann ins Lausanner Unispital CHUV gebracht worden, wo er dann schliesslich verstarb.

Die Familie von Ben Peter focht die Darstellung der Polizei von Beginn weg an. So habe eine toxikologische Analyse gezeigt, dass im Blut des Opfers keine Spuren von Drogen gefunden worden seien. Laut dem Anwalt der Familie, Simon Ntah, zeigte die Autopsie zudem, dass ein durch die Verhaftung herbeigeführter Herzstillstand die wahrscheinlichste Todesursache gewesen sei, wie «24 Heures» berichtet. Der Autopsiebericht zeige zudem, dass Ben Peter nach seinem Tod mehrere blaue Flecken am Körper, gebrochene Rippen und Läsionen an den Genitalien aufgewiesen habe. Sein Tod löste eine Welle der Empörung aus. An einer Kundgebung gegen institutionellen Rassismus nahmen nach seinem Tod fast tausend Personen teil.

Gegen sechs Polizeibeamte wurde nach Mike Ben Peters Tod wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Sie befinden sich jedoch noch immer im Dienst. Eine Untersuchung der Vorkommnisse läuft noch immer.

1 / 4
Nach Mike Ben Peters Tod kam es in Lausanne zu Kundgebungen.

Nach Mike Ben Peters Tod kam es in Lausanne zu Kundgebungen.

KEYSTONE
Die Teilnehmenden protestierten gegen den Rassismus in der Schweiz.

Die Teilnehmenden protestierten gegen den Rassismus in der Schweiz.

KEYSTONE
Der Tod des Nigerianers löste eine Welle der Empörung aus.

Der Tod des Nigerianers löste eine Welle der Empörung aus.

KEYSTONE

Lamine Fatty: 22. Oktober 2017

Mike Ben Peter war kein Einzelfall. Der gambische Asylsuchende Lamine Fatty (23) wurde aufgrund einer Namensverwechslung in Lausanne verhaftet und kam ins Gefängnis. Die Beamten merkten nicht, dass er aufgrund seiner Epilepsie-Erkrankung kurz zuvor am Hirn operiert worden war. Fatty starb laut 24heures.ch in der Folge zwei Tage später «unter ungeklärten Umständen» in seiner Gefängniszelle.

Hervé Mandundu: 6. November 2016

Der 27-jährige Kongolese Hervé Mandundu wurde bei einem Polizeieinsatz in Bex VD von einem Beamten erschossen. Laut der Medienmitteilung der Waadtländer Kantonspolizei habe ein Bewohner des Gebäudes, in dem Mandundu wohnte, die Polizei angerufen. Als zwei Patrouillen im Gebäude angekommen seien, sei Mandundu mit einem Küchenmesser in der Hand auf die Polizisten im Treppenhaus zugelaufen.

Nach Angaben der Eltern wurden drei Schüsse abgegeben, wie die Informationsplattform für Asylsuchende Voix d’Exils berichtet. Demnach sei eine Kugel unterhalb der Hüfte, die andere im Oberschenkel und die dritte im Herzen gelandet. Der Vater sagte damals, er wolle «der Justiz Raum geben, um den Fall vollständig aufzuklären, da zurzeit mehrere Versionen der Wahrheit im Umlauf sind und wir nicht wissen, wem wir glauben sollen».

Claudio: 28. Oktober 2016

Der in Lausanne aufgewachsener Kapverdier Claudio wurde spätabends in der Stadt auf einer Joggingrunde von Polizisten fälschlicherweise für einen Drogendealer gehalten. Nach der gewaltsamen Festnahme durch die Beamten landete der 31-jährige Elektriker mit zahlreichen Verletzungen in der Notaufnahme, wie Lematin.ch berichtet. Claudio habe nach dem Vorfall eine Anzeige eingereicht, berichtete«24 Heures». Zwei der fünf beteiligten Polizisten hätten ihn daraufhin angezeigt, weil er sich gewaltsam gegen die Überprüfung seiner Identität gewehrt habe. Laut der Zeitung kam es nie zu einer Verurteilung.

«Gesetzliche Bestimmungen werden strikt angewendet»

Auf Anfrage von 20 Minuten sagt Jean-Christophe Sauterel von der Kantonspolizei Waadt, dass die Polizeibeamten die gesetzlichen Bestimmungen unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismässigkeit und Zweckmässigkeit strikt anwenden würden. «Die Beamten haben ihre Anpassungsfähigkeit im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie unter Beweis gestellt, indem sie bei der Bewältigung komplexer Situationen gesunden Menschenverstand bewiesen und gleichzeitig die Nähe zur Waadtländer Bevölkerung aufrechterhalten haben.»

Die inhaltliche, methodische und didaktische Ausbildung der Beamten werde vom Schweizerischen Polizei-Institut in Neuenburg koordiniert, sagt Sauterel. Das Phänomen des lagebedingten Erstickungstodes, das durch eine unsachgemässe Fesselung am Boden vorkommen kann, werde in einem Handbuch zur persönlichen Sicherheit umfassend und detailliert behandelt.

«Vorurteil, dass von Dunkelhäutigen eine erhöhte Gefahr ausgeht»

«Es ist definitiv nicht so, dass Rassismus bei Polizisten nur in den USA vorkommt», sagt Andi Geu, Ko-Geschäftsführer des National Coalition Building Institute Schweiz (NCBI). Der gemeinnützige Verein setzt sich für den Abbau von Vorurteilen, Rassismus und Diskriminierung ein. Auch hierzulande seien schon Menschen bei Verhaftungen, in Haft oder bei Ausschaffungen gestorben. Es sei ein verbreitetes Vorurteil, dass von dunkelhäutigen Personen, Muslimen oder Sinti und Roma eine überproportionale Gefahr ausgehe, sagt Geu. «Die Gefahr besteht dann, dass die Beamten übertriebene, unfaire oder sogar demütigende Massnahmen ergreifen.»

Wichtig sei daher, dass Polizisten lernen, den strukturellen Rassismus als solchen zu erkennen. «Es ist nicht so, dass alle Polizisten Rassisten wären – ganz und gar nicht», sagt Geu, «aber die Beamten haben etwa den Auftrag, gegen den Drogenhandel und gegen ausländerrechtliche Verstösse vorzugehen.» Diese Unterscheidung zwischen regulärer Kontrolle und Racial Profiling sei eine Gratwanderung. Gemäss internationaler Rechtsprechung braucht es als Begründung für eine Kontrolle ein individuelles Merkmal, das zeigt, dass die Person verdächtig ist.

Ausbildung soll Fokus auf Racial Profiling legen

Als problematisch erachtet Geu, dass Beschwerden gegen Polizisten von den jeweiligen Staatsanwaltschaften behandelt werden. «Polizisten und die Staatsanwälte arbeiten sehr eng zusammen und sind auf eine gute Kooperation angewiesen. Wenn es eine Beschwerde oder Anzeige gegen einen Polizisten gibt, besteht die Gefahr, dass die nötige Objektivität bei der Beurteilung fehlt», sagt Geu. «Um die Rechtsprechung neutraler und objektiver zu machen, müssten die Fälle von ausserkantonalen Staatsanwälte behandelt werden – oder man richtet eine unabhängige Beschwerdeinstanz ein.»

Dominic Pugatsch, Geschäftsführer der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, betont die Wichtigkeit der Ausbildung bei den kantonalen Polizeikorps. «Die Polizisten müssen wissen, was Racial Profiling überhaupt ist und wie sie damit umgehen sollen.» Bei der Zürcher Polizei gebe es etwa Schulungen darüber und auch gewisse Kontrollmechanismen wie die statistische Erfassung der Personenkontrollen, um Racial Profiling möglichst vorzubeugen. «Es ist wichtig, dass die Polizei Instrumente hat, damit sich genau solche dramatischen Fälle nicht wiederholen.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.