Aktualisiert 21.05.2012 05:07

Kirchturm eingestürztStarkes Nachbeben im Norden Italiens

Nach dem Erdbeben der Stärke 5,9 in der Region um Bologna in Norditalien ist ein siebtes Todesopfer zu beklagen. Rund 100 Nachbeben folgten - eines davon besonders heftig.

von
aeg

Nach dem schweren Erdbeben in Norditalien haben tausende Menschen die Nacht zum Montag in Notunterkünften oder bei Freunden und Verwandten verbracht. Erneut wurde die Region Emilia Romagna von Nachbeben erschüttert. Die schwersten Erdstösse erreichten dabei in der Nacht eine Stärke von 3,7.

Am Sonntag hatte ein heftiges Erdbeben der Stärke 5,9 mindestens sieben Menschen in den Tod gerissen. Vier Arbeiter kamen in den Trümmern ihrer Fabriken ums Leben, wie Medien wenige Stunden nach dem Beben berichteten. Dutzende weitere wurden verletzt, wie die Rettungsmannschaften mitteilten.

Regierungschef Mario Monti sagte den Opfern Hilfe zu. «In diesen Momenten fühlt das ganze Land mit denen, die leiden», sagte Monti. Er werde vorzeitig von dem NATO-Gipfel in Chicago abreisen, ergänzte er laut der Nachrichtenagentur Ansa. Als Grund nannte er auch den tödlichen Anschlag auf eine Berufsschule in Brindisi.

Verletzter Feuerwehrmann

Das Epizentrum lag rund 36 Kilometer nördlich von Bologna in der Provinz Modena. Das Beben ereignete sich in einer vergleichbar geringen Tiefe von zehn Kilometern. Es wurden über 100 Nachbeben gemeldet.

Eines davon war am Sonntagnachmittag besonders heftig. Ein Teil des Rathauses von Sant'Agostino di Ferrara, das schon bei dem vorangegangenen Beben am frühen Morgen beschädigt worden war, wurde zerstört. In der Stadt Finale Emilia stürzte ein Kirchturm ein. Ein Feuerwehrmann wurde dabei verletzt. Das Nationale Institut für Geophysik gab die Stärke des Nachbebens mit 5.1 an.

Viele Verletzte

Die Trümmer einer Keramikfabrik erschlugen den Berichten zufolge zwei Beschäftigte der Nachtschicht in Sant'Agostino bei Ferrara. Ein anderer Arbeiter wurde laut Fernsehsender Rai dort unter dem eingestürzten Dach einer Giesserei tot gefunden.

Ein weiteres Todesopfer entdeckte man in einer eingestürzten Fabrikhalle in Bondeno, etwa 15 Kilometer nördlich von Sant'Agostino. Mehrere Dutzend Menschen wurden nach ersten Angaben verletzt.

Anderthalb Stunden nach dem Beben wackelte die Erde erneut: Um 5.35 Uhr habe es ein Nachbeben der Stärke 3,3 geben, um 5.44 Uhr folgten laut Nachrichtenagentur Ansa Stösse der Stärke 2,9. Am schlimmsten betroffen seien die Provinzen von Modena und Ferrara. Betroffen waren aber auch Bologna, Mantova und Rovigo.

Tod wegen Panik

Eine Deutsche starb kurz nach dem Erdbeben. Die 37-Jährige, die sich aus beruflichen Gründen in Sant'Alberto di San Pietro in Casale in der Region von Bologna aufhielt, habe nach den Erdstössen Atemprobleme bekommen und das Bewusstsein verloren, berichtete Ansa.

Gegen 4.40 Uhr habe ein Mann die Rettungskräfte alarmiert. Vermutet wird, dass die Panik den Tod der Frau ausgelöst haben könnte. Die genaue Herkunft der 37-Jährigen wurde nicht bekannt.

In Sant'Agostino kam eine über hundertjährige Frau ums Leben. Laut Ansa könnte auch sie aufgrund des Schrecks gestorben sein. Ein fünfjähriges Mädchen wurde in dem ebenfalls stark betroffenen Ort Finale Emilia aus den Trümmern gerettet.

Das Fernsehen zeigte schwer beschädigte Gebäude, Trümmer lagen vielerorts auf der Strasse. Augenzeugen berichteten, es seien Gebäude, Kirchen und Türme eingestürzt. Manche Menschen seien aus Panik im Schlafanzug auf die Strasse gelaufen.

Auch in Mailand habe Angst geherrscht. Mancherorts wagten sich die Menschen nicht zurück in ihre Häuser. In der Provinz Venetien waren die Stösse ebenfalls zu spüren. In Venedig habe es aber keine Schäden gegeben.

Kirche eingestürzt

Das Epizentrum lag in der Po-Ebene in einer Tiefe von etwa zehn Kilometern, hiess es unter Berufung auf das Nationale Geophysikalische und Vulkanologische Institut. Die schwersten Schäden gab es Ansa zufolge in dem Ort San Felice und in Finale Emilia.

In San Felice stürzte eine Kirche ein, und viele historische Gebäude wurden schwer beschädigt. In Finale Emilia seien schwer kranke Patienten vorsorglich aus dem Spital gebracht worden. Laut «corriere.it» stürzte in dem Ort auch ein Turm ein.

Die Zahl der Verletzten ist unklar. Das Fernsehen Rai berichtete von 50 Verletzten. Laut Ansa gab es in den Regionen Ferrara und Modena mehr als 200 Notrufe im Zusammenhang mit Verletzten oder Menschen mit sonstigen gesundheitlichen Problemen. Im Raum Ferrara seien 28 Menschen ins Spital gebracht worden, in der Region Modena wurden neun Menschen mittelschwer verletzt.

Die Kommunalwahlen, bei denen die Bürger am Sonntag und Montag in insgesamt rund 120 italienischen Städten und Gemeinden in Stichwahlen ihren neuen Bürgermeister bestimmen, könnten auch im Erdbebengebiet wie geplant stattfinden, berichtet die Rai.

In der Schweiz spürbar

Das Beben sei fast so stark gewesen wie das von Aquila, schreibt die Ansa. Am 6. April 2009 hatte ein Beben der Stärke 6,2 die Stadt in den Abruzzen erschüttert und schwere Schäden angerichtet.

Offenbar war das Beben auch im Süden der Schweiz spürbar. Zahlreiche Leser-Reporter berichten von Erdstössen aus dem Engadin und dem Wallis. Allerdings ist von Schäden hierzulande nichts bekannt.

(Videos: YouTube/SkyTG24)

(Video: YouTube/Youreporter)

Epizentrum in Finale Emilia:

(aeg/sda)

Kunstschätze schwer beschädigt

Nach dem schweren Erdbeben in der norditalienischen Region Emilia Romagna meldeten die Behörden auch viele Kilometer fern vom Epizentrum schwere Schäden an Kunstwerken und Kulturgütern.

Die Schäden bei Monumenten und Gebäuden mit historischer Bedeutung seien erheblich, teilten Experten des italienischen Kulturministeriums in Rom am Sonntag mit. Feuerwehrmannschaften seien am Werk, um das genaue Ausmass festzustellen. Besonders betroffen seien Kirchen und Schlösser in den Provinzen Modena, Bologna und Ferrara.

60 Prozent aller Monumente und Gebäude mit historischer Bedeutung sind in Italien erdbebengefährdet, geht aus einer Studie des italienischen Kulturministeriums in Rom hervor. Über 150'000 historische Bauten befinden sich in Gebieten mit hohem Erdbebenrisiko.

Das verheerende Erdbeben in den mittelitalienischen Abruzzen im April 2009 hatte viele Kunstschätze unwiederbringlich zerstört. Ein Grossteil der mittelalterlichen Monumente und die Kirchen in L'Aquila wurden schwer beschädigt.

Am stärksten betroffen waren die Kirche Santa Maria di Collemaggio aus dem 13. Jahrhundert sowie die monumentale Basilika des Heiligen Bernhard in von Siena aus dem 15. Jahrhundert.

300 000 Parmesan-Käselaiber zerstört

Das schwere Erdbeben in Norditalien hat auch die Parmesan-Käsereien in der Region schwer getroffen. Nach Branchenangaben wurden am Sonntag mehr als 300 000 Laiber der beliebten Hartkäse-Sorten Parmigiano Reggiano und Grana Padano sowie mehrere Lagerhäuser zerstört.

Der Schaden belaufe sich laut einer ersten Schätzung auf insgesamt 250 Millionen Euro, teilte der Chef des Konsortiums für den Schutz von Grana Padano, Stefano Berni, mit. Glücklicherweise habe es aber keine Toten und Verletzten gegeben.

Der Parmigiano Reggiano, dessen Name von der Stadt Parma abgeleitet ist, wird nur in der norditalienischen Region Emilia- Romagna hergestellt, die von dem Erdbeben der Stärke 6,0 am Sonntag besonders getroffen wurde.

Der mildere Grana Padano wird in der gesamten Po-Ebene, in der Lombardei, im Piemont und in Venetien produziert. Beide Namen sind seit 1996 europaweit als Ursprungsbezeichnung geschützt. Die einzelnen Käseräder wiegen zwischen 25 und 40 Kilogramm. (sda)

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