Gülle, Pestizide, Klärschlamm weggeschwemmt - «Starkregen kann zur Verschmutzung des Trinkwassers führen»
Aktualisiert

Gülle, Pestizide, Klärschlamm weggeschwemmt«Starkregen kann zur Verschmutzung des Trinkwassers führen»

In den letzten Tagen kam es schweizweit zu Wasserverschmutzungen. Schuld dafür sind unter anderem überlaufende Kläranlagen, ausgebrachte Gülle und das Sprühen von Pestiziden.

von
Gabriela Graber
1 / 4
Gülle, Pestizide, überlaufene Kläranlagen: Laut Experten ein Hauptgrund für verschmutztes Trinkwasser. 

Gülle, Pestizide, überlaufene Kläranlagen: Laut Experten ein Hauptgrund für verschmutztes Trinkwasser.

Luzerner Polizei
Mehrere Gemeinden mussten ihre Bewohner dazu auffordern, das Trinkwasser abzukochen. 

Mehrere Gemeinden mussten ihre Bewohner dazu auffordern, das Trinkwasser abzukochen.

Getty Images/iStockphoto
Im Neuenburgersee bei Cudrefin VD ist gar das Baden bis auf Weiteres verboten. Nach den heftigen Gewittern von letzter Woche ist das Wasser mit Fäkalbakterien verschmutzt.

Im Neuenburgersee bei Cudrefin VD ist gar das Baden bis auf Weiteres verboten. Nach den heftigen Gewittern von letzter Woche ist das Wasser mit Fäkalbakterien verschmutzt.

Privat

Darum gehts

  • In den vergangenen Tagen und Wochen kam es in verschiedenen Gemeinden zu Trinkwasserverschmutzungen.

  • Grund dafür ist laut Experten der Starkregen, der unter anderem zu einem Überlaufen der Kläranlagen führt.

  • Ausserdem gelangen mit dem Regen Schmutz- und Schadstoffe aus Landwirtschaft und Siedlungsflächen in das Grundwasser.

In Hettiswil im Emmental, in zwei Gemeinden in der Nähe von Yverdon sowie in Zell ZH kam es in den letzten Tagen nach den heftigen Unwettern zu Trinkwasserverschmutzungen. Zudem herrschte in Cudrefin am Neuenburgersee Badeverbot – wegen einer zu hohen Konzentration an E.Coli-Bakterien.

Gemäss dem Bund dürften solche extremen Wettereignisse zunehmen: «Starkniederschläge werden in Zukunft wahrscheinlich merklich häufiger und intensiver, als wir es heute erleben», entnimmt man dem Bericht «CH2018 - Klimaszenarien für die Schweiz» vom National Centre for Climate Services NCCS. Dass heftige Niederschläge zu Wasserverschmutzungen führen können, sagen auch Experten.

Starkregen beeinträchtigt Reinigungswirkung der Böden

«Starkniederschläge können zu einer Verschmutzung der Trinkwasserinfrastruktur führen: Durch Auswaschen von Schmutz- und Schadstoffen aus Landwirtschaft und Siedlungsflächen, Verschmutzung von Trink- und Grundwasser durch organisches Material oder einfach durch Schäden an der Trinkwasserinfrastruktur», so Franz Störch, Geschäftsbereichsleiter für die Wasserversorgung der Firma CSD Ingenieure. Bei starken Regenfällen würde zudem die natürliche Reinigungswirkung der Böden beeinträchtigt.

Kurzfristige Massnahme können laut Störch zum Beispiel ein gutes Qualitätsmanagement in der Wasserversorgung oder die Zusammenarbeit der Gemeinden sein. Durch bessere Vernetzung könne so eine Gemeinde Wasser von einer anderen beziehen, falls die eigene Versorgung kurzzeitig kontaminiert ist. «Damit vermeide ich jedoch nicht die Verschmutzung an sich, sondern Engpässe bei der Versorgung, falls Wasser kontaminiert sein sollte», so Störch. Als langfristige Massnahme nennt der Umweltingenieur alle Bestrebungen, die gegen die Klimaerwärmung unternommen werden.

Kläranlagen, Gülle und Pestizide

Ein weiteres Problem sind gemäss Daniel Hartmann, Experte für Grundwasserschutz die Abwasserreinigungsanlagen: «Bei starkem Regen können Kläranlagen überlaufen. Dies kann dazu führen, dass das Wasser nicht lange genug geklärt und verschmutzt abgeleitet wird.»

Verschmutzungen würden zudem von diversen geographischen Faktoren beeinflusst, sagt der ehemalige Leiter der Sektion Grundwasserschutz des Bundesamts für Umwelt weiter. Gülle oder Pestizide, die in der Nähe von Trinkwasserfassungen oder an Hängen gespritzt werden, würden leichter in benachbarte Gewässer abgeschwemmt und ins Grundwasser ausgewaschen.

Das Projekt «Wasserversorgung 2025» des Bundesamtes für Umwelt habe eine Vielzahl an Handlungsempfehlungen herausgearbeitet, wie das Trinkwasser auch in einer vom Klimawandel geprägten Zukunft geschützt und genutzt werden kann, so Hartmann.

Raumplanerische Massnahmen

«Mit extremen Wetterereignissen können wir umgehen, mit der permanenten Kontamination der Böden durch Pestizide oder durch hohe Siedlungsdichten nicht», sagt Rolf Meier, Vizedirektor des Fachverbandes der Wasser-, Gas- und Wärmeversorger. Für den Wasserversorgungsexperten muss deshalb der Fokus auf raumplanerische Massnahmen gesetzt werden: «Trinkwasser-Schutzzonen und Zuströmbereiche müssen ausgeschieden und der Pestizideinsatz in diesen Bereichen reduziert werden. Dafür müssen der Bund und die Kantone raumplanerische Aufgaben wahrnehmen und umsetzen.»

Dass das Schweizer Leitungswasser in Zukunft nicht mehr trinkbar sein könnte, bezweifeln alle drei Experten. «80 Prozent des Wassers, das an die Verbraucher abgegeben wird, ist naturbelassen und wird nicht oder nur geringfügig aufbereitet. Europaweit sind wir in der Spitzengruppe unterwegs. In Zukunft werden wir wahrscheinlich stärker herausgefordert sein, aber wir werden uns dafür einsetzen, dass uns dieses Privileg erhalten bleibt», sagt Meier.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

3 Kommentare